Herr Gottschalk, das Szenario erinnert an den Beginn der Corona-Zeit, als ein Flugzeug mit Reiserückkehrern aus der Region Wuhan in Frankfurt landete. Welche Erinnerungen kommen bei Ihnen hoch? Keine. Das sind komplett unterschiedliche Szenarien. Covid-19 war für uns alle ein neuer Keim – beim Hantavirus weiß man alles. Es ist sehr gut bekannt. Man kennt die Stämme – und man weiß, dass sie nicht dazu geeignet sind, Pandemien im großen Ausmaß auszulösen. Wie wurde aus Ihrer Sicht bisher auf die Situation reagiert? Dass das Schiff nicht anlegen durfte, war überzogen. Damit hat man die Passagiere einer Gefahr ausgesetzt. Das Verbieten des Einlaufens des Schiffes in Häfen der Kapverdischen Inseln entbehrt jedweder Logik. Ebenso wie die Entscheidung, die Passagiere und die Besatzung auf dem Schiff zu quarantänisieren und zu isolieren, da man dadurch die Wahrscheinlichkeit von weiteren Übertragungen erhöht. Das war ein perfekter Inkubator – das sind die besten Voraussetzungen für Neuinfektionen. Was hätten Sie stattdessen geraten? Man hätte die Menschen sofort vom Schiff holen und die gesunden oder asymptomatischen in ihre Heimatländer fliegen müssen. Dort hätten sie sich als Kontaktpersonen in Quarantäne begeben müssen. Bereits Erkrankte hätten vor Ort im Krankenhaus versorgt werden können. Wenn das nicht möglich gewesen wäre, hätten die Erkrankten in Krankenhäuser geflogen werden müssen, die über entsprechende Kapazitäten verfügen. Wobei sicher die meisten Krankenhäuser auch auf den Kanarischen Inseln dieses leicht bewerkstelligen können. Sind derartige Ausbrüche womöglich alltäglicher, als wir denken – nur diesmal zufällig ins Scheinwerferlicht geraten? Hantavirusinfektionen sind wirklich kein Hexenwerk – sie kommen bei uns auch vor. Der einzige Unterschied in dem jetzigen Fall ist, dass die südamerikanische Variante in Einzelfällen von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Meines Erachtens sind die Medien mit schuld, dass ein Expertenwissen nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn 1000-mal am Tag das Bild des Schiffes gezeigt wird, ist es nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung von Teneriffa denkt, dass da eine Todesseuche angeschleppt wird. Die Bevölkerung erwartet dann auch entsprechende Schutzmaßnahmen. Aber wann sind diese sinnvoll? Für seuchenhygienische Maßnahmen sind vier Dinge maßgeblich. Sie müssen legal sein, sie müssen erforderlich sein, sie müssen angemessen und geeignet sein. Legal sind sie, aber die drei anderen Punkte werden nicht erfüllt. Sie haben während der Pandemie am eigenen Leib erlebt, wie schnell Experten unter Druck geraten. Wie kann sichergestellt werden, dass die öffentliche Stimmung womöglich einschneidende Entscheidungen nicht beeinflusst? Ich stelle wieder fest, dass vermehrt Virologen zu Wort kommen. Das ist nicht verkehrt. Die können etwas zu dem Keim sagen. Aber ich habe noch keinen Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen gehört, der die Situation einordnet. Dabei ist genau das deren Aufgabe: Sie müssen – vorausgesetzt, sie kennen den Keim – eine Einschätzung abgeben, welche Gefahr für den Einzelnen ausgeht. Dann können sie entscheiden, welche seuchenhygienischen Maßnahmen eingeleitet werden und welche nicht. Was macht diese Aufgabe so kompliziert? Nicht das Einleiten von Maßnahmen, sondern das Nichteinleiten ist das Problem. Es geht immer darum, das niedrigste einschränkende geeignete Mittel zu wählen. Virologen und Fachärzte für das öffentliche Gesundheitswesen müssen zusammenarbeiten, so wie es an der Uniklinik Frankfurt getan wird. Sie haben während der Corona-Pandemie und bis heute viel Gegenwind für Ihren Ansatz erfahren, für das „niedrigste geeignete einschränkende Mittel“ zu werben. Wäre es nicht einfacher, sich nicht mehr öffentlich zu solchen Themen zu äußern? Ich war 23 Jahre im öffentlichen Gesundheitsdienst. Wir haben vieles gut gemeinsam lösen können und beispielsweise ein gut funktionierendes Programm für infektiös ankommende Patienten am Frankfurter Flughafen aufgelegt. Eine Situation, wie sie sich aktuell darstellt, lässt mich nicht kalt. Es fehlt jemand, der mal sagt: „Wir brauchen nicht mehr.“ Aber alle haben Angst. Auch vor der Verantwortung. Und dann wird alles aufgefahren, was vorhanden ist. Und das um den Preis, dass die Bevölkerung verunsichert wird.
