FAZ 11.05.2026
08:41 Uhr

Geschichtsausstellung: Ein Prachtstück aus der Sammlung hat Hitler gestiftet


Das Berliner Zeughaus mit der Dauerausstellung zur deutschen Geschichte bleibt bis 2031 geschlossen. In der Zwischenzeit gibt das Deutsche Historische Museum Einblicke in seine Bestände – und in die seiner Vorgänger.

Geschichtsausstellung: Ein Prachtstück aus der Sammlung hat Hitler gestiftet

Das Deutsche Historische Museum hat keine Dauerausstellung. Seit fünf Jahren ist die Präsentation im Berliner Zeughaus geschlossen, und weitere fünf Jahre wird die Schließung mindestens noch andauern, wenn man den dafür verantwortlichen Institutionen, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, glauben darf – im besten Fall, denn wo erst einmal etwas schiefläuft, kann alles auch immer noch schlimmer kommen. Ursprünglich sollte das Zeughaus bereits im vergangenen Jahr wieder aufmachen, nach dem Austausch der überalterten Klimaanlage. Aber dann entdeckte man, dass auch die gesamte Elektronik des Gebäudes erneuert werden muss, und nach den üblichen Untersuchungen, Gutachten und bürokratischen Verzögerungen war klar, dass sich die Sanierung bis zum Ende des Jahrzehnts (oder eben noch länger) hinziehen wird. Das bedeutet eine ganze Dekade ohne museumsdidaktischen Überblick zur deutschen Geschichte, ohne Anschauung für jene „historische Urteilskraft“, die der Direktor des Hauses, Raphael Gross, zum Leitmotiv seiner Amtsführung erklärt hat – ein Debakel für den Museumsstandort und die Bundeshauptstadt Berlin, das nur deshalb nicht in den Vordergrund rückt, weil es derzeit so viele andere Debakel zu beschreien gibt. Im Humboldt-Forum wird nächstes Jahr eine halbe Etage frei Seit einiger Zeit wird deshalb zwischen Bund und Berlin über eine Interimslösung für das DHM verhandelt, etwa im Humboldt-Forum, wo im nächsten Jahr, wenn die Ausstellung des Berliner Stadtmuseums aus dem ersten Stock auszieht, eine halbe Etage frei wird. Aber so lange wollte das Deutsche Historische Museum nicht mehr warten, und schließlich gibt es ja auch noch den Pei-Bau, den 2009 eingeweihten Erweiterungsflügel des Architekten Ieoh Ming Pei, in dem seither die Sonderausstellungen des Hauses stattfinden. Hier nun läuft seit letzter Woche auf fünfhundert Quadratmetern – weniger als einem Fünftel der Fläche im Zeughaus – die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten“. Mit ihr will das DHM in seinem unruhigen Wartezustand die musealen Muskeln spielen lassen, um einen „Blick in die Sammlung“ (so der Untertitel) zu öffnen, und zugleich die Geschichte jenes Gebäudes erzählen, das ihm jetzt so schmerzlich fehlt. Deshalb ist die Ausstellung in zwei farblich voneinander abgesetzte Sektionen unterteilt, von denen die erste die historische Dimension des Ortes und die zweite die Geschichtlichkeit einzelner Objekte ausmisst: Hier das Zeughaus als Schauplatz und Symbol, dort die Museumsstücke als Buchstaben einer Erzählung, die immer wieder neu geschrieben werden muss. Der erste Teil, das wird am Ende des Rundgangs klar, ist der bei Weitem interessantere und tiefgründigere, denn er setzt die historischen Nutzungsphasen des Gebäudes in Beziehung zu dem, was darin jeweils gezeigt wurde. Erbaut als Waffen- und Uniformlager hinter Prunkfassaden, wurde das Zeughaus nach Gründung des deutschen Kaiserreichs zur „Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee“ umgebaut. Aus dieser Zeit stammt die Sammlung des Prinzen Carl von Preußen, mit deren Erwerb das Haus den Sprung von der national zur global aufgestellten Institution vollzog, denn sie enthält außer