Auch wenn der Irankrieg gerade im Blickpunkt steht: Friedlich ist es auch auf der Ostsee nicht. Sie sei ein „sicherheitspolitischer Hotspot“, sagte NATO-General Ingo Gerhartz jüngst auf einer Veranstaltung des Verbands Deutscher Reeder: „Die Bedrohung ist täglich sichtbar.“ Durchtrennte Strom- oder Datenkabel, Sabotage an Pipelines, gestörte GPS-Daten sind fast schon Alltag. Dazu kommt die russische Schattenflotte: Hunderte von Schiffen mit undurchsichtigen Eigentümerstrukturen, in schlechtem Zustand, ohne Versicherung. Öltanker, die dazu dienen, Sanktionen gegen Russland zu unterlaufen, aber auch Schiffe, von denen aus Drohnenschwärme starten oder die ihren Anker über Kabeln streifen lassen. Alles in allem ist das eine ständige Bedrohung für alle Anrainerstaaten. Einen Auftrag für Kamikazedrohnen hat Stark schon In Deutschland sei man sich dessen vielfach noch gar nicht so bewusst, sagt Mateo Schulze-Vorberg. Für die nordischen und baltischen Länder dagegen sei die Ostsee das „Mare Nostrum“, der Bezugspunkt, um den sich die ganze Welt drehe. Der Lobbyist von Stark Defence hat eine Art Nervenmittel im Angebot: ein Drohnenboot, das zur Überwachung und zur Abschreckung auf See dienen und wenn nötig auch im Kampf eingesetzt werden kann. Das Unternehmen aus München ist erst gut zwei Jahre alt, hat aber mit einem anderen Produkt schon die Bundeswehr überzeugt: Ein Auftrag für Kamikazedrohnen in diesem Frühjahr ging nicht nur an Helsing und Rheinmetall, sondern in Teilen auch an Stark Defence. Das nächste Angebot heißt Vanta 6. Vor einem Jahr haben sie bei Stark angefangen, das „Überwasservehikel“ zu entwickeln. Das knapp sechs Meter lange Schiff aus schwarzem Hartplastik ließen die Münchener dieser Tage auf der Ems zu Wasser, in Laufweite zur Nationalen Maritimen Konferenz. Stark Defence wollten dort Aufmerksamkeit erwecken, wo die Entscheidungen gefällt werden. Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), dessen Berufsleben einst beim Marinearsenal Wilhelmshaven begann, machte der Firma die Aufwartung. Auch eine Reihe von Polizisten soll Interesse gezeigt haben, sehr zur Freude des Stark-Teams. Zivile Nutzung würde den potentiellen Markt für die Seedrohne noch erweitern. „Wir können immer länger warten“ Vanta 6 nutzt Künstliche Intelligenz, um Satellitendaten mit Trackingdaten von Schiffen abzugleichen und so ein stets aktuelles Lagebild zu erstellen. Schiffe der Schattenflotte fallen sofort auf, auch wenn sie ihre Transponder ausgestellt haben, um unentdeckt zu bleiben. Vanta 6 würde solche verdächtigen Schiffe dann aufsuchen und wie eine Art Satellit umkreisen, um „Abschreckung oder Dilemmata zu erzeugen“, erklärte Schulze-Vorberg die Taktik. Ausdauer ist dafür ein wichtiger Faktor: „Wir können immer länger warten.“ Weil Vanta 6 unbemannt operiert, begebe sich kein Mensch in Gefahr, und es könne auch niemand müde werden. Sollte der Tank leerlaufen, würde das Drohnenboot durch ein anderes ersetzt. Mit Abschreckung und Aufklärung wiederum müsste nicht Schluss sein. Von dem Drohnenboot können auch Flugdrohnen gestartet werden und das Gefährt schnell zu einem gefährlichen Gerät machen. Noch hat Stark keine Aufträge, wenngleich von verheißungsvollen Gesprächen geraunt wird. Auch einen Produktionspartner