Das kleine Kreuzfahrtschiff, auf das seit Tagen die Welt blickt, kam in der Dunkelheit. An diesem Sonntagmorgen warf die „Hondius“ im Hafenbecken von Granadilla ihren Anker. Festland sollte das Schiff, auf dem das Hantavirus ausgebrochen ist, auf Teneriffa nicht einmal berühren, sondern so schnell wie möglich wieder verschwinden. Zunächst wurden am Morgen die 117 Menschen an Bord, die bislang alle keine Symptome zeigen, noch einmal untersucht. Medizinisches Personal kam dafür an Bord. Dann erwartet eine kleine Armada aus Schlauchbooten das „Seuchenschiff“, wie die Boulevardpresse es schon nannte: Sie bringen Passagiere und Besatzungsmitglieder an die Mole. Von dort aus geht es in roten Militärbussen über eine abgesperrte Strecke direkt auf die Piste des Urlauberflughafens Teneriffa-Süd. Startbereit wartet eine Flotte von Flugzeugen auf sie. Am von mehr als 300 Polizisten bewachten Hafen von Granadilla heißt sie aus sicherer Entfernung ein ranghohes Empfangskomitee willkommen. In den Zelten einer improvisierten Kommandozentrale beaufsichtigen der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), drei spanische Minister und der kanarische Regierungschef die komplexe Aktion, an der nicht weniger als 23 Staaten beteiligt sind; aus so vielen Ländern kommen Passagiere und Besatzungsmitglieder. Die WHO beruhigt: Das ist kein zweites Covid Dass sie am Sonntagmorgen alle in den Industriehafen gekommen sind, soll die Menschen beruhigen, denn besonders auf den Kanaren hat sich die Angst vor einer neuen Pandemie ausgebreitet. Das macht auch die Präsenz des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus deutlich, der sich am Wochenende zu einem ungewöhnlichen Schritt entschied. „An die Bevölkerung von Teneriffa: Mein Name ist Tedros, und ich bin Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation“, begann sein Brief. Diese Form der Kommunikation sei nicht üblich, aber er wolle „von Mensch zu Mensch“ mit den Kanaren über ihre Sorgen sprechen: „Das ist kein zweites Covid. Das Risiko für Sie im Alltag auf Teneriffa ist gering. Das ist die Einschätzung der WHO, und wir haben sie uns nicht leicht gemacht“, betonte er und dankte den Menschen auf den Kanaren. Die spanische Gesundheitsministerin Mónica García, die nicht nur von der Opposition wegen ihrer zögerlichen Informationspolitik kritisiert worden war, sprach von einem der „komplexesten“ internationalen Einsätze dieser Art. Sie sei stolz darauf, dass die WHO Spanien das Vertrauen geschenkt habe, um das möglich zu machen. Regionalregierung droht mit Entzug der Genehmigung Die Ministerin reagierte mit diesen Worten auch auf Kritik der kanarischen Regionalregierung, die eine Ausschiffung auf Cabo Verde gefordert und eine Landung auf den Kanaren abgelehnt hatte, weil sie zu spät und unzureichend informiert worden sei. Kurz vor der Ankunft der „Hondius“ hatte sich der Konflikt in der Nacht dann noch einmal zugespitzt. Der kanarische Regionalpräsident Fernando Clavijo kündigte an, wegen fehlender Sicherheitsgarantien die Genehmigung seiner Regierung für die Ankerung zu entziehen. Man wolle „kein Komplize sein“ für eine Aktion sein, die die öffentliche Gesundheit gefährde, sagte Clavijo am frühen Morgen an der Hafen-Mole. Er befürchtete, infizierte Ratten könnten von Bord springen und an Land schwimmen. Zudem verspäteten sich nach seinen Worten die Flugzeuge aus Australien und den Niederlanden, sodass das Schiff wahrscheinlich länger im Hafen bleiben müsse. Die Zentralregierung wies diese Einwände zurück, die nationale Direktion der Handelsmarine erteilte dann die endgültige Genehmigung. