An den jungen, schüchternen Mann kann sich André Trulsen noch gut erinnern. Nettes Lächeln, freundliche Erscheinung und sehr darauf bedacht, nicht aufzufallen. In der Kabine habe er sich immer ruhig verhalten. Kurzum: Dieser Neue, der da im Spätsommer 2019 zum FC St. Pauli kam, brachte eigentlich alles mit, um schnell wieder in Vergessenheit zu geraten. „St. Pauli ist vielleicht nicht unbedingt ein Ort, der für Introvertierte als idealer Fleck gilt“, sagt Trulsen und lacht. Er weiß, wovon er redet. Geboren in Hamburg, trug der heute 60-Jährige so viele Jahre das braun-weiße Trikot des Stadtteilklubs, dass er dort als Legende verehrt wird. „Truller“, wie er gerufen wird, hat als Spieler und später als Ko-Trainer viele kommen und gehen sehen, aber dieser Junge von damals, der war dann doch besonders. „Abseits des Platzes gab er sich größte Mühe, nicht aufzufallen, aber wenn es um Fußball ging, dann ackerte er wie ein Besessener. Nach jedem Training legte er Extraschichten ein, schoss aufs Tor, auch wenn längst schon alle unter der Dusche waren“, sagt Trulsen. Dieser Ehrgeiz, dieser Wille. Trulsen war beeindruckt. „Er war ja nur ausgeliehen, seine Zeit auf St. Pauli war von vorneherein begrenzt. Manch einer lässt es unter diesen Umständen auch ruhiger angehen“, sagt Trulsen. Nicht aber Viktor Gyökeres, um den es hier geht. Eine ungewöhnliche Biografie Fleiß und Wille haben sich ausgezahlt, Gyökeres hat St. Pauli nach zehn Monaten tatsächlich verlassen. Sechs Jahre später zählt er zu den teuersten Fußballspielern der Welt. Im vergangenen Sommer wechselte er für rund 70 Millionen Euro von Sporting Lissabon zum FC Arsenal. Mit den Londonern trifft er an diesem Mittwoch im Achtelfinale der Champions League auf Bayer Leverkusen (18.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN). Das soll nur eine Zwischenstation sein, Arsenal gilt aktuell als einer der Favoriten auf den Gewinn der Champions League. Auch dank Gyökeres, der in dieser Saison auf 15 Pflichtspieltore kommt. „Dass sich jemand mit seiner Biografie bis in die absolute Weltspitze entwickelt, ist tatsächlich ungewöhnlich“, sagt Trulsen, der Gyökeres als Ko-Trainer beim FC St. Pauli trainierte. Ungewöhnlich, weil der heute 27 Jahre alte Stürmer nie zu den Hochbegabten gehörte wie die meisten seiner Mitspieler oder eine Ausbildung an einer renommierten Akademie erhielt. Als sein jetziger, gleich alter Teamkollege Martin Ödegaard 2015 im Alter von 16 Jahren zu Real Madrid wechselte, gab Gyökeres gerade sein Debüt in der dritten schwedischen Liga für einen Verein namens IF Brommapojkarna, der mit mehr als 4000 kickenden Mitgliedern als größter Fußball-Breitensportverein Europas gilt. Spitzenförderung ist nicht unbedingt das oberste Anliegen dort. Trotzdem stieg er mit dem Klub von der dritten in die zweite schwedische Liga auf, ehe es ihn nach England zu Brighton & Hove Albion zog. Dort wurde er mehrmals verliehen, unter anderem zum FC St. Pauli. Bei seiner Ankunft in Hamburg betrug sein Marktwert rund 800.000 Euro. In der zweiten deutschen Liga spielte Gyökeres als 21-Jähriger eine solide Saison, mehr aber auch nicht. Sein erstes Tor erzielte er als Einwechselspieler gegen Arminia Bielefeld. Am Ende kam er auf sieben Treffer in 26 Einsätzen. „Das war ordentlich, aber nichts, was auf eine spätere Weltkarriere schließen lässt“, sagt Trulsen. Teile seines Spiels erinnern an Erling Haaland Trulsen, der inzwischen bei Altona 93 tätig ist, würde gerne behaupten, er hätte Gyökeres Talent, seinen unverhofften Aufstieg als Erster geahnt und gesehen, was andere nicht gesehen haben, aber dafür ist er viel zu ehrlich. „Viktor ist ein Spätentwickler und ein gutes Beispiel dafür, dass man mit der richtigen Einstellung sehr viel erreichen kann. Aber auf dem Niveau, auf dem er inzwischen angekommen ist, ist er die Ausnahme“, sagt Trulsen. In der zweiten englischen Liga begann Gyökeres, dessen Großvater aus Ungarn nach Schweden gekommen war, seine Gefährlichkeit anzudeuten. So richtig aufmerksam aber machte er bei Sporting Lissabon, wo er in 66 Spielen 68 Tore schoss. Mit dieser Quote konnte er sich seinen nächsten Verein im Grunde aussuchen, viele europäische Spitzenklubs umwarben ihn. Seine Wahl fiel auf Arsenal, wo er inzwischen zu einer wichtigen Stütze geworden ist. Arsenal führt die Premier League an und besitzt auch in der Champions League beste Möglichkeiten. Die Vorrunde hatte die Mannschaft von Trainer Mikel Arteta als Erster beendet. Gyökeres gibt der Mannschaft ein Profil, wie sie es bisher nicht hatte. Ein großer, bulliger Angreifer, Typ Vollstrecker, fehlte lange im Kader. In manchen Teilen seines Spiels erinnert Gyökeres an Erling Haaland, der mit Manchester City den FC Arsenal in der Liga jagt. Wenn es zeitlich passt, schaut André Trulsen seinem ehemaligen Spieler im Fernsehen gerne zu. Was andere Vereine aus dessen Werdegang lernen können? „Dass man mit jungen Spielern Geduld haben muss. Nicht jeder ist mit 19 oder 20 gleich bereit für ganz große Aufgaben“, sagt Trulsen. So wie Viktor Gyökeres, der sechs Jahre nach seiner Zeit in Hamburg mit dem FC Arsenal nach den wichtigsten Titeln im Vereinsfußball greift.
