Die Hochhäuser strecken sich hier wie Riesen in den Himmel, die Sonne fällt in den Park der Frankfurter Gallusanlage. Am frühen Morgen teilen sich zwei Obdachlose eine orangefarbene Bank. Ein paar Schritte weiter bestellen perfekt gestylte Menschen Getränke in einem Café, in dem ein einfacher schwarzer Kaffee und Grüntee geradezu subversiv wirken. Am Tresen liegt ein opulenter Bildband über Hermès-Handtaschen. Jakob Schwerdtfeger, der Grüntee trinkt, fragt sich: „Wer braucht so viele Handtaschen?“ In der Einleitung seines Buchs „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht“ gibt er selbst die Antwort: Bei einem Galerienevent in Frankfurt habe er gehört, wie ein Galerist sagte, dass der hohe Eintrittspreis die „Qualität des Publikums“ hebe, während ein anderer erwiderte, dass die „Hermès-Dichte größer“ sein könnte. Für dieses Publikum hat er sein neues Buch jedenfalls nicht geschrieben. „Ich wollte einen lockeren Zugang schaffen, der zugleich informativ ist“, sagt der 38 Jahre alte Kunsthistoriker und Stand-up-Comedian. Ein Buch, das Spaß mache und nicht „als Einschlafhilfe“ diene. Das ist ihm gelungen. Das Buch ist ein Kunstüberblick für alle, macht aber auch denen Spaß, die sich schon länger mit Kunst befassen – gegen den Strich gebürstet, humorvoll, aber ohne Klamauk. Das 250 Seiten starke Buch ist angereichert mit Fun Facts und Anekdoten. Mit dieser Mischung hat Schwerdtfeger seine Nische gefunden: zwischen Kunst und Entertainment, Bühne und Buch. Prägnante Sätze wie „die Renaissance ist die Streberin der Kunstepochen“, eröffnen einen frischen Blick. Hinter der Leichtigkeit verbirgt sich aber Arbeit, die man Schwerdtfegers Texten anmerkt. Manchmal, sagt er, habe er stundenlang über einen Satz nachgedacht. Sein erstes Buch „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst“ sei gewissermaßen „die Eintrittskarte in die Kunstwelt“ gewesen, das zweite nun ein lang gehegter Wunsch. Den hat er sich nach einem Jahr erfüllt: mit viel Grüntee, Stunden in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, Mut zur Lücke und dicken Wälzern – für einen besonders schweren hat er sogar eine Waage in die Bibliothek mitgenommen. Ein Ritt durch 1000 Jahre Kunstgeschichte Seine finale Auswahl bezeichnet er als „wilden Ritt durch 1000 Jahre Kunst“, angefangen von der Romanik und Gotik bis zur zeitgenössischen Kunst. Von Madonnen bis zum Graffiti-Künstler Peng, der Schwerdtfeger „jeden Gang durch Frankfurt versüßt“, und zu „unfertigen Ikea-Regalen“. Nicht weit vom Café mit der „Hermès-Dichte“ steht die Skulptur „Offene Würfel“ aus dem Jahr 1991 von Sol LeWitt. Sieben schlichte, weiße Kuben, die tatsächlich an schwedische Systemmöbel erinnern. Minimal Art entstand in den Sechzigerjahren. Ein Trend, der bis heute anhält. Schlicht, reduziert, steril. Ein Kontrast zur knalligen Pop-Art oder abstraktem Expressionismus, sagt Schwerdtfeger. An deren Vertreter Andy Warhol oder Wassily Kandinsky kommt er in seinem Buch natürlich nicht vorbei. Aber er ermöglicht auch Entdeckungen, wie die Künstlerin Georgiana Houghton, die schon 50 Jahre vor Kandinsky ein abstraktes Aquarell malte. Neben bekannteren Namen wie Frida Kahlo oder Niki de Saint Phalle macht Schwerdtfeger viele