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska hatte zuvor versichert, das Kreuzfahrtschiff werde sich nur so lange in spanischen Gewässern aufhalten, wie es für die Ausschiffung erforderlich sei. Laut WHO könnte das bis Montagmittag dauern. Später wird vor den Kanaren stürmisches Wetter erwartet. Die Passagiere und Besatzungsmitglieder der „Hondius“ dürfen erst von Bord gehen, wenn das Flugzeug, das sie in ihre Heimatländer am Flughafen startklar ist. Jeglicher Schiffsverkehr im Umkreis von einer Seemeile um die „Hondius“ wurde untersagt. Nach einer letzten Untersuchung besteigen – mit FFP2-Masken, wie man sie aus der Pandemie kennt – jeweils bis zu fünf Landsleute ein offenes Schlauchboot, das sie zur Hafen-Mole fährt. Sie dürfen nur Handgepäck mitnehmen. Um Infektionen auszuschließen, werden dafür keine Boote des Kreuzfahrschiffs eingesetzt. An Land stehen Militärbusse bereit, die sie durch den Hintereingang betreten dürfen. Untereinander und zum Fahrer müssen sie einen Sicherheitsabstand von mehreren Metern wahren. Etwa zehn Minuten dauert dann die Fahrt. Dabei soll es zu keinerlei Kontakt mit der lokalen Bevölkerung kommen. Nach Informationen des Senders RTVE werden sich nur Soldaten der militärischen Notfalleinheit (UME) um den Transfer der Passagiere vom Kreuzfahrtschiff zum Flughafen kümmern. Sie haben Pandemie-Erfahrung. UME-Soldaten waren 2020 in Altersheimen im Einsatz, wo es viele Covid-Tote gegeben hatte. An der Mole sind Beamte der Guardia Civil und Vertreter des Hafenarztes die einzigen zusätzlichen Einsatzkräfte. Zuerst sollen die 14 Spanier nach Madrid fliegen Schon am Samstag waren die ersten Flugzeuge für die Rückholung eingetroffen und parkten in großem Abstand von den Passagierterminals. Für EU-Bürger sind bis zu sechs Flüge, unter anderem nach Deutschland, Frankreich, Belgien, Irland und in die Niederlande geplant; für Nicht-EU-Bürger bis zu vier Flüge, darunter nach Großbritannien und in die USA. Für EU-Länder ohne verfügbare Flugzeuge stellt der Europäische Katastrophenschutzmechanismus zwei Maschinen bereit. Die 14 Spanier sollen die Ersten sein. Ein Airbus der spanischen Luftwaffe wird sie nach Madrid fliegen. Im Militärkrankenhaus Gómez Ulla gehen in der Hauptstadt dann alle erst einmal in die Quarantäne, die ein Richter angeordnet hat. Wie viele Deutsche die Maschine nach Deutschland besteigen werden, war zunächst unklar. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums und des Auswärtigen Amtes befand sich am Wochenende „eine mittlere einstellige Zahl“ deutscher Staatsangehöriger auf dem Schiff. Eine Deutsche war zusammen mit zwei Erkrankten am Mittwoch in die Niederlande ausgeflogen worden. Sie ist inzwischen – angeblich weiterhin symptomfrei – in Düsseldorf in Quarantäne. Sie hatte eine Deutsche begleitet, die zu den insgesamt drei Toten infolge des Hantavirus-Ausbruchs gehörte. Das RKI empfiehlt bis zu sechs Wochen Quarantäne In Deutschland empfiehlt das Robert Koch-Institut (RKI) sechs Wochen Quarantäne für Kontaktpersonen ohne Symptome; das sei auch zu Hause möglich. Das Wohnortprinzip regelt, welches Gesundheitsamt zuständig ist. Nach Angaben der WHO erkrankten bisher acht Menschen, die auf dem Schiff waren, sechs davon nachweislich an dem Virus. Sobald die Evakuierung und der Transfer der Passagiere abgeschlossen sind, wird das Schiff am Hafen von Santa Cruz betankt und für die Weiterreise vorbereitet. Dreißig Besatzungsmitglieder, die meisten von ihnen Philippiner, sollen an Bord bleiben, um das Schiff in die Niederlande zurückzufahren, wo es desinfiziert und auch der Leichnam der verstorbenen Deutschen entladen wird. Die Fahrt soll nach Angaben der Reederei noch einmal fünf Tage dauern. In Spanien war am Wochenende die Unruhe noch einmal gewachsen, nachdem zwei Verdachtsfälle einer Infektion bekannt geworden waren. Alle Personen, die in Quarantäne sind, waren an Bord des KLM-Flugzeugs von Johannesburg nach Amsterdam, in dem sich die später verstorbene niederländische Passagierin kurzzeitig befunden hatte. Ein erster PCR-Test einer Frau in Alicante fiel negativ aus. Nur kleinere Proteste auf den Kanaren Die angekündigten Proteste auf den Kanaren mobilisierten bis Sonntag nur wenige Menschen. Auf Teneriffa hatte eine kleine Gewerkschaft von Hafenarbeitern zunächst damit gedroht, die Landung des Schiffs zu blockieren. An einer Demonstration am Freitag mit Slogans wie „Wir wollen Arbeit, nicht Krankheit“ nahmen aber nach lokalen Presseberichten nur etwa dreißig Menschen teil. Am Tag zuvor waren es bei einer Protestkundgebung auf Gran Canaria etwa 50 Demonstranten.
