FAZ 18.03.2026
13:07 Uhr

Hundstadt im Taunus: Die letzte Baracke des NS-Lagers Bemelberg


Bei einem Dorf im Taunus bringt der Reichsarbeitsdienst vor 90 Jahren junge Männer in einem Lager unter. Nach dem Krieg ziehen Vertriebene dort ein. Eine Baracke zeugt noch davon.

Hundstadt im Taunus: Die letzte Baracke des NS-Lagers Bemelberg

Zwei Männer und eine Frau treffen sich in einer Baracke aus dem Jahr 1936. Bernd Vorlaeufer-Germer hat sie erforscht. Anton Streitenberger hat sie gepachtet. Und Edeltraud Jakob ist vor vielen Jahrzehnten dort ein und aus gegangen. Die Holzwände der Baracke sind dunkelbraun, die Klappläden dunkelgrün. Der eingeschossige Längsbau steht an einer Lichtung am Waldrand von Hundstadt, einem Dorf im Norden des hessischen Hochtaunuskreises. Die Luft duftet nach Dung. Früher gab es in der Gegend noch deutlich mehr Baracken. Die meisten sind schon seit Jahrzehnten verschwunden. Heute ist Anton Streitenbergers Baracke die letzte, die noch von den Lagern von Hundstadt zeugt. Der Bad Homburger Regionalforscher Vorlaeufer-Germer kennt die Geschichte dieser Lager vermutlich besser als jeder andere. Der Bau, den Streitenberger an einem regnerischen Märzmorgen mit einem Kaminfeuer heizt, hat vor 90 Jahren den lokalen Führern des nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienstes (RAD) als Unterkunft gedient. Damals steht die Baracke zwischen zwei weiteren, baugleichen Führer-Baracken. Die eine ist schon lange verschwunden, die andere im vergangenen Sommer abgerissen worden. Zwangsarbeit in unterirdischer Propeller-Fabrik Die jungen Männer, die beim RAD ihren Dienst absolvieren, schlafen in acht weiteren Baracken in Sichtweite. Von denen ist heute gar nichts mehr zu sehen. Tagsüber machen die Angehörigen des Arbeitsdienstes das Land urbar, bauen Wege, ziehen Wassergräben. Lager Bemelberg wird die Siedlung genannt. Spätestens 1942 übernimmt die Hitlerjugend die Baracken. Wahrscheinlich nutzen auch deren Führer die drei etwas abseits stehenden Gebäude als eigene Unterkunft, während sie die Jugendlichen im Wehrertüchtigungslager drillen. Die Hitlerjungen kommen für drei Wochen in den Schulferien in den Taunus, um Schießen und Kartenlesen zu lernen. Es folgt eine dritte Nutzung durch die Nationalsozialisten: Die Gestapo sperrt seit 1944 auf dem Gelände Hunderte Gefangene des Frankfurter Arbeitserziehungslagers Heddernheim ein. „Hinter Stacheldraht“, sagt Vorlaeufer-Germer. Die Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion müssen im nahen Hasselborner Tunnel eine unterirdische Fabrik für Flugzeugpropeller einrichten. Wegen der Bombenangriffe auf die Großstadt wird die Fertigung in den Taunus verlegt. Auch die Aufseher dieses Lagers dürften in den drei Führerbaracken untergekommen sein. Nur dort gibt es eigene Toiletten. Und eine Badewanne. Die Gefangenen leiden Hunger. Wanzen plagen sie außerdem. Mindestens vier Männer sterben im Lager. Drei davon erschießt ein Wachmann. Ende März 1945 befreien amerikanische Soldaten wenigstens 150, vielleicht sogar 300 Zwangsarbeiter aus den Baracken von Bemelberg. Nach Kriegsende werden Anton Streitenberger und Edeltraud Jakob Teil der Geschichte. In den Gebäuden kommen Vertriebene unter. Streitenberger, heute 83 Jahre alt, ist damals ein Kleinkind aus dem Sudetenland. Mit der Mutter und zwei Geschwistern wird er im Mai 1946 in einer der Baracken einquartiert, die heute nicht mehr stehen. Der Vater sollte erst 1949 aus der Gefangenschaft zurückkehren. Streitenberger hat die Siedlung nachgebaut. Das Modell nimmt einen Großteil des Hauptraums in der Baracke ein. Seit zwölf Jahren pachtet er das Gebäude nach eigenen Angaben von der Gemeinde Grävenwiesbach, zu der das Dorf Hundstadt gehört. Der Pächter zeigt auf ein Gebäude in der einstigen Achter-Gruppe. Hinter jeder der drei Türen mit Treppenaufgang lebte eine Familie. „Da haben wir gewohnt.