Es ist ein Übel unserer Zeit, dass Politiker mit Hass und Hetze überzogen werden. Längst hätte dagegen etwas getan werden können, und zwar unterhalb der Grenze zur Einschränkung der Meinungsfreiheit. Warum noch immer jeglicher Schmutz unter dem Schutz der Anonymität verbreitet werden kann, wissen wohl nur Datenschützer. Die neue Unkultur hat aber auch einen neuen Typus von Politikern hervorgebracht. Es ist der Opfertypus, der seine Betroffenheit wehleidig zum Statussymbol erhebt. Politiker mussten früher Kampagnen aushalten, von denen die jüngeren nur träumen können. Das nahm man damals tapfer, heftete sich die hasserfüllten Dauerangriffe aber nicht als Ausweis besonderer Geltung an die Brust. Heute ist das anders. Es gibt Politiker, die mit Hass überschüttet werden (Armin Laschet ist das beste Beispiel, Katherina Reiche dürfte es nicht anders ergehen), die aber kaum Aufhebens davon machen. Andere sehen sich als Zielscheibe, die sie zur Trophäe umwandeln, Annalena Baerbock etwa, jetzt Bärbel Bas („ich bin ein personifiziertes Feindbild geworden“) oder auch der Kanzler, der gegen jede Majestätsbeleidigung vorgeht. Woran liegt es? Wer die Hitze nicht verträgt, sollte nicht in die Küche gehen, heißt ein etwas abgenutzter, aber nicht ganz unberechtigter Spruch. Die Hitze von heute wird offenbar ganz anders empfunden als die Hitze von gestern. Das gilt auch jenseits der politischen Küche. Da wird von den Deutschen nach Herzenslust über das Essen gemeckert, gejammert und geklagt – oft sind es dieselben, die dann mit Hass ihre Jammerei abreagieren. In einer Gesellschaft aus lauter Opfern und Jammerlappen ist die Wehleidigkeit zur Währung geworden. Zum Besseren ändert sich dadurch nichts.
