FAZ 12.05.2026
20:30 Uhr

Justizskandal in Italien: Ein Land voller Geschworener


Italiens Medien weiden sich an der Geschichte eines Femizids, für den ein Mann unschuldig ins Gefängnis ging und nun ein neuer Täter gefunden ist. Das Interesse am Fall Garlasco sprengt jeden Rahmen.

Justizskandal in Italien: Ein Land voller Geschworener

Fotos von Blutflecken im Keller und im Hausflur. Bilder des Opfers und des vermeintlichen Täters aus glücklichen Tagen, von Einfamilienhäusern in der Provinz, einsamen Garagen auf dem Land. Aufnahmen von Ermittlern in Schutzanzügen und Carabinieri. Mutmaßungen über Hilfsarbeiter, K.O.-Tropfen oder einen Verwandten, der an der Haustür klingelte, private Whatsapp-Verläufe, Sex, ein Seitensprung, Geld. Ganz Italien spricht seit Monaten über den „Fall Garlasco“. Er geht auf das Jahr 2007 zurück. Damals, am 13. August, wurde die Studentin Chiara Poggi im Treppenabgang zum Keller ihres Elternhauses in Garlasco, einer Gemeinde nahe der Stadt Pavia, erschlagen in einer Blutlache aufgefunden. Auch in der Wohnung fanden sich Blutspuren. Chiara Poggi, nur mit einem Pyjama bekleidet, hatte offenbar zu fliehen versucht und war auf der Kellertreppe zusammengebrochen. Der Tatverdacht fiel bald auf ihren Freund, den damals 24-jährigen Alberto Stasi. Er hatte die Carabinieri alarmiert, beteuerte seine Unschuld – und wurde dennoch nach einem langjährigen Indizienprozess, über den nicht nur Italiens Klatschpresse, sondern auch die seriösen Medien ausgiebig berichteten, 2015 zu 16 Jahren Haft verurteilt. Nebenbei wird über das blutige Verbrechen geplaudert Im Mai 2025 wurde der Fall neu aufgerollt. Neue DNA-Untersuchungen hatten ergeben, dass Gewebespuren unