Ein Auftritt von Scott Galloway ist wie eine Reise um die Welt. Eine rasante Reise. Der Professor, der an der NYU Stern School of Business lehrt, hat sich in den vergangenen Jahren an Vorhersagen zu Technologie und Gesellschaften einen Namen gemacht, und mit seinen Erwartungen lag er oft richtig. Auf dem Digitalfestival OMR vor einigen Wochen in Hamburg stellte er seine Vorhersagen für das Jahr 2026 vor. Und die waren durchaus überraschend. Der Hype um Künstliche Intelligenz (KI) werde eine interessante Wende nehmen. Galloway gab sich nämlich überzeugt, dass die rasante Nachfrage nach der physischen KI-Infrastruktur ein Ende findet. Der Ausbau von Rechenzentren laufe viel schneller als die tatsächliche, profitable Nutzung durch Endverbraucher. Die extrem hohen Energiekosten, steigende Strompreise und das sinkende Vertrauen der Bevölkerung in den unmittelbaren Nutzen von KI führen seiner Meinung nach dazu, dass dadurch eine Rechenzentren-Blase platzen könnte. Droht Open AI das Schicksal von „Netscape“? Eine sehr klare Meinung hatte Galloway auch zum Anbieter Open AI: Das KI-Unternehmen könnte zu einem „Netscape unserer Ära“ werden, sagte er auf der OMR. Die Älteren werden sich erinnern, Netscape war eine der ersten Suchmaschinen des frühen Internets. Das Unternehmen war dann sehr schnell Geschichte, weil es von der Konkurrenz überholt wurde. So könnte es auch Open AI ergehen. Konkurrenten wie Anthropic (stark im Unternehmenskundenbereich) und Alphabet (Google Gemini) haben massiv aufgeholt. Zudem drängen günstige Modelle aus China auf den Markt. Auch bei Galloways Vortrag wurde damit wieder deutlich, dass Anleger besonders auf Google und damit auf die Aktie der Muttergesellschaft Alphabet achten sollten. Die Aktie von Alphabet, dem Mutterkonzern von Google, gehört seit Jahren zu den prägenden Gewinnern an der Wall Street. Wer früh eingestiegen ist, konnte erhebliche Kurszuwächse verbuchen. Auch zuletzt blieb der Konzern im Fokus der Anleger: Zum einen weil das Kerngeschäft mit Suchmaschinenwerbung und Youtube weiterhin hohe Gewinne abwirft. Zum anderen weil kaum ein anderes Technologieunternehmen so stark mit der Frage verbunden ist, wer im Zeitalter von KI die digitalen Schnittstellen der Zukunft kontrolliert. Erfolgsgeschichte auch von Rückschlägen geprägt Die Kursentwicklung der Alphabet-Aktie war dabei keineswegs frei von Rückschlägen. Nach der starken Tech-Rally in den Jahren der Niedrigzinsen geriet der Titel im Zuge steigender Zinsen, konjunktureller Sorgen und wachsender Zweifel an den Margen zeitweise deutlich unter Druck. Es war die Frage, ob das klassische Werbegeschäft anfällig für eine Abschwächung der Wirtschaft sei und ob neue KI-Angebote die Dominanz der Google-Suche gefährden könnten. Doch das Bild hat sich wieder aufgehellt. Alphabet profitierte von einer Erholung des Onlinewerbemarktes, Kostendisziplin im Konzern und der Aussicht, KI nicht nur als Risiko, sondern auch als Wachstumshebel nutzen zu können. Operativ steht Alphabet stark da. „Alphabet hat bewiesen, dass KI sein Kerngeschäft stärkt statt gefährdet“, sagt Justin Streeter, Portfoliomanager bei Comgest, und unterstreicht dies mit Zahlen: Der Suchumsatz wuchs im ersten Quartal 2026 um 19 Prozent im Jahresvergleich auf 60,4 Milliarden US-Dollar. Das erfolgte bei einem Allzeithoch bei den Suchanfragen. Google Cloud legte um 63 Prozent auf 20 Milliarden US-Dollar zu, der Auftragsbestand beläuft sich auf 462 Milliarden US-Dollar, und Gemini verarbeitet über die direkte API schon mehr als 16 Milliarden Tokens pro Minute, was ein Plus von 60 Prozent im Quartalsvergleich ergibt. „Das zeigt, dass es neben den hohen Investitionsausgaben zunehmend auch Effizienzgewinne gibt“, sagt der Portfoliomanager. Riesige Reichweite durch die Google-Dienste Die Google-Suche ist also trotz neuer Wettbewerber unverändert eine der profitabelsten Plattformen der Welt. Milliarden Menschen nutzen täglich Google-Dienste, von Maps über Gmail bis Android. Diese Reichweite verschafft dem Konzern einen Daten-, Marken- und Vertriebsvorteil, den Konkurrenten nur schwer nachbilden können. Youtube ist zudem eine der global wichtigsten Videoplattformen und profitiert vom strukturellen Trend weg vom klassischen Fernsehen hin zu digitalen