„Gott“ oder „Idiot“: Das ist die Kurzformel von Esteban Ocon, Formel-1-Pilot mit Glanz in den Augen, wenn er an die große Sause in Monte Carlo denkt. Am Donnerstag soll der Franzose während der Pressekonferenz ein paar Meter neben dem Hafenbecken von seinem ersten Eindruck aus dem Cockpit in Monaco erzählen. Er überlegt einen Moment: „Ich fuhr hinauf zum Casino, sah nur den Himmel, musste blind einlenken, weil der Scheitelpunkt nicht zu sehen ist. Oh, dachte ich, das ist verdammt schnell hier.“ Trotzdem ging ihm das Herz auf. Zehn Jahre nach dem ersten Auffahrtserlebnis preist er die „Schönheit von Monaco, Punkt. Das ist die Schönheit der Formel 1“: Manchmal nicht zu sehen, wo es hinführt bei Tempo 250 auf dem Weg zum Casino. Und doch alles riskieren zu müssen, obwohl mitunter nur ein Zentimeter oder weniger bleibt zwischen Reifen und Leitplanke. Ocon mag diese gefährliche Nähe und die Frage, ob sie gestattet, was ihn sein Leben lang reizt. Zu überholen: „Gelingt es nicht, gibt’s (in Monaco) ein Desaster.“ Schrott oder Kohlefaserschnipsel – im besten Fall. Russell unter Zugzwang George Russell muss (noch) nicht überholen. Zweiter zu sein in der Fahrerwertung nach fünf von wenigstens 22 Grand Prix, reicht vorerst. „Die Saison ist lang“, sagt der Brite. Aber der fast zehn Jahre jüngere Teamkollege bei Mercedes, Kimi Antonelli, ist ihm vor dem Großen Preis von Monaco am Sonntag (15 Uhr MESZ im FAZ-Liveticker zur Formel 1, bei Sky und RTL) schon recht weit voraus. Um 43 Punkte in der Fahrerwertung dank vier Siegen in den vergangenen vier Rennen. Die Motorsport-Welt sieht in dem 19 Jahre alten Italiener den Champion der Zukunft. Und Russell, 2022 ins Silberpfeilteam gekommen als potentieller Nachfolger des zu Ferrari gewechselten Rekordpiloten Lewis Hamilton zwingend am Zug. Der Brite hat nichts dagegen. Beim jüngsten Rennen in Montreal lag er in Führung vor Antonelli, bis der Elektroantrieb in Schall und Rauch aufging, die Batterie so stark beschädigt wurde, dass sie nur per Schiff zurücktransportiert werden darf: „Auch Kimi“, sagte Russell im Fahrerlager von Monaco selbstgewiss, „wird mal Pech haben.“ Die Geschichte der Formel-1-Piloten auf dem Weg zum ersten Titel ist reich an solchen Momenten. Seltener ist die wie inszeniert erscheinende Dramaturgie der Saison 2026 bis zum ersten Rennen in Europa. Monaco bietet den Fahrern der inzwischen superkomplexen Formel 1 eine Chance, sich von der Technik ein bisschen abzusetzen. Mit Mut und Geschick beim Qualifying am Samstag (16 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei Sky und RTL) den Boliden „fliegen“ zu lassen, ohne ihn in der letzten Ecke kalt zu verformen bis zum Verlust von Form und Fassung. Ein Ritt auf Biegen und Brechen. Der Sieger genießt für ein paar Tage den Titel als König der Rennfahrer. Aber ohne Vertrauen in die Technik wird es dazu nicht kommen. Nach der großen Regelreform fehlt allen Fahrern die Erfahrung, wie sich die neuen, schmaleren, schnelleren Boliden in den Straßenschluchten des Fürstentums verhalten. Der Automobil-Weltverband FIA änderte dazu eigens für Monaco (mal wieder) die Regeln. Das Flachstellen der Flügel wird ausgesetzt aus Sorge vor einem zu hohen Tempo bei der Schussfahrt aus dem Tunnel in den Hafen. Immerhin wird das Theater um die Batterieent- und -aufladung keine besondere Rolle spielen. Denn es gibt kaum Energie saugende lange Graden, dafür viele Ecken, vor denen beim Bremsen die Akkus wieder gefüllt werden können. Trotzdem oder gerade deshalb müssen die Fahrer das „neue“ Zusammenspiel von Aerodynamik, Antrieb, Traktion und Reifentemperatur überblicken. Russell zählt zu jenen, die sich besonders intensiv damit auseinandersetzen. Seine Antworten zum Thema entwickeln sich mitunter zu anschaulichen Vorträgen. Er sieht sich bestens vorbereitet: „Ich habe in Kanada den Sprint gewonnen, stand auf der Poleposition und habe im Rennen geführt.“ Fehlt nur noch der letzte Beweis des Engländers, unter dem Druck des Teamkollegen besser standzuhalten als die Maschine. Antonellis Reifeprüfung Das gilt auch für Antonelli. Seinem überzeugenden Debüt als Nachfolger von Hamilton 2025 folgte just vor Jahresfrist in Monaco eine Schwächephase. Der Novize wirkte abgelenkt von all den äußeren Einflüssen. Prompt bohrte sich der Silberpfeil im ersten Durchgang des Qualifyings in die Streckenbegrenzung, obwohl Antonelli sich schon für den zweiten qualifiziert hatte. Auch im Rennen leistete er sich einen Vollkontakt. Doch nach der steilen Lernkurve erwartet sein Team nun eine erfolgreiche Reifeprüfung. Sie könnte sich zum Triumph entwickeln, falls der Jungspund nicht nur den selbstgewissen, auf Angriff gepolten Russell hinter sich ließe, sondern auch Ferrari. Der SF-26 soll ob seiner Geschmeidigkeit in Monaco bestens über eine Runde kommen. Er schluckt Randsteine und Wellen besser als die eher „steifere“ Konkurrenz. Zudem setzt die Scuderia in ihrem Fahrzeugkonzept etwas mehr auf Abtriebskräfte durch das Flügelwerk, was zwar wegen des größeren Luftwiderstands Tempo kostet auf Speedpassagen, aber in Monaco wegen der kurzen Sprintstrecken nicht so bedeutend ist. Ferrari der Favorit für die Poleposition? Antonelli hebt den Finger: „Leider sprechen viele nur über das Potential unseres Motors, aber ich muss sagen, dass auch unser Chassis extrem gut funktioniert. Auch damit befinden wir uns in einer sehr guten Position“, sagt er mit schnarrender Stimme, als sei der Stimmbruch noch nicht abgeschlossen. Mercedes rechnet mit einem „engeren Kampf“ um die Poleposition. Und Russell mit einer Fortsetzung des Werksduells: „Wir gehen in jeder einzelnen Runde an unsere Grenzen. Und wenn wir gegeneinander racen, treiben wir uns gegenseitig ebenfalls bis an unsere Grenze.“ Bis zum Ende des Qualifyings. Dann diktiert das Überholproblem einen Nichtangriffspakt für den Grand Prix am Sonntag. In der Regel.
