Die erste Boys/Girls-Crossover-Folge dieser Staffel von Germany’s Next Topmodel hält mehr Enttäuschungen parat als eine FDP-Wahlparty. Zwar geht es für die 26-köpfige Reisetruppe Klum vom kalten Deutschland ins sonnige Kalifornien – statt im wortreich angeteaserten Los Angeles landen die Anwärter auf das „Harper’s Bazaar“-Cover allerdings in einem Wald in Oakland. Wer also das Fünf-Sterne-Luxus-Penthouse in Downtown L.A. erwartet hatte, in dem das Klum-Geschwader in den Vorjahren seine Basis für erste Gehversuche im Modelbusiness aufgeschlagen hatte, bleibt unzufriedener zurück als Timothée Chalamet nach der Oscar-Verleihung. Zumal dieser überraschende Locationwechsel auch konzeptionell keine Logik ausstrahlt. Es gibt Bäume, Büsche, Natur, Grillplätze und Mehrbettzimmer in Holzhäusern. Da hätte man sich die 200 Interkontinentalflüge auch sparen und in eine Hütte in der Berliner Wuhlheide ziehen können. Aber es kommt noch schlimmer. Die Model-Range in Oakland bleibt nicht der einzige Tiefschlag für die größtenteils dennoch pflichtbegeistert kreischenden Modelaspirantinnen. Eine Botschaft von Heidi Klum verrät nämlich: „Ihr lernt heute noch die Jungs kennen!“ Na toll. Erst kein Penthouse und dann auch noch keinen Mädelsabend. Oder wie Alex Mariah Peter, die GNTM-Gewinnerin von 2021, sagt: „Ich finde Männer belastend!“ Ihr kennt euch nicht, aber egal, Zunge da rein jetzt! Nun sind sie ein paar Minuten später aber halt da, und dann muss man eben das Beste daraus machen. Zum Beispiel voneinander lernen. Yanneck zum Beispiel lernt gleich in den ersten Minuten recht viel, vor allem das Konzept Doppelbett: „Es schlafen immer zwei in einem Bett, richtig?“ Auch Alexavius ist von der Geschlechtervermischung angetan: „Das gibt neue Dynamik, es werden sich Duos bilden!“ Damit die Duobildung der GNTM-Sweethearts nicht zu lange dauert, schickt Dating-Papst Heidi Klum direkt alle, die sich vor etwa drei Sekunden kennengelernt hatten, in eine erotische Kuss-Challenge. Zu Hause vor den Bildschirmen fragen sich alteingesessene Casting-Fans verwundert, wann aus „GNTM ist keine Dating-Show“ eigentlich „Ihr kennt euch nicht, aber egal, Zunge da rein jetzt!“ geworden ist. Ich hatte Telefonate mit meiner Mutter, die länger waren als die Zeit zwischen Kennenlernen und erstem Kuss der GNTM-Kandidaten. Von null auf Cringe-Festspiele, da schlägt die Unangenehm-Skala aber ganz schnell Richtung Thomas-Gottschalk-Beingrapscher. Sofort wird klar: Das „G“ in GNTM steht für Safe Place. Wenigstens dürfen sich die Zwangsküsser ihre Bussipartner selbst aussuchen. Da Luis eine Freundin hat, „war klar, dass ich was mit einem Mann mache“. Nice. Offene Beziehungen sind ja inzwischen im Trend. Profiteur dieser progressiven Couple-Philosophie ist Alexavius. Er kann sein Glück als Luis-Auserwählter kaum fassen: „Wir sind schon ein Killer-Duo“. Also sowas wie Bonnie und Clyde. „Der Funke ist bei keinem übergesprungen“ Marlene hingegen ist vom Y-Chromosomangebot enttäuscht: „Der Funke ist bei keinem übergesprungen“. Folgerichtig schaltet sie in den Friendly Fire Modus: „Ich weiß, dass Nana einen Freund hat, also habe ich sie genommen!“ Aha. Die Logik des antizyklischen Körperflüssigkeitsaustauschs. Das ist ein bisschen wie: „Ich weiß, dass Nana kein Fleisch isst, also habe ich Hühnchen bestellt!“ Antonia sieht die Pärchenpflicht gelassener: „Ich bin nicht bei GNTM für Romanze, aber wenn es passiert, passiert’s!“ Und was soll ich sagen? Es ist passiert! Statt tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert, geht sie bei Louis direkt All In. Merret hingegen hadert noch ein bisschen mit der Aussicht auf kamerataugliches Sofortkuscheln mit Boureima: „Körperliche Nähe bei fremden Menschen ist nicht auf meiner To-Do-Liste!“ Aber was die Mädchen gerne tun, war Heidi Klum schon immer egal. Sie freut sich einfach auf eine neue Gelegenheit, schlüpfrige Zotensprüche an peinlich berührte Kandidaten durchzureichen. Bevor dann vor der Kamera von Starfotograf Vijat Mohindra die ersten Lippen aufeinanderprallen, gibt es einen Werbeblock. Blutjunge Bundeswehrsoldaten verraten darin, warum sie Wehrdienst machen. Eine geniale Werbestrategie. Wer nach dieser Softerotik-Ankündigung ein bisschen Aggressionen abbauen möchte, ist vermutlich deutlich empfänglicher dafür, sich langfristig einer Bodenkampftruppe anzuschließen, als der durchschnittliche GNTM-Zuschauer. „Vielleicht mögen die das ja auch!“ Heidi Klum ist derweil um Schadensbegrenzung bemüht: „Ich zwinge die ja nicht dazu, also wenn die sich nicht küssen ...“ Ja, dann fliegen die halt raus. Aber dazu kommt es zunächst nicht, denn die meisten küssen sich artig. Marlene und Nana adelt sie sogleich mit dem Urteil: „Superschön, wie die beiden sich anfassen!“ Beeindruckendes Sicherheitskonzept: Küssen muss nicht, aber anfassen wäre gut. Wenn da jetzt noch Stroh rumliegen würde, wäre der Porno-Grand-Slam vollständig. Jeglichen Zweifel an ihrem Kusskonzept wischt Klum selbstsicher weg: „Ich würde gerne wissen, was in deren Köpfen vorgeht. Vielleicht mögen die das ja auch!“ Ja, vielleicht. Sich die Frage zu stellen, ob das von 26 Kandidaten eventuell auch jemand nicht mag, wäre allerdings wichtiger gewesen. Die jedoch fehlt unentschuldigter als Antisemitismusbekämpfung auf Parteitagen der Linkspartei. Nach ein paar wilden Verbalferkeleien von Klum („Ich habe es gewusst! Daphne und Jayden sind so rammelig!“) gibt es noch ein paar Grammatikbonmots gratis dazu: „Ihr habt meistens immer den Hinterkopf gezeigt“. „Meistens immer“, eine Formulierung, fast so schön wie „selten nie“. Zu dem Zeitpunkt sind schon so viele Lippen von sich völlig unbekannten Oakland-Modeltouristen wund geküsst worden, dass auch Merret ihr Berufstechtelmechtel mit Boureima nicht mehr so schlimm findet: „Wir kannten uns nicht und dann war unsere erste Unterhaltung so, wo können wir uns anfassen?“ Offenbar überall, denn Vijat Mohindra hat kaum das erste Mal den Auslöser gedrückt, da gehen bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften bereits die ersten empörten Beschwerdemails mit der Betreffzeile „Skandal! Porno vor 22 Uhr!“ ein. Am Ende wackeln von 13 Pärchen drei, nämlich Jana/Felix, Aurélie/Juna sowie Eileen/Lukas. Quotenoptimierend vertagt Klum ihre Entscheidung, wer bereits nach nur einem Tag in den USA wieder die Heimreise antreten muss, jedoch auf den Folgetag. Wir alle müssen also in 24 Stunden wieder ran! Bis dann!
