FAZ 11.05.2026
17:14 Uhr

Hörsaal in Gießen: Der „Gießener Pottwal“ bleibt weiter verborgen


15 Meter Knochen, aufgehängt unter der Decke – und doch für Besucher tabu. Aus statischen Gründen ist ein Hörsaal in Gießen seit zwei Jahren gesperrt. Warum Kosten und Zeitplan der Reparatur weiter völlig offen sind.

Hörsaal in Gießen: Der „Gießener Pottwal“ bleibt weiter verborgen

Mit seiner Freilassung nach der spektakulären Rettungsaktion ist der in der Ostsee gestrandete Buckelwal Timmy einem ungewissen Schicksal entgegengeschwommen. Unklar ist derzeit auch die Zukunft eines anderen Wals. Die Rede ist vom Gießener Pottwal. Wobei es sich nicht um ein lebendiges Exemplar handelt, sondern um das präparierte Skelett des Meeressäugers. Das rund 15 Meter lange Skelett ist das bemerkenswerteste und am meisten goutierte Anschauungsobjekt der Hermann-Hoffmann-Akademie der Gießener Universität. Dort können sich Kindergartenkinder und Schüler anhand vieler Anschauungsobjekte auf Forschungsreise in die Welt der Biologie und der Entwicklung von Lebewesen auf unserem Planeten begeben, aber auch Erwachsene in Vorträgen und Führungen Wissenswertes erfahren. Seit gut zwei Jahren ist die Hauptattraktion dieses besonderen Lernorts allerdings nicht mehr zugänglich. Denn der Hörsaal der Akademie, in dem  das Pottwalskelett als Konstruktion unter der Decke aufgehängt wurde, ist aus statischen Gründen gesperrt. Wie lange dies noch der Fall sein wird, darüber lässt sich nach Auskunft einer Sprecherin der Gießener Universität nichts sagen. Pottwal war vor Helgoland gestrandet Als die Gießener Uni mit ihrem Konzept zur Aufbereitung und Ausstellung vor rund einem Jahrzehnt den Zuschlag für den Kadaver eines vor Helgoland gestrandeten Pottwals erhielt, führte das zu viel Aufsehen. Das zerlegte Skelett kam in die mittelhessische Hochschulstadt, in der es in einer Gemeinschaftsinitiative der Hermann-Hoffmann-Akademie und des Fachbereichs Veterinärmedizin präpariert und Knochen für Knochen wieder zusammengesetzt wurde. Mithilfe einer eigens entwickelten Konstruktion wurde es unter der Decke aufgehängt und faszinierte seither Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Doch als in einem Hörsaal der Marburger Universität die Decke einstürzte, nahm die Gießener Universität den Vorfall zum Anlass, auch in ihren Gebäuden Hörsäle zu überprüfen. Tatsächlich stellten sich an der Decke in der Hermann-Hoffmann-Akademie weitreichende Schäden heraus, was die Schließung des Hörsaals aus Sicherheitsgründen zur Folge hatte. Das aus den frühen Sechzigerjahren stammende Gebäude in der Nähe des Botanischen Gartens war Anfang des vergangenen Jahrzehnts renoviert und zum Lernort für junge Forscher hergerichtet worden. Als das Walskelett kam, waren noch einmal Umbauten erforderlich. Bei der ersten von der Universitätsleitung veranlassten Überprüfung der Hörsaalgebäude stellte sich dann heraus, dass es um die Tragfähigkeit der Decke in der Hermann-Hoffmann-Akademie nicht gut bestellt ist. Decke und Dach müssen erneuert werden Derzeit untersuchen Gutachter, welche Art von Dach- und Deckenkonstruktion die bisherige ersetzen könnte. Solange Decke und Dach einschließlich technischer Einbauten nicht erneuert seien, bleibe der Hörsaal geschlossen, heißt es vonseiten der Universität. Wobei die Sicherung des Pottwalskeletts eine besondere Herausforderung darstelle, weil es während Bauarbeiten entsprechend geschützt werden müsse. Da die Aufhängung des Skeletts so konzipiert ist, dass ein Teil des Gewichts über die Seitenwände aufgefangen wird, waren auch spezielle Gutachten bezüglich der Statik dieser Wände erforderlich. Dabei stellte sich jüngst heraus, dass auch an diesen Wänden Arbeiten zur Sicherung der Tragfähigkeit nötig sind. Zurzeit finden Kostenermittlungen statt, die über die bloße Sanierung des Daches hinaus zu finanzieren wären. Das alles fällt in eine Zeit, in der auch auf die Hochschulen Einsparungen zukommen. Belastbare Aussagen zu Kostenschätzungen und Zeitplanung seien erst möglich, wenn alle Zahlen auf dem Tisch lägen und die Freigabe der Mittel gesichert sei. Gleichwohl beabsichtige die Universität, den Hörsaal sanieren zu lassen, heißt es. Ungeachtet dessen kann die Akademie weiterhin Veranstaltungen anbieten. Darunter auch solche, die sich mit den Sammlungen zu Walen befassen, wie dem Embryo eines Pottwals, das seit Jahrzehnten in Gießen aufbewahrt wird und aus den Expeditionen des berühmten Meeresforschers Hans Hass stammt. Die Akademie, benannt nach dem Botaniker Hermann Hoffmann, der im 19. Jahrhundert fast fünf Jahrzehnte in Gießen wirkte und dessen Forschungen international beachtet wurden, ist auch deshalb ein besonderer Lernort, weil dort angehende Lehrer unterrichten und Schüler zu eigenen Forschungen animieren und anleiten. So gibt es dort ein Labor, eine Dino-Werkstatt, in der Kinder Wissenswertes über Fauna und Flora im Jura und in der Kreidezeit erfahren und Szenarien aus der Urzeit nachstellen können. Anschauung geben zudem zahlreiche Sammlungen wie die der staatlichen Vogelschutzwarte. In einer Bibliothek mit altersgerechten Beständen lässt sich all das vertiefen. Im Aquarien- und Vivarienraum haben Lehramtsstunden die Möglichkeit, sich mit dem Einsatz von Tieren im Biologieunterricht zu befassen. Auch das Implantarium, die Grüne Schule der Gießener Universität, hat dort, benachbart zu den Lehr- und Schaugärten des Botanischen Gartens, seinen Platz.