Ein schlechtes Gehör zu haben, betrifft immer mehr Menschen auf der ganzen Welt. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO leben derzeit eineinhalb Milliarden Menschen mit einer solchen Beeinträchtigung und damit ein Fünftel der Weltbevölkerung. In Zukunft könnte es nach einer Prognose der WHO jeder vierte Mensch sein. Gründe für die Entwicklung sind die zunehmende Alterung der Bevölkerung, der Freizeitlärm bei Jugendlichen sowie die Umwelt- und Arbeitsbelastung. Das Geschäft mit Hörhilfen floriert daher. Nun hat der österreichische Medizintechnikspezialist MED-EL ein Cochlea-Implantat vorgestellt, das vollständig unter der Haut sitzt; auf Lateinisch bezeichnet Cochlea die Hörschnecke im Innenohr. Das System richtet sich an Menschen mit hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit und kommt ohne dauerhaft außen an der Kopfhaut sitzende Komponenten aus. Dadurch kann es auch nachts genutzt werden und eröffnet Betroffenen mehr Freiheit im Alltag – etwa beim Schwimmen oder anderen sportlichen Aktivitäten, bei denen herkömmliche Audioprozessoren abgelegt werden müssen. Lediglich zum Laden ist ein externes Gerät erforderlich; währenddessen bleibt das Hören aber möglich. Implantat unter der Haut Bisherige Cochlea-Implantate nehmen Schall über einen außen getragenen Audioprozessor auf und wandeln ihn in elektrische Signale um. Diese werden an das Implantat unter der Haut und von dort an eine Elektrode in der Hörschnecke weitergeleitet. Die Elektrode stimuliert den Hörnerv, dessen Signale das Gehirn verarbeitet. Bei dem neuen Produkt namens Tici Unico sind sämtliche Komponenten dieses Systems unter der Haut untergebracht. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um die weltweit erste vollständig implantierte Lösung dieser Art. Die Entwicklung geht auf die Arbeit der österreichischen Forscher Ingeborg Hochmair-Desoyer und Erwin Hochmair zurück. Sie entwickelten das mikroelektronische Mehrkanal-Cochlea-Implantat, das 1977 in Wien erstmals einem Patienten eingesetzt wurde. 1990 gründete das Ehepaar dann MED-EL in Innsbruck. Aus dem Unternehmen ist ein international führender Anbieter von Hörimplantatsystemen geworden. International tragen Hunderttausende Menschen Geräte des Herstellers. Hörverlust hat mentale und soziale Folgen Die Idee, ein Implantat ohne sichtbare äußere Teile zu schaffen, verfolgte Hochmair-Desoyer nach eigenen Angaben fast fünf Jahrzehnte. Die Umsetzung erforderte jedoch technische Voraussetzungen, die lange fehlten. Besonders anspruchsvoll war die Entwicklung eines Mikrofons, das auch die klanglichen Veränderungen ausgleicht, die durch die Aufnahme des Schalls unter der Haut entstehen. Insgesamt dauerte die Entwicklung rund 15 Jahre. Knapp 40 Menschen auf der ganzen Welt tragen die unsichtbare Variante schon. Die Vorstellung fällt in eine Zeit, in der gutes Hören für immer mehr Menschen wichtig wird. Schwerhörigkeit kann Gespräche und die Teilhabe am sozialen Leben erschweren – und damit den Alltag sowohl der Betroffenen als auch ihres Umfelds belasten. Auch für Menschen, die unter Tinnitus leiden und durch anhaltenden Stress zusätzlich beansprucht sind, ist die Versorgung des Hörens ein relevantes Thema. Die Neuheit setzt dabei nicht nur auf einen ästhetischen Vorteil. Dass kein äußerer Audioprozessor getragen werden muss, kann Betroffenen auch psychologisch mehr Selbstbestimmung und Sicherheit geben. Mit seiner langen Forschungstradition und der internationalen Bedeutung in der Versorgung von Patienten gehört MED-EL zu den prägenden Unternehmen der Branche. Die neue Variante des Implantats knüpft an diese Entwicklung an und erweitert die Möglichkeiten für Menschen mit hochgradigem Hörverlust.
