Seit Wochen befindet sich der deutsche Leitindex seitwärts, pendelt zwischen 25.000 und 26.000 hin und her. Zwar waren die Bilanzen für das zweite Quartal rekordverdächtig. Nach Angaben von EY stieg der kumulierte operative Gewinn (EBIT) gegenüber dem Vorjahresquartal um 16 Prozent auf 52,6 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um 4,6 Prozent auf 463 Milliarden Euro zu – ebenfalls ein Rekord. Die Bilanz fiel dennoch gemischt aus, weil die Rekorde ungleich unter den 40 Titeln im Index verteilt waren. Nachhaltige Impulse für einen Ausbruch des Dax deutlich über 26.000 und in Richtung des bisherigen Höchststands von 26.619 Punkten im Handelsverlauf des 28. August lieferte sie nicht. In den Einschätzungen der Marktbeobachter findet sich daher die Formulierung, dass Sorgen vor steigenden Zinsen die Aktienmärkte ausbremsen. So auch am gestrigen Dienstag: „Und während sich die Rendite der dreißigjährigen Bundesanleihe in großen Schritten der Vier-Prozent-Marke nähert, ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinsanhebung durch die Europäische Zentralbank im Oktober auf 40 Prozent gesunken. Die Gründe für und die Gründe gegen einen Aktienkauf heben sich momentan mehr oder minder gegenseitig auf“, schreibt Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. Aber bremsen steigende Zinsen tatsächlich aus? Gefühlt würden Anlieger Ja sagen. Denn gerade KI-Unternehmen stehen vor riesigen Investitionen, verdienen aber noch kein Geld – im Gegenteil. Steigende Zinsen sind da wenig hilfreich. Dazu hat Sebastian Dörr, Kapitalmarktstratege beim Family-Office HQ Trust, historische Daten zusammengetragen: In seiner Untersuchung vergleicht der Kapitalmarktstratege die annualisierte Aktienperformance in Phasen steigender zehnjähriger US-Zinsen mit dem Gesamtzeitraum. Um herauszufinden, welche Branchen in diesen Zeiträumen besonders profitieren und welche zurückbleiben, wertete Sebastian Dörr zudem die Entwicklung der elf Datastream-US-Sektorindizes aus, erläutert das Family-Office die Methodik. Dörrs Befund lautet: „Steigende Zinsen bedeuten nicht automatisch Gegenwind für Aktien. Das Gegenteil ist der Fall: In den meisten untersuchten Zinsanstiegsphasen erzielte der US-Markt positive Renditen.“ Dabei lag die durchschnittliche Wertentwicklung mit 18,3 Prozent deutlich über dem langfristigen Mittel von 12,2 Prozent. Allerdings kommt es auf die Branche an. Während US-Aktien aus dem Bereich Technologie und auch Industrie die Phasen eines Zinsanstiegs meist mit Kursgewinnen abschließen konnten, verbuchten Papiere aus dem Versorgungssektor Verluste. Auf dem Zinsgipfel freilich dreht sich das Bild, ergibt die Auswertung von Dörr. „In den drei Monaten nach dem Ende eines Zinsanstiegs gehörten Versorger in acht von zehn Fällen zu den Gewinnern.“ Technologiewerte taten sich indes deutlich schwerer. Nun sind historische Daten nicht eins zu eins in die Zukunft übertragbar. Aber zumindest die gegenwärtige Situation an den US-Märkten deckt sich mit den Erkenntnissen aus der Vergangenheit. „Die zehnjährige US-Rendite liegt mit rund 5,2 Prozent auf dem höchsten Stand seit 2007. Dass der S&P 500 nur 1,3 Prozent unter seinem Rekordhoch notiert, zeigt zunächst eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Diese Stabilität ist allerdings konzentriert: Der gleich gewichtete Index liegt bereits 5,5 Prozent unter seinem Hoch. Wenige Mega Caps stützen den Gesamtindex, während viele zinssensitive und kleinere Werte deutlich gefallen sind“, sagt Dörr. In den KI-Ausbau fließen inzwischen enorme Summen, und finanziert werden sie zunehmend auch über Schulden. Entscheidend sei, ob das erwartete KI-Wachstum diese hohen Investitionen und die höheren Finanzierungskosten rechtfertige, urteilt Dörr.