gibt es noch nicht, aber aufgrund von Verhandlungen mit deutschen Werften traut man sich, eine Herstellung in Deutschland zuzusichern. Der Erfolg der vergangenen Monate macht die Münchener zuversichtlich, mit der Kombination aus cleveren technischen Ansätzen mit einem enormen Realisierungstempo bei den Beschaffern zu punkten. Rheinmetall scheint einen Schritt weiter zu sein Rheinmetall scheint schon einen Schritt weiter zu sein. Der Konzern, der zum größten Rüstungsanbieter der Welt werden will, stieg zwar erst vor wenigen Wochen durch die Übernahme des Familienunternehmens NVL (Naval Vessels Lürssen) ins Marinegeschäft ein, meldet nun aber schon die Aussicht auf ein Milliardengeschäft mit Drohnenbooten. Hunderte davon sollen künftig jährlich auf der Blohm+Voss-Werft in Hamburg gebaut werden. Zum Beginn der Serienproduktion vor Kurzem war von Aufträgen aus mehreren NATO-Ländern die Rede, ohne dass die Kunden im Detail benannt wurden. Dieser Tage bekräftigte Rheinmetall-Chef Armin Papperger in Hamburg: „Es sind schon ein paar Hundert bestellt.“ Die von Rheinmetall mit der britischen Kraken Technology Group zusammen gebauten Drohnenboote mit dem Namen K3 Scout sind 8,40 Meter lang und damit einiges größer als Vanta 6, die auf 5,80 Meter kommt. Während K3 Scout bis 55 Knoten schnell werden kann, schafft das Boot von Stark Defence 35 Knoten. Die Reichweite bei niedriger Geschwindigkeit liegt beim größeren Boot bei 650 Seemeilen, das kleinere schafft knapp 500 Seemeilen. Stark sieht sein Open-Source-System im Vorteil Doch anhand dieser Werte sind die Angebote noch nicht wirklich vergleichbar, weil die Hardware allein nicht reicht, um die Aufgabe zu erfüllen. „Wir haben den ganzheitlichen Ansatz“, sagt Schulze-Vorberg und verweist auf das Führungs- und Waffeneinsatzsystem Minerva, das durch eine Open-Source-Software sehr flexibel einsetzbar ist: „Das kann sich mit der dänischen Küstenwache ebenso verbinden wie mit einem NATO-System.“ Gerade weil die Zuständigkeiten auf See oft vielfältig seien, hält man bei Stark die so erzeugte Interoperabilität zwischen verschiedenen zivilen und militärischen Stellen für einen entscheidenden Vorteil. Über Preise will Stark Defence noch nicht sprechen. „Noch im sechsstelligen Bereich“, heißt es schmallippig. Preistreiber seien die Sensorik, Kameras, Radar für Tag und Nacht – von der Ausstattung hänge es ab, was Kunden zahlen müssen. Rheinmetall-Chef Armin Papperger wagte jüngst vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten für sein Boot die Angabe „350.000 Euro ohne Hauptbewaffnung“. Verglichen mit den Kosten für herkömmliche Systeme der Marine ist das ein Klacks. Schon deshalb dürfen die Unternehmen auf offene Ohren hoffen. Die deutsche Politik hat sogar schon einen neuen Begriff geschaffen: Eine wirksame und strategische „Kabeldiplomatie“ fordern Bundestagsabgeordnete von Union und SPD, die diese Woche einen entsprechenden Antrag ins Parlament einbrachten. Unterseekabel seien eine zentrale kritische Infrastruktur, heißt es. „Über 90 Prozent des Datenverkehrs, aber auch große Teile unserer Energieversorgung erfolgen darüber“, mahnte der CDU-Abgeordnete Nicolas Zippelius: Deutschland solle beim Schutz der kritischen Infrastruktur vorangehen und schneller werden.
