FAZ 11.05.2026
08:28 Uhr

Gewalt in Reservaten: Mord und Totschlag ist eine der häufigsten Todesursachen bei Indigenen


Indigene in den USA leiden oft unter Armut und Drogensucht – und werden häufiger Opfer von Gewalt.  Eine Task Force soll jetzt „Recht und Ordnung“ in den Reservaten wiederherstellen.

Gewalt in Reservaten: Mord und Totschlag ist eine der häufigsten Todesursachen bei Indigenen

Die Suche nach Aaron Mark Bradley musste am vergangenen Samstag ausfallen. Nach dem Unfall eines Lastwagens, der radioaktives Uran durch das Reservat der Navajo im Nordosten von Arizona transportierte, hatte die Tochter des vermissten Indigenen das geplante Treffen mit Freiwilligen abgesagt. „Wir wollen sicherstellen, dass es kein Leck gibt. Wie ihr wisst, liegt das Haus unseres Vaters in Cow Springs nur ein paar Meilen von der Unfallstelle entfernt“, schrieb Kayla Benally auf der Facebook-Seite, die sie seit dem Verschwinden ihres Vaters betreibt. Der damals Siebenundsechzigjährige war zuletzt Anfang September vor dem Shonto Marketplace gesehen worden, einer Tankstelle mit Supermarkt am Highway 160. Als sich Bradley tagelang nicht bei seiner Familie im etwa 70 Kilometer entfernten Kayenta meldete, wurden Benally und ihre Schwestern unruhig. Bei einem Besuch in Cow Springs fanden sie das Haus ihres Vaters mit offener Tür und zerborstener Fensterscheibe. Seitdem suchen sie: mit selbst gemalten Plakaten, Freiwilligen, die an Wochenenden die Wüste südlich von Monument Valley durchkämmen, und Flugblättern, die Bradley lächelnd mit langen, grauen Haaren, Steppweste und rotem Halstuch zeigen. „Wir sind sehr dankbar für die Hilfe des Navajo Police Department. Aber uns wurde nicht gesagt, was wir zu erwarten haben, wie eine Suche verläuft und wie sich der Fall unseres Vaters entwickelt“, verweist Benally derweil auf die mangelnde Kommunikation mit den Behörden. Zahlreiche Fälle bleiben ungeklärt Wie die Polizei der Navajo Nation im Südwesten werden auch die Justizbehörden anderer Stämme mit Anzeigen zu Vermissten und Getöteten in den etwa 300 Reservaten überschwemmt. Laut der Abteilung für Indianische Angelegenheiten des Innenministeriums in Washington liegt die Zahl von Gewaltverbrechen in Reservaten bis zu dreimal höher als der amerikanische Durchschnitt. Tausende Fälle werden nie geklärt, obwohl Tötungsdelikte seit Jahrzehnten zu den häufigsten Todesursachen bei indigenen Frauen und Männern zählen. Als Gründe der Epidemie der „Missing and Murdered Indigenous Peoples“ (MMIP) nennen Vertreter der Stämme das historische Trauma von Kolonisierung und Vertreibung sowie die Lebensbedingungen in den Reservaten. Fast jeder zweite der knapp 170.000 Bewohner der Navajo Nation in Arizona, New Mexico und Utah ist arbeitslos, mehr als jeder dritte Haushalt lebt unterhalb der Armutsgrenze. Viele Häuser oder Wohnwagen sind nicht an Stromnetz und Wasserversorgung angeschlossen. Polizeiwachen sind in dem entlegenen, fast 70.000 Quadratkilometer großen Gebiet eher dünn gesät. Die Jurisdiktion zwischen Stammesbehörden, Bundespolizei und Vertretern der Bundesstaaten gilt als schwammig. Sylvia Wirba, Juristin und Mitglied des Navajo-Stammes, verwies bei einer Konferenz zur Verbrechensprävention in Colorado zudem auf Drogen und Alkohol in den Reservaten. Indigene konsumierten mehr Meth als jede andere demographische Gruppe in den Vereinigten Staaten. Viele Verbrechen werden nicht angezeigt Auch häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe sind bei Indigenen stärker verbreitet als bei anderen Bevölkerungsgruppen. Nach Schätzungen des Bureau of Indian Affairs liegt die Zahl von indigenen Frauen als Opfer von Tötungsdelikten zehnmal höher als der amerikanische Durchschnitt. Viele der Verbrechen werden nicht angezeigt oder den Bundesbehörden nicht gemeldet. Für das Jahr 2016 zählte das Nationale Center für Kriminalität mehr als 5700 Fälle von „Missing and Murdered Indigenous Women“ (MMIW). In der Datenbank des Justizministeriums in Washington wurden aber nur knapp 120 vermisste oder getötete indigene Frauen registriert. Der Tod der 22 Jahre alten Savanna LaFontaine-Greywind, ein Mitglied des Stammes der Spirit Lake Sioux in North Dakota, mündete im Jahr 2020 in einem Gesetz zur systematischen Registrierung aller MMIW. Die im achten Monate schwangere Krankenschwester war einige Jahre zuvor von einem Paar ermordet worden, als es ihr den Fötus aus dem Bauch schnitt, um ihn als eigenes Kind auszugeben. Der nach LaFontaine-Greywind benannte „Savanna Act“ verlangt das Erfassen aller Fälle zu vermissten und getöteten indigenen Frauen in einer Datenbank sowie zwischen Stammespolizei und Bundesbehörden abgestimmte Ermittlungen. Wie die frühere Innenministerin Deb Haaland zugab, herrscht bei der Weitergabe von Daten aber weiterhin Misstrauen auf beiden Seiten. Die Demokratin aus New Mexico, unter Präsident Joe Biden die erste Indigene in einem amerikanischen Kabinett, hatte im Jahr 2021 eine Abteilung für Vermisste und Getötete im Bureau of Indian Affairs gegründet, um die Zusammenarbeit von Indigenen und Bundesbehörden zu erleichtern. „Die Probleme beim Datentausch dauern aber an. Wir müssen in der Lage sein, miteinander zu reden“, sagte Haaland der Website „Source NM“ vor einigen Wochen. Ihr republikanischer Nachfolger Doug Burgum versucht es jetzt mit Strenge. Am vergangenen Dienstag, dem Gedenktag für „Missing and Murdered Indigenous Peoples“, kündigte der Innenminister eine Task Force an, die „Recht und Ordnung wiederherstellen und die Souveränität der Stämme stärken soll“. Burgum plant, Polizei und Justizbehörden der Reservate zu unterstützen. Zudem kündigte der ehemalige Gouverneur von North Dakota eine Politik der „null Toleranz“ bei Drogenhandel und Gewaltverbrechen an. Die Ermittler der Bundespolizei, die Burgum in die Reservate schicken will, werden wohl dennoch nicht willkommen sein.