FAZ 11.05.2026
16:20 Uhr

Härte im Radsport: Ohne Rücksicht auf Verluste


Radprofis klagen zunehmend über gefährliche Fahrweisen. Wenn Sprinter,  ohne Leib und Leben zu riskieren, nicht mehr gewinnen können, dann hat ihr Sport ein Problem.

Härte im Radsport: Ohne Rücksicht auf Verluste

Der Massensprint bei einem Radrennen, so heißt es unter Profis, folgt einem einfachen Prinzip: Jeder kennt die Regeln, aber keiner hält sich dran. Wenn die Geparden der Straße Richtung Ziel jagen, geht es anders als bei den Bergziegen nicht nur darum, wer die stärksten Beine hat. Es geht auch darum, wer den meisten Mut aufbringt, um diese Beine in eine Position mit der Aussicht auf fette Beute zu manövrieren. Beim Giro d’Italia, der in den vergangenen Tagen erstmals in Bulgarien startete, gab es dafür wieder Anschauungsmaterial in freier Wildbahn. Gleich auf der ersten Etappe kam es im Zielsprint zu einem verheerenden Massensturz. Auf der zweiten knallten etliche Fahrer schon deutlich vor dem Ziel in einer Abfahrt auf den Asphalt. „Die sind alle bescheuert“ Und auf der dritten? Da kamen zwar alle unversehrt ins Ziel, doch der Deutsche Pascal Ackermann fluchte über ein riskantes Manöver. „Der Este ist mir voll in die Karre gefahren, die sind alle bescheuert“, schimpfte er, nachdem ihn der estnische Landesmeister Madis Mihkels in der letzten Kurve vom Hinterrad des späteren Siegers weggerempelt hatte. Mihkels wurde Vierter, Ackermann Siebter. Er sagte anschließend, dass er froh sei, „dass ich meine Haut noch habe“. Es ist nichts Neues im Radsport, dass sich die Älteren – Ackermann ist 32 Jahre alt – über die angeblich immer rücksichtslosere Fahrweise der Jüngeren – Mihkels ist 22 – beschweren. Doch seit einigen Jahren werden die Klagen lauter und zahlreicher. Zumal es nicht nur um die Zielsprints, sondern auch um Positionskämpfe im Rennen geht. Im Peloton scheint ein Generationenkonflikt ausgebrochen. „Du willst auf dem Rad nicht sterben“ Rolf Aldag etwa, einst Radprofi, später Teamchef und heute TV-Experte, analysierte Ackermanns Abschneiden bei Eurosport so: „Das ist das Alter. Du willst einfach auf dem Rad nicht mehr sterben.“ Als Sprinter habe man zwar irgendwann Routine und Klasse, „aber du gewinnst nicht, wenn du dazu nicht mehr bereit bist“. Jüngeren Fahrern dagegen sei ein Sturz oft „völlig egal“. Sie fahren nach dem Motto: „Dann fallen wir halt beide hin.“ Um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass früher alles besser war: Ein Streichelzoo mit lauter frommen Lämmern waren Massensprints auch damals nicht. Dazu genügt ein Blick auf Youtube, wo es etliche Zusammenstellungen übler Stürze aus den vergangenen Jahrzehnten zu sehen gibt. Eines jedoch sollte ebenfalls klar sein: Wenn es ein entscheidender Nachteil sein soll, im Rennen nicht Leib und Leben riskiert zu haben, dann hat eine Sportart ein Problem. Es muss schleunigst gelöst werden.