FAZ 26.05.2026
11:14 Uhr

Geschützt gegen Magensäure: Diese Kapsel soll die Spritzen ersetzen


Viele innovative Wirkstoffe werden bislang mit Spritzen verabreicht. Der Chemiekonzern Evonik will mit einer neuartigen Schutzhülle eine schmerzfreie Einnahme ermöglichen.

Geschützt gegen Magensäure: Diese Kapsel soll die Spritzen ersetzen

Zwei Stunden im Salzsäurebad. Dieser Strapaze müssen die schmalen weißen Kapseln standhalten, die Peter Niepoth in der Hand hält. Denn ungefähr so lange bleiben Medikamentenkapseln, wenn sie geschluckt werden, im Magen – und die neuartigen Kapseln, die hier bei Evonik in Darmstadt hergestellt werden, sollen von den Magensäften nicht aufgelöst werden. Vielmehr sollen sie medizinische Wirkstoffe in den Darm transportieren. Damit das klappt, haben Niepoth und seine Kollegin Verena Melk die Kapseln mit einer hauchdünnen Kunststoffschicht überzogen. Dieser Schutzfilm soll sich erst im Darm auflösen, damit die Kapsel dort Wirkstoffe freisetzt, etwa gegen Morbus Crohn. Oder eines Tages vielleicht sogar gegen Darmkrebs. Eudracap heißt die neue Evonik-Kapsel, es gibt sie in zwei Varianten: Eudracap enteric für die Freisetzung von Wirkstoffen im Dünndarm und Eudracap colon für den Dickdarm. Produktmanagerin Bettina Hölzer sagt, Eudracap colon könne außer Medikamenten gegen Darmkrankheiten auch weitere transportieren. Denn das Produkt erleichtere generell die Einnahme von Wirkstoffen, die nicht einfach in Tabletten verpresst werden könnten und auch zu empfindlich seien, um sie in Kapseln zu füllen, die danach erst beschichtet werden – denn dieser Prozess ist mit Hitze verbunden. Als Beispiele für Wirkstoffe, die das schlecht vertragen, nennt Hölzer zu therapeutischen Zwecken eingesetzte Bakterien, Medikamente auf RNA-Basis und auch Peptide, die unter anderem in Mitteln gegen Diabetes zum Einsatz kommen. Alle diese Wirkstoffe haben gemeinsam, dass sie bislang in der Regel injiziert werden müssen. Für viele Patienten sei das eine Hürde, sagt Hölzer. Eine technische Herausforderung Die Chemikerin kam 2017 zum Spezialchemiekonzern Evonik, der schon seit Jahrzehnten Polymere für die Beschichtung von Tabletten und Kapseln produziert. Die Schutzschicht unter dem Markennamen Eudragit wurde bislang stets nach dem Pressen der Tabletten oder der Befüllung der Kapseln durch die Pharmakunden aufgetragen. Bei vielen innovativen Wirkstoffen ist das, wie gesagt, wegen der Hitze problematisch. So kam die Idee zustande, leere Kapseln zu beschichten und dann an die Pharmaunternehmen zu liefern. Die größte Herausforderung dabei: Die Kanten zwischen den beiden Hälften der Kapseln dürften nicht verkleben, weil die Kunden sie sonst nicht mehr öffnen und befüllen könnten, sagt Niepoth, der als Innovation Project Manager für die technische Umsetzung neuer Entwicklungen zuständig ist. Er und Chemielaborantin Melk testeten Hunderte Formulierungen für die Beschichtung, für die zunächst eine Suspension aus Polymeren, Weichmachern und anderen Hilfsstoffen angerührt wird. Auf die Kapseln aufgebracht wird die Flüssigkeit dann in einem sogenannten Trommel-Coater. Dieses Gerät ähnelt einer Waschmaschine – nur dass hinter der gläsernen Klappe in der Mitte Tausende winzige Kapseln liegen. Während sich die Trommel dreht, werden die Kapseln aus Spritzdüsen mit der Suspension besprüht. Das sieht einfach aus – doch um Temperatur und Luftdruck in der Maschine richtig einzustellen, habe es zahlreicher Versuche bedurft, sagt Niepoth. Eine Variante wird schon für klinische Studien genutzt Im ersten Schritt entwickelte das Team die Produktvariante Eudracap enteric – das sind Kapseln, die das Säurebad im Magen überstehen, sich dann aber direkt im Dünndarm auflösen. Enteric-Kapseln werden laut Hölzer schon von mehreren Kunden für klinische Studien mit Präparaten genutzt, die als Mittel gegen Clostridioides difficile erprobt werden. Dieser Erreger wird für Durchfallerkrankungen verantwortlich gemacht, die als Nebenwirkung von Antibiotika auftreten und im schlimmsten Fall tödlich enden können. Derweil konzentrieren sich die Entwickler bei Evonik auf ihr nächstes Ziel: den Dickdarm. Dessen Schleimhäute eigneten sich für die Aufnahme vieler Wirkstoffe noch besser als der Dünndarm, sagt Hölzer. Der neue Eudracap-colon-Schutzfilm wurde aus verschiedenen Polymeren so gemischt, dass er sich erst bei dem im Dickdarm vorherrschenden pH-Wert über 7,0 auflöst -  im Dünndarm ist der pH-Wert niedriger. Einige Unternehmen hätten bereits Eudracap-colon-Kapseln für in Entwicklung befindliche Medikamente bestellt und planten damit jetzt erste Studien, sagt Hölzer. Bis diese Arzneimittel zugelassen würden, dürften noch Jahre vergehen. Zuversichtlich stimmt die Produktmanagerin aber, dass die Zahl der Wirkstoffkandidaten, für die Eudracap colon als Transportmittel interessant sein könnte, stetig steigt. Als sie 2017 anfing, hätten sich viele Pharmaunternehmen mit der Frage befasst, wie sich die Darmflora durch von außen zugeführte Bakterien positiv beeinflussen ließe. Denn den dort lebenden Mikroorganismen – man nennt sie das Mikrobiom – wird eine große Bedeutung für die Gesundheit beigemessen. „Man geht mittlerweile davon aus, dass Störungen des Darmmikrobioms auch Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson triggern können“, sagt Hölzer. Der Corona-Impfstoff von Biontech verhalf dann einer weiteren Wirkstoff-Klasse aus dem Baukasten der Natur zum Durchbruch: mRNA. Peptide schließlich – auch hierbei handelt es sich um körpereigene Botenstoffe, die im Labor nachgebaut werden können – haben durch die Abnehmspritze neue Aufmerksamkeit bekommen. Deren Hersteller, Novo Nordisk und Eli Lilly, bieten in den USA mittlerweile auch Abnehmpillen an. Ihnen ist es also gelungen, die in ihren Wirkstoffen enthaltenen Peptide zu Tabletten zu pressen – gleichwohl sieht Hölzer auch bei vielen Peptiden Bedarf für einen schonenden Transport in Kapseln.