Am Dienstagnachmittag war es so weit: Die drei Kinder der „Waldfamilie“ in den Abruzzen durften nach Hause – nach zehn Monaten Zwangstrennung von den Eltern und nur für rund anderthalb Stunden. Die „Waldfamilie“, das sind die 45 Jahre alte Australierin Catherine Birmingham, der 51 Jahre alte Engländer Nathan Trevallion und die drei gemeinsamen Kinder, eine neun Jahre alte Tochter und ein sieben Jahre altes Zwillingspaar. Die Eltern hatten 2016 in dem Weiler Palmoli eine Bauernkate ohne Anschluss ans Strom- und Wassernetz gekauft, um ihre Kinder dort naturnah und umgeben von allerlei Haustieren aufwachsen zu lassen. Nur der Vater darf die Kinder besuchen Im November 2025 entzog das Jugendgericht in der Regionalhauptstadt L’Aquila den Eltern das Sorgerecht, weil die Wohnbedingungen in dem Bauernhaus nicht kindgerecht seien und die Eltern ihre Verpflichtungen für das – in Italien erlaubte – Homeschooling nicht erfüllten. Seither sind die Geschwister in einem rund dreißig Kilometer entfernten staatlichen Heim untergebracht. Und die Eltern versuchen seither, ihre Kinder zurückzubekommen. Zurzeit darf nur der Vater die Kinder in dem Heim besuchen. Gegen die Mutter wurde ein Haus- und Besuchsverbot verhängt, weil sie sich nach Ansicht der Sozialarbeiter und des Jugendgerichts „unkooperativ“ verhalten hat. Der Fall der „Waldfamilie“ hat in Italien ein großes Medienecho gefunden. In einem Land, das die kirchen- und strafrechtliche Aufarbeitung des jahrzehntelangen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in der katholischen „Staatskirche“ bis heute verweigert, musste der plötzlich erwachte staatliche Schutzfuror im Falle von drei Kindern aus einem liebevollen, unkonventionellen Elternhaus das öffentliche Interesse wecken. In der Diskursfalle der polarisierten Politik In der medialen Rezeption geriet der Kasus sogleich in die Diskursfalle der polarisierten Politik. Konservative und liberale Medien berichten ausführlich und mit erkennbarer Sympathie für die zerrissene Familie. Linke Blätter und Sender schlagen sich auf die Seite der Behörden und namentlich der Jugendrichterin in L’Aquila, die ihre Laufbahn als kommunistische Parlamentsabgeordnete in Rom begonnen hatte. Ranghohe Vertreter der Mitte-rechts-Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigen sich solidarisch mit der „famiglia del bosco“. Der ehedem kommunistische und jetzt sozialdemokratische Spitzenfunktionär Vincenzo De Luca aus Kampanien würde die Eltern von Palmoli am liebsten für drei Jahre ins Gefängnis stecken lassen, weil die ihre Kinder nicht ausreichend impfen und pädiatrisch untersuchen ließen. Nachdem das Gutachten mehrerer Kinderpsychologen vor dem Risiko einer Traumatisierung der drei Geschwister wegen der monatelangen Trennung von ihren Eltern gewarnt hatte, erlaubte die Richterin einen ersten „Familienbesuch“ von neunzig Minuten. Der fiel am Dienstag vergangener Woche aber ins Wasser, weil die Sozialarbeiter und die Gerichtsbeauftragten, die die Kinder begleiteten, wegen der Gegenwart von Journalisten angeblich um ihre und der Kinder Sicherheit fürchteten. Dabei hatten die Eltern, deren Anwalt und der Bürgermeister von Palmoli, der die Familie unterstützt, die Berichterstatter gebeten, sich zurückzuziehen – worauf sich sämtliche Journalisten tatsächlich einen halben Kilometer von dem Haus entfernten. Sind die Journalisten ein „Sicherheitsproblem“? Tags darauf, am Mittwoch vergangener Woche, wurden die Geschwister auf Geheiß der Jugendrichterin dann in der öffentlichen Schule in der Nähe des Kinderheims eingeschult, obschon die Eltern weiter Heimunterricht betreiben wollen. Den Gang der drei Geschwister vom Kinderheim zur Schule, unter Begleitung der Sozialarbeiter, konnten Berichterstatter, Fotografen und Kameraleute beobachten, wiewohl aus der Ferne. Das „Sicherheitsproblem“ kam erst wieder am vergangenen Dienstag auf, als die in der Woche zuvor ausgefallene Familienzusammenführung am Wohnort der Eltern nachgeholt werden sollte. Und wieder erfüllten sämtliche Journalisten, Fotografen und Kameraleute die Bitte der Eltern, des Anwalts und des Bürgermeisters und entfernten sich von dem Haus. Andernfalls hätten die staatlichen Begleiter der Kinder deren Treffen mit den Eltern abermals abgesagt. Hernach berichtete der Anwalt der Familie, die Kinder seien freudeschreiend in die Arme ihrer Eltern gerannt. Es seien viele Tränen geflossen. Man habe zusammen Lebkuchen gegessen. Die Kinder hätten mit den beiden Haushunden gespielt. Schließlich habe die Familie gemeinsam den Tisch fürs Abendessen gedeckt. Doch das durften die Kinder schon nicht mehr daheim einnehmen, denn nach den richterlich zugestandenen neunzig Minuten stand die Rückfahrt ins Kinderheim an. In Medienkommentaren hatte es schon nach dem geplatzten ersten Treffen geheißen, es gehe den Behörden offenkundig um eine Art Wort- und Bildkontrolle: Berichte über eine freudestrahlend wiedervereinigte Familie könnten das vom Jugendamt und der Richterin verbreitete Narrativ untergraben, wonach die Kinder zu deren eigenem Schutz von den Eltern entfernt worden seien. Schon die langen Sommerferien hatten die drei Geschwister nicht mit ihren Eltern verbringen dürfen, obschon die Gemeinde Palmoli der Familie ein Ausweichquartier zur Verfügung gestellt hatte. Am 3. November entscheidet das Jugendgericht in L’Aquila über den Widerspruch der Eltern gegen den Entscheid zum fortgesetzten Verbleib ihrer Kinder in staatlicher Obhut.