weniger bekannte Positionen sichtbar. Überhaupt nimmt Kunst von Frauen in seinem Buch einen wichtigen Platz ein. Es habe ihn erschreckt, wie systematisch Künstlerinnen über Jahrhunderte unterdrückt wurden, sagt er. Schwerdtfeger denkt Kunst aus der Zeit heraus. Die Moderne etwa: ein einziger Ausnahmezustand aus Industrialisierung, Großstadtlärm und Krieg. Kein Wunder, dass die Kunst darauf mit Explosion reagierte, sagt er. Die technische Perfektion, all ihre Errungenschaften, und antike Körper, die wie „McFit-Dauergäste“ aussehen, seien ein Grund, warum die Renaissance als „Streberin“ gelten könne. Der Barock hingegen sei geprägt von Gegensätzen – überladen und ruhig zugleich. Während Rubens für ihn „Kunst auf Koks“ sei, wirkten manche Stillleben eher wie „eine Dosis Valium“. Wo Hochkultur und Popkultur sich mischen Und dann gibt es Momente, in denen Hochkultur und Popkultur ineinanderrutschen. Wenn etwa die Mona Lisa plötzlich als „authentisch italienisch“ für die Fast-Food-Kette Pizza Hut werben muss, wird klar, dass Ikonen nicht vor Verwertung sicher sind. Auch Monets Seerosen, heute dekorativer Dauerbrenner zwischen Arztpraxis und Kalenderblatt, waren einst eine Zumutung. Zu verschwommen, zu unfertig – als hätten Betrachter ihre Brille verlegt oder zu viele Jägermeister intus, resümiert Schwerdtfeger. Dass er bei all dem nicht doziert, sondern zugänglich bleibt, liegt auch an seiner eigenen Geschichte. Für Schwerdtfeger, dessen Urgroßvater Bauhaus-Künstler war und dessen Großvater Steinskulpturen im Garten entwarf, war Kunst immer präsent. Als Jugendlicher habe er Kunstbücher verschlungen wie andere Lustige Taschenbücher, sagt er. Später studierte er Kunstgeschichte in Frankfurt – für ihn „die beste Stadt“: mit ihren Museen, der Skyline und zugleich einer überschaubaren Größe. Außerdem könne er von hier aus überallhin touren. Als Comedian, der mit Poetry-Slam und Rap anfing, tritt er nun als Kunstvermittler auf deutschen Stand-up-Bühnen auf, macht Youtube-Videos und Podcasts. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Schwerdtfeger. Der Sprung in die Selbständigkeit folgte, nachdem er viele Jahre im Städel Museum gearbeitet hatte. Es ist nach wie vor eines der wichtigsten Museen für ihn, so widmet er sich im Buch auch Städel-Werken wie dem „Altenberger Altar“ oder Tischbeins „Goethe in der Campagna“. Seine neue Lieblingsepoche sei der Symbolismus, sagt Schwerdtfeger. Er sei so herrlich melodramatisch: „Der lebendig Begrabene“ von Antoine Wiertz sei ein Beispiel. „Das könnte man per Airbrush auf Motorhauben sprühen.“ Besonders schätzt er Jan Vermeer, seine Kunst sei wie „ein ICE-Ruheabteil“, Judit Reigl dagegen „pure Energie, gebannt auf Leinwand“. Er macht auch keinen Hehl daraus, wen er gar nicht leiden kann: Jonathan Meese. Aber das sei auch okay: Kunst dürfe anstrengend sein, irritierend, auch mal unerquicklich. Hauptsache, kein exklusiver Klub, wie die erwähnten Galeristen ihn sich wünschten. Nur weil man einmal einen schlechten Film gesehen habe, höre man ja auch nicht auf, ins Kino zu gehen. Schwerdtfegers Schluss: „Ab ins Museum!“ Leseshow mit Jakob Schwerdtfeger im Kabarett Die Käs, Frankfurt, 12. Mai, 20 Uhr, im Unterhaus Mainz, 21. Mai, 20 Uhr.