europäischen auch osmanische und innerasiatische Waffen und Rüstungen, von denen einige kostbare Stücke zu sehen sind. Nach dem Ende der Hohenzollernherrschaft 1918 ging der Ruhmeshallenbetrieb in der Weimarer Republik offenbar bruchlos weiter, und hier hat die Ausstellung ihre erste wichtige Lücke, denn über die Nutzung des Bauwerks als Kulisse und Treffpunkt der republikfeindlichen Rechten erfährt man leider nichts. Die zweite Auslassung betrifft ein einzelnes historisches Ereignis, den Attentatsversuch Rudolf von Gersdorffs auf Hitler anlässlich der Feier zum „Heldengedenktag“ im Zeughaus am 21. März 1943, eine der vielen verpassten Chancen der deutschen Geschichte. Stattdessen sieht man eine Samurai-Rüstung aus dem 13. Jahrhundert, die Hitler von der Vereinigung der Tokyoter Reservisten geschenkt bekam und der Militariasammlung als Leihgabe überließ. Das zugehörige Schwert samt Scheide ging bei Kriegsende 1945 verloren; es liegt wohl irgendwo zwischen Irkutsk und Oklahoma. Die kürzeste Verbindung von Bergbau und Wohnungsbau Die nächste bedeutende Epoche des Zeughauses begann mit der Eröffnung des DDR-Museums der deutschen Geschichte im Jahr 1952. Zuvor hatte es in dem halb zerstörten Prunkbau Kunstschauen, eine Ausstellung über Geschlechtskrankheiten und sogar ein Kaninchenzüchtertreffen gegeben; jetzt feierte das neue Regime dort den Sieg des Sozialismus. Ein versilberter Tischaufsatz der Glashütter Uhrenbetriebe stellt den neuen Staat als kürzeste Verbindung von Bergbau und Wohnungsbau dar. Auch ein Erstdruck des Kommunistischen Manifests gehörte zur Grundausstattung des Hauses; nach dem Mauerfall und der Übernahme durch die von Helmut Kohl initiierte Stiftung Deutsches Historisches Museum wurde es durch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die früheste gedruckte Partitur des „Lieds der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben ergänzt. Die Kleidersammlung der preußischen Königin Luise, 1958 von der Sowjetunion restituiert, war den realsozialistischen Museumskuratoren dagegen eher lästig. Heute, so erklären ihre Nachfolger, gehört sie zu den wichtigsten Schätzen im DHM-Bestand. Der zweite Ausstellungsteil soll vom historischen zum aktuellen Umgang mit diesen Schätzen überleiten. Und hier zeigen sich neben den Stärken auch die offenkundigen Schwächen einer nur an Sammlungsbeständen orientierten Museumspraxis. Denn die Objekte stehen meist einzeln und unverbunden nebeneinander, Gewebeproben eines geschichtlichen Ganzen, das in ihnen doch nur als Abstraktion erscheint – ein gravierter Becher aus der Renaissance und eine frühe Lutherbibel, ein reich verzierter Barockschrank und ein Berliner Biedermeier-Interieur, ein bemaltes Straußenei und ein Schrämkopf aus einer abgewickelten Ruhrzeche. Dabei hätte man hier durchaus einiges kontextualisieren und miteinander in Beziehung setzen können: etwa das Straußenei, das für die koloniale Welteroberung steht, mit dem Ende des deutschen Kohlebergbaus als Folge der Globalisierung; oder die Vintage-Fotosammlung von Handwerksgesellen und -gesellinnen auf der Walz mit dem Ikea-Bett aus einer Kasseler Flüchtlingsunterkunft von 2015. Die neue, 2031 im sanierten Zeughaus – hoffentlich – eröffnende Dauerausstellung solle, wie es heißt, deutsche Geschichte mehr in Form von Themenschwerpunkten als chronologisch aufgereiht darstellen. Bis dahin haben die Kuratoren des DHM auf dem langen Weg vom Objekt zum Konzept noch ein großes Stück vor sich. „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung.“ Deutsches Historisches Museum, bis 31. Oktober 2027. Kein Katalog.