FAZ 05.05.2026
15:52 Uhr

Julia Lehners Verabschiedung: Bröckelt die CSU-Unterstützung für Wolfram Weimer?


Die Nürnberger Kulturbürgermeisterin Julia Lehner wird in den politischen Ruhestand verabschiedet. Auch Ministerpräsident Söder reist für sie an und lässt durchblicken, dass sie eigentlich ein guter Weimer-Ersatz wäre.

Julia Lehners Verabschiedung: Bröckelt die CSU-Unterstützung für Wolfram Weimer?

Bäume umarmen war vorgestern, und auch das massenmediale Teilen von Essensbildern, die unter #söderisst in den sozialen Medien kursierten, hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder jüngst eingestellt. In der wieder entdeckten Ernsthaftigkeit, die zwischen Rostbratwurst und performativem Umweltschutz verloren ging, konzentriert sich Söder nun auf die Personalpolitik. Vorletzte Woche hat er Ilse Aigner auf die Reise nach Berlin geschickt, erste Bundespräsidentin soll die einstige Konkurrentin um das Ministerpräsidentenamt nun werden. Doch um ein solch „vergiftetes Geschenk“, das man Söder im Umgang mit der bayerischen Landtagspräsidentin unterstellte, ging es im Schauspielhaus des Nürnberger Staatstheaters am Montag nicht. An dem Abend, der unter musikalischer Begleitung stilvoll begann, wurde die Nürnberger Kulturbürgermeisterin Julia Lehner in den Ruhestand verabschiedet. Mehr als 25 Jahre hat sie die Kulturpolitik als Stadträtin, Dezernentin und zweite Bürgermeisterin so erfolgreich geprägt, dass der Ministerpräsident, der bekannte, dem Absitzen von Wagner-Opern einen Gang ins Stadion vorzuziehen, zum finalen „Grüß Gott“ aus der Landeshauptstadt anreiste. Grüß Gott an Lehner, Servus an Weimer Dass er es mit seiner durchsetzungsstarken Parteifreundin, dem „hellsten Stern am bayerischen Kulturhimmel“, die die Marke Dürer in Nürnberg und der Welt neu inszeniert hat, und aus dem nationalsozialistischen Ort der Unkultur eine Kulturstätte zu machen gesucht hat, nicht immer leicht hatte, wollte Söder nicht verheimlichen. Die Kultur wolle von der Politik gefördert werden, und das, obwohl sie sich ja oft als „Stachel im Fleisch“ der Politiker begreife. Eine Gleichzeitigkeit, die man in Bayern aushalte, nein sogar fördere, so Söder. Einen Sparkurs wie im Bund würde es mit ihm im Freistaat nicht geben. Der Machtpolitiker Söder kannte auch an diesem Abend sein Publikum, die Kulturbeflissenen und Gebildeten unter der fränkischen Prominenz, die den großen Saal der Nürnberger Kammerspiele füllten. Auch sonst winkte Söder in seinem landesväterlichen Dauerwahlkampf immer wieder mit dem Zaunpfahl nach Berlin. Mit Augenzwinkern erklärte der Ministerpräsident, dass die „Ikone“ Lehner den „Job im Kanzleramt“ auch „locker“ gekonnt hätte. Ihre Strahlkraft aus Nürnberg reiche schon lange bis nach München, und „eigentlich auch nach Berlin“. Also doch keine Rente im Frankenland, sondern ein Jobangebot? Beinahe zu sehr drängte sich der Eindruck auf, dass Söder zu einer weiteren Verabschiedung ansetzte: jener von Wolfram Weimer. Das folklorehaft zelebrierte „Grüß Gott“ an Julia Lehner war so auch als Servus an den nicht nur bei Söder unbeliebten Kulturstaatsminister zu verstehen. Auch im Ruhestand gibt es viel zu tun Sein Name fiel an diesem Abend allerdings nicht, aber ein deutliches Signal ans Kanzleramt war es schon, als nach Söder auch der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin, immerhin einst ehemaliger Staatsminister für Kultur unter Gerhard Schröder, und der Chefredakteur des Verlags Nürnberger Presse Michael Husarek die Eignung der Kulturpolitikerin für den Berliner Spitzenjob hervorhoben – mit dem Unterton, dass in dieser Sache noch nicht aller Tage Abend ist. In Bayern und Franken hat man Weimer sein unprofessionelles Rumgeeiere in der Frage der Finanzierung der Bayreuther Festspiele und der Stiftungsgründung mit Blick auf die Transformation der Nürnberger NS-Kongresshalle nicht verziehen. Einiges an Weimer zu kritisieren hätte deshalb wohl auch Julia Lehner gehabt. Doch als die Frau des Abends, der so manch einer offenbar kein geruhsames Rentendasein gönnt, das erste Mal das Mikrofon ergriff, hielt sie sich in dieser Angelegenheit vornehm zurück und bedankte sich vor allem bei den Anwesenden für all die Jahre guter Zusammenarbeit. Doch Söder hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon wieder aufgemacht, womöglich Richtung Hauptstadt. Auf die bayerische Tradition, dem regelmäßigen Augenzwinkern nach Berlin, verzichtete Lehner an diesem Abend bewusst: In der Kulturstadt Nürnberg gibt es für die Grande Dame der Kulturpolitik weiterhin viel zu tun, zum Beispiel als Vorsitzende der Stiftung „Kongresshalle Nürnberg am ehemaligen Reichsparteitagsgelände“. Geld aus Berlin braucht es da mit Sicherheit. Wenn Weimer nicht liefert, hilft hoffentlich Söder.