FAZ 07.05.2026
20:01 Uhr

Iranische Studenten: Was ihnen bleibt, ist die Hoffnung auf Freiheit


Sie sorgen sich um ihre Familien und fürchten das Regime, doch den Glauben an eine bessere Zukunft geben sie nicht auf: Junge Iraner erzählen in der Evangelischen Studierendengemeinde Mainz, was sie bewegt.

Iranische Studenten: Was ihnen bleibt, ist die Hoffnung auf Freiheit

Mahdi Javadi hat eine Schachtel, die er sich nicht zu öffnen traut. Sie stammt aus Iran und enthält Safran, das Gewürz, das dort angebaut wird. Javadi, der an der Hochschule Mainz Wirtschaftswissenschaft studiert, hat die Schachtel mit nach Deutschland gebracht.  Er lässt sie lieber zu, weil er Angst hat, dass der Duft verfliegt, der ihn an seine Heimat erinnert. An diesem Abend in der Evangelischen Studierendengemeinde in Mainz erzählt der 22 Jahre alte Student auch von dem Handy, das nachts neben seinem Kopfkissen liegt. Es sei auf laut gestellt, für den Fall, dass seine Familie anrufe. Seit Wochen habe er nicht mehr mit ihr telefoniert. Mobilfunk und Internet sind in Iran weiterhin zeitweise abgeschaltet. „Dass das Telefon nicht geht, ist ein Zeichen, dass das Regime noch Angst hat vor den Menschen, die auf der Straße sind“, sagt Javadi. Unter dem Titel „Iran Up Close“ hat die Iranian Students Association Mainz und Wiesbaden zu einem „Abend, der verbindet“, eingeladen. Die Veranstaltung soll Einblicke in die iranische Kultur und Gesellschaft geben, aber auch einen Raum für Dialog schaffen. Gekommen sind rund 100 Gäste, unter ihnen viele Iraner. Für die deutschen Zuhörer erklärt Peiman Niaei, Vorsitzender des iranischen Studentenvereins, die Bevölkerungsstruktur Irans, die Wirtschaft und die verschiedenen Religionen im Land. Seit fünf Monaten kein Kontakt mehr zur Familie Arash Rabatipour hofft weiter auf Freiheit für das iranische Volk. Doch von dem neuen „Obersten Führer“ Modschtaba Khamenei erwartet er keine Öffnung des Regimes. Rabatipour macht sich Sorgen um seine Familie. „Ich habe seit fünf Monaten keinen Kontakt mehr.“ Der Fünfunddreißigjährige wünscht sich ein säkulares, demokratisches Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Und er hofft, irgendwann Urlaub bei seiner Familie machen zu können. Von Hoffnung ist an diesem Abend immer wieder die Rede. Kerstin Söderblom, die Hochschulpfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde, und Christine Schardt, Pastoralreferentin der Katholischen Hochschulgemeinde Mainz, arbeiten mit der iranischen Studentenvereinigung zusammen. Seit den Siebzigerjahren lebten Iraner in den Wohnheimen der beiden Studentengemeinden, sagt Söderblom. „Wir waren also schon früh Anlaufstellen für Menschen, die aus dem Iran herkommen“, ergänzt Schardt. „Es ist klar durchgekommen, dass etwas verändert werden kann, weil es Hoffnung gibt“, sagt Franziska Valentin. Die 24 Jahre alte Lehramtsstudentin ist zu der Veranstaltung gekommen, um neue Perspektiven zu erhalten. Maede Moghadasi ist ebenfalls 24. Sie hofft, dass sie Iran noch als freies Land erleben wird. Die Medizinstudentin ist vor dreieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen. Die Frage, ob sie zurückwill, ist für sie schwer zu beantworten. „Ich habe mir hier ein Leben aufgebaut.“ Schockierende Bilder der Gewalt Die iranische Hochschulgruppe hat einen Film vorbereitet. Mainzer Studenten sagen darin, was der Begriff Freiheit für sie bedeutet. Dann werden Videos gezeigt, die Proteste in Iran zeigen sollen. Zuvor wurde das Publikum gewarnt: Die Bilder sind schockierend. Zu sehen ist, wie auf Menschen geschossen und Demonstranten ins Gesicht getreten wird, die schon am Boden liegen. Viele der Anwesenden nehmen die Videos sichtlich mit, einige weinen. Niaei ruft zu einer Schweigeminute für die Demonstranten auf, die vom Regime getötet wurden. In der Abschlussdiskussion berichtet der Doktorand der Zahnmedizin davon, dass er in Mails bedroht werde. „Es ist auch eine sehr große Angst von uns, dass unsere Familien in Iran zu Schaden kommen können.“ Die aktuelle Lage in seinem Heimatland bezeichnet er als „sehr kompliziert“. Was in Iran passiere, seien keine vorübergehenden Proteste. „Wir nennen es eine Revolution.“ Die Iraner hätten eine große Hoffnung: Reza Pahlavi, Sohn des letzten iranischen Schahs. „Wir wollen keine Monarchie“, sagt Niaei, aber Pahlavi sei eine starke, gebildete Person, die Iran in einer Übergangsphase in die Demokratie führen könnte. Pahlavis Rolle, das wird in der Diskussion deutlich, ist unter Iranern umstritten. Was die Menschen hier für die Iraner tun könnten, fragt Pastoralreferentin Schardt noch. „Zuhören“, sagt Niaei.