Als Lip-Bu Tan vor etwas mehr als einem Jahr den Vorstandsvorsitz des amerikanischen Halbleiterkonzerns Intel übernahm, machte er eine schonungslose Bestandsaufnahme. Auf einer Konferenz sagte er: „Intel hat eine ziemlich lange harte Zeit hinter sich. Wir sind mit unserer Innovationskraft zurückgefallen.“ Es folgten turbulente Monate. Im Juli stieß Tan ein abermaliges Sparprogramm mit dem Abbau von 15 Prozent aller Arbeitsplätze an, außerdem verkündete er, die Pläne für den Bau neuer Chipwerke in Magdeburg, die zuvor schon vorübergehend auf Eis gelegt worden waren, ganz aufzugeben. Wenige Wochen später geriet er ins Visier von US-Präsident Donald Trump, der seinen Rücktritt forderte, offenbar wegen seiner geschäftlichen Verbindungen nach China. Diese Attacke mündete wenig später in eine erzwungene Staatsbeteiligung. Die US-Regierung handelte die Übernahme eines Anteils von knapp zehn Prozent an Intel aus. Es war ein symbolträchtiger Moment, der unterstrich, wie weit die frühere Ikone der Halbleiterindustrie gefallen war. Der einst wertvollste Chipkonzern der Welt wurde zu diesem Zeitpunkt an der Börse nur noch mit rund 100 Milliarden Dollar bewertet. Seither hat sich das Blatt gewendet. Nach Jahren schrumpfender Umsätze ist Intel wieder auf Wachstumskurs. Der Aktienkurs hat sich seit dem Einstieg der US-Regierung mehr als verfünffacht und einen historischen Höchststand erreicht, der Börsenwert liegt um 650 Milliarden Dollar. Das Unternehmen macht heute verstärkt Hoffnung, mit seinen Chips auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz eine größere Rolle spielen zu können, nachdem es hier noch bis vor Kurzem verglichen mit Wettbewerbern wie Nvidia als abgeschlagen galt. Neben einer besseren Geschäftsentwicklung als erwartet haben in den vergangenen Monaten auch Allianzen mit prominenten Partnern wie Apple und Tesla den Aktienkurs beflügelt. Die Regierung mischt dabei im Hintergrund offenbar kräftig mit. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ hat sich Wirtschaftsminister Howard Lutnick wiederholt mit Vorstandschefs amerikanischer Unternehmen getroffen und sie dazu zu bewegen versucht, mit Intel Geschäfte zu machen. „Von Verzweiflung zu Euphorie“ Intel-Vorstandsvorsitzender Tan schlägt nun ganz andere Töne an als nach seinem Amtsantritt. Bei der Vorlage von Quartalszahlen vor wenigen Wochen sagte er: „Vor einem Jahr drehten sich Gespräche über Intel darum, ob wir überleben können. Heute geht es darum, wie schnell wir Produktionskapazitäten ausbauen können, um die enorme Nachfrage nach unseren Produkten zu decken.“ Thomas Hayes, der mit seiner Investmentgesellschaft Great Hill Capital einen Anteil an Intel hält, sagte nach der Vorlage der Zahlen, die Stimmung an den Finanzmärkten mit Blick auf Intel habe sich „von Verzweiflung in Euphorie“ verwandelt. Auch Donald Trump bejubelt Intels Kursentwicklung. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb er kürzlich, er sei „sehr stolz“ auf den Wertzuwachs des Anteils der US-Regierung an Intel. Auf dem Papier hat die damals vereinbarte Beteiligung bis heute mehr als 50 Milliarden Dollar an Wert gewonnen. Von dem Kursanstieg profitieren auch Nvidia und die japanische Technologiegruppe Softbank, die um die Zeit des Staatseinstiegs herum ebenfalls in Intel investiert haben. Intel blickt auf eine lange Leidensgeschichte zurück. Schon als Tans Vorgänger Pat Gelsinger 2021 antrat, steckte das Unternehmen in Schwierigkeiten, es kämpfte zum Beispiel mit Verzögerungen bei der Einführung neuer Chipmodelle und Pannen in der Fertigung. Unter Gelsinger hat sich die Lage noch weiter verdüstert, unter anderem weil Intel im Wachstumsmarkt mit Chips für KI-Anwendungen zu schwach aufgestellt war. Das Unternehmen sah sich schließlich zu einem Führungswechsel gezwungen und berief Tan an die Spitze. Unter ihm stimmte es dann einige Monate später einer Teilverstaatlichung zu. Intel nannte die Vereinbarung damals „historisch“, auch wenn sie einem Eingeständnis der eigenen Schwäche gleichkam. Denn das Unternehmen gab der Regierung den Anteil im Gegenzug für die Zahlung von Fördermitteln, die ihm eigentlich schon unter Trumps Vorgänger Joe Biden ohne eine solche Gegenleistung zugesagt worden waren. Comeback der CPUs Nun aber belebt sich Intels Geschäft. Zwar hat das Unternehmen im von Nvidia dominierten Markt für Grafikprozessoren (GPUs), die für KI-Zwecke genutzt werden, noch immer nicht entscheidend aufgeholt. Es profitiert nun aber davon, dass sich das Geschehen in der Branche von der Entwicklung von KI-Modellen hin zu deren Anwendung oder „Inferenz“ verlagert, und hier sind auch klassische Prozessoren oder CPUs, wie sie Intel herstellt, stärker gefragt. Tan sagte bei der Vorlage von Zahlen, Intel sehe in den vergangenen Monaten „klare Anzeichen“, dass CPUs sich als „unverzichtbare Grundlage der KI-Ära“ zurückgemeldet hätten. Dies sei kein „Wunschdenken“, sondern zeige sich in der Nachfrage von Kunden. Tan hat es offenbar auch geschafft, Intel wieder zu einem gefragten Allianzpartner zu machen. Kürzlich wurde bekannt, dass Intel eine größere Rolle in Elon Musks Plänen für den Aufbau einer eigenen Chipfertigung spielen soll. In dieser „Terafab“ sollen einmal Chips für Musks Unternehmen Tesla und SpaceX gebaut werden, zum Beispiel für autonome Fahrzeuge und humanoide Roboter, an denen Tesla arbeitet. Wie das „Wall Street Journal“ vor wenigen Tagen schrieb, hat Intel auch eine vorläufige Vereinbarung mit Apple geschlossen. Demnach soll Intel künftig einen Teil der Chips für Apple-Geräte fertigen. Über beide Kooperationen sind allerdings bislang noch nicht allzu viele Details bekannt. Nach einem jahrelangen Sparkurs fühlt sich Intel offenbar mittlerweile selbst wieder in einer komfortableren finanziellen Position. Dies zeigte sich vor wenigen Wochen, als das Unternehmen den Rückkauf eines 49-Prozent-Anteils an einem Gemeinschaftsunternehmen zur Chipfertigung in Irland für 14,2 Milliarden Dollar ankündigte. Diesen Anteil hatte es 2024 an die Beteiligungsgesellschaft Apollo abgegeben. Intel ist noch immer weit von seinen früheren Glanzzeiten entfernt. Der Umsatz lag 2025 bei knapp 53 Milliarden Dollar, 2021 waren es noch mehr als 79 Milliarden Dollar. Mit seinen Bemühungen, Chips nicht nur für seinen eigenen Bedarf, sondern auch für externe Kunden zu fertigen, steht das Unternehmen noch am Anfang. Aber ohne Zweifel hat sich das Bild erheblich aufgehellt, und Analysten zeigen sich viel optimistischer. Jacob Bourne von der Marktforschungsgruppe Emarketer hat gesagt, die jüngsten Geschäftsergebnisse könnten mehr als nur ein „kurzer Hoffnungsschimmer“ sein.