“ Wer zur Toilette musste, ging in das Häuschen in der Nähe. Auf die Freifläche zwischen den Modellhäusern hat Streitenberger Gänsefiguren geklebt. Die Vögel sind auch auf einem historischen Foto zu sehen, das Vorlaeufer-Germer bei der Recherche gefunden hat. Der 83 Jahre alte ehemalige Abteilungsleiter des Deutschen Gewerkschaftsbunds, der zur Zeit der Studentenbewegung Volkswirtschaftslehre in Frankfurt studiert hat, hält regelmäßig Vorträge und veranstaltet Exkursionen zu Stätten der Geschichte des NS-Regimes in der Gegend. Edeltraud Jakob hat nie in den Baracken gelebt, aber sie ist als Kind oft auf dem Gelände gewesen. Die 79 Jahre alte Frau ist in Hundstadt geboren und lebt auch heute wieder dort. Anders als andere im Dorf hätten ihre Eltern nicht abfällig über die Vertriebenen in den Baracken geredet, erzählt sie. Mutter und Vater spendeten Kleider, die Tochter spielte mit den Kindern aus dem Sudetenland. Edeltrauds erste Schule war in einer der drei ehemaligen Führer-Baracken. „Die Dorfschule bekam gerade einen Neubau, deshalb war sie bis zur Einweihung hier untergebracht.“ Anton Streitenberger kannte sie schon damals. „Er hat immer die Autochen gehabt.“ Mit dem Spielzeug brachte er sie im Unterricht zum Lachen. „Und ich musste dann immer in der Ecke stehen.“ Mit dem Mädchen Jahrgang 1946 saß ein weiterer Junge aus dem Sudetenland im Klassenzimmer, der, seit er gut ein Jahr alt war, mit seiner Familie in der Nachbarbaracke wohnte. Also in genau jener, in der Jakob, Pächter Streitenberger und Forscher Vorlaeufer-Germer jetzt stehen. Jahre später, 1967, würde Edeltraud jenen sudetendeutschen Klassenkameraden aus der Barackensiedlung heiraten. Bis zur Hochzeit lebte er in dem Gebäude, die Schwiegereltern blieben sogar noch länger darin wohnen. Edeltraud Jakob erinnert sich an Kaffeetrinken und Feiern auf dem Sofa. Ihren eigenen 80. Geburtstag kann sie nicht mit ihrem Mann verbringen. Er ist vor einiger Zeit gestorben. Als Anton Streitenberger die Baracke vor zwölf Jahren übernahm, sah sie übel aus. Er berichtet von Mäusen, zeigt Fotoabzüge von Schutt und Gerümpel. Jetzt ist alles sauber, Fenster, Böden und Dach sind neu und dicht, die Elektrik funktioniert, und es stehen anderswo ausgemusterte Möbel in den Räumen. In der Küche prangt ein Bauernschrank. Die Kochplatte daneben habe er noch nie benutzt, sagt er, und er übernachte auch nicht in dem Bett im Hinterzimmer. Stattdessen komme er immer wieder vorbei. Zum Reparieren, Streichen, Werkeln, Pflegen. Früher hat er als Former in einer Gießerei in Usingen gearbeitet. Zynischer Name Waldfrieden In Streitenbergers und Jakobs Kindheit wissen die Einwohner von Hundstadt und die Vertriebenen im Lager, dass die Nationalsozialisten die Baracken gebaut und genutzt haben. Das berichten die beiden übereinstimmend. „Aber man hat nicht viel davon gesprochen.“ Außer den drei Führer-Baracken und den acht des Bemelberg-Ensembles zeigt das Modell noch eine weitere Siedlung. Ihr Name: Waldfrieden. Auch dort leben damals Vertriebene. Jakob erinnert sich an einen Laden, in dem sie Eis kaufte. Auch Streitenberger sagt, als Bub hätten ihn die Eltern zum Einkaufen dorthin geschickt. Jakob tippt mit dem Zeigefinger auf ein Gebäude. „Da hat eine Freundin von mir gewohnt.“ Vor dem Nähunterricht verbrachte das Mädchen oft die Mittagspause bei Edeltrauds Familie im Dorf. Die Kinder guckten zusammen gerne „Fury“. Das Lager Waldfrieden hat ebenfalls eine Vorgeschichte im Nationalsozialismus. Der Name, den ihm die Nazis geben, ist zynisch. Denn sie errichten die Baracken, um von 1943 an Zwangsarbeiter unterzubringen, viele davon Frauen aus Polen. Sie müssen in der Heeres-Nebenmunitionsanstalt (Muna) Wilhelmsdorf schuften. Vom Lager Waldfrieden ist nichts mehr zu sehen. Vorlaeufer-Germer führt zu dem Ort im Wald, an dem es einst lag. Ein Pfad, mit Gras überwachsen, führt leicht bergauf. „Den Weg hoch sind die Zwangsarbeiter zur Muna gelaufen.“ Auch auf dem Gelände der Munitionsanstalt wohnten nach dem Krieg Sudetendeutsche. Insgesamt wurden auf dem Muna-Grundstück und in den früheren Lagern Waldfrieden und Bemelberg 300 Personen untergebracht. Das Muna-Gelände ist von der nahen Bundesstraße aus zu sehen. „Bundespolizei“, steht auf einem Schild. Die Behörde betreibt dort ein Versorgungslager. Nicht weit entfernt, am Sportplatz von Hundstadt, zeigt der Regionalforscher am Schluss noch die Stelle, an der erst die jungen Männer des Reichsarbeitsdienstes, dann die Hitlerjungen, später die Gefangenen des Lagers Heddernheim in den acht Baracken des Lagers Bemelberg lebten. Und nach dem Krieg dann Familie Streitenberger und andere Vertriebene. An der Stelle wachsen Pappeln.