Formaten. Dazu kommt Google Cloud, die im Wettbewerb mit Amazon Web Services und Microsoft Azure zwar nicht Marktführer ist, aber mittlerweile deutlich relevanter geworden ist und zunehmend zum Ergebnis beiträgt. Gerade die Cloudsparte wird für die Bewertung der Aktie immer wichtiger. Während das Suchgeschäft schon sehr reif zu sein scheint, sehen Investoren in Clouddiensten, KI-Infrastruktur und Unternehmenssoftware noch erhebliches Wachstumspotential. Alphabet verfügt über enorme Rechenzentren, eigene KI-Modelle, Halbleiterkompetenz und eine der größten Entwicklergemeinden weltweit. Gelingt es dem Konzern, Künstliche Intelligenz stärker in Suchergebnisse, Werbung, Bürosoftware und Cloudangebote zu integrieren, könnte daraus ein neuer Ertragsschub entstehen, sagen Analysten. Die Herausforderung allerdings besteht darin, die hohen Investitionen in Rechenleistung und Forschung in dauerhaft steigende Umsätze zu verwandeln. Und wenn Scott Galloway recht behält, steckt genau dort auch ein Problem. Aktienkurs hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt Viele Anleger dürften den Einstieg zu günstigen Kursen bei Alphabet verpasst haben. Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Aktienkurs mehr als verdoppelt, notiert derzeit bei mehr als 388 Dollar. So stellt sich die Frage, ob es noch immer ein guter Zeitpunkt ist, in die Google-Muttergesellschaft Alphabet zu investieren. Analysten sehen Alphabet überwiegend positiv, aber natürlich nicht mehr als unentdecktes Schnäppchen. Die Aktie wird im Technologiesektor häufig als vergleichsweise solide eingestuft, weil das Unternehmen hohe freie Mittelzuflüsse erwirtschaftet, über eine starke Bilanz verfügt und regelmäßig eigene Aktien zurückkauft. Viele Fachleute verweisen darauf, dass Alphabet trotz seiner Größe noch zweistellig wachsen kann, wenn der digitale Werbemarkt, Youtube, Cloud und KI zusammenspielen. Zugleich wird die Bewertung anspruchsvoller, je stärker Anleger künftige KI-Gewinne bereits einpreisen. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Alphabet ein gutes Unternehmen ist. Entscheidend ist, wie viele Anleger dafür heute bezahlen sollten. Auf den Anlagehorizont kommt es an Doch kein Investment ohne Risiko. Regulierungsbehörden in den Vereinigten Staaten und Europa nehmen die Marktmacht von Google schärfer ins Visier. Mögliche Auflagen im Such-, Werbe- oder App-Store-Geschäft könnten das Wachstum bremsen oder Margen belasten. Zudem ist nicht ausgemacht, dass Alphabet die KI-Revolution automatisch dominiert. Microsoft, Open AI, Meta, Amazon und zahlreiche spezialisierte Anbieter greifen einzelne Teile der Wertschöpfungskette an. Sollte sich die Internetsuche grundlegend verändern und sollten klassische Suchanzeigen an Bedeutung verlieren, könnte sich das für Alphabet zu einem ernsten Problem auswachsen. Hinzu kommen hohe Investitionskosten für Rechenzentren und Chips, die den freien Cashflow zeitweise belasten können. Ob sich trotz hoher Bewertung noch ein Einstieg lohnt, dürfte daher stark vom Anlagehorizont abhängen. Für kurzfristig orientierte Anleger ist die Aktie nach starken Kursanstiegen anfällig für Enttäuschungen. Langfristig orientierte Investoren könnten das ausnutzen. Amazon ein Kauf? Für Scott Galloway ist übrigens Amazon der „Big Tech Stock Pick“ des Jahres 2026. Amazon könnte seiner Meinung nach einer der großen Gewinner der nächsten Tech- und KI-Phase werden. Aber nicht primär wegen Onlinehandel oder des Logistiksystems AWS, sondern wegen der Fähigkeit, KI praktisch in Logistik, Robotik und Automatisierung umzusetzen. Amazon habe dafür einen strukturellen Vorteil, weil der Konzern bereits enorme operative Systeme besitzt: Lager, Lieferketten, Fulfillment, Robotikflotten und Daten. Galloway ist seit Jahren allerdings auch ein prominenter Kritiker der Marktmacht großer Techkonzerne. Er hat Amazon wiederholt als ein Monopol beschrieben und argumentiert, dass der Konzern zerschlagen oder aufgespalten werden sollte. Interessant dabei ist allerdings, dass er eine Aufspaltung nicht nur als Strafe, sondern sogar als potentiell positiv für Aktionäre ansieht. Seine These dabei ist: Wenn etwa AWS abgespalten würde, könnten die getrennten Unternehmen zusammen mehr wert sein als der integrierte Konzern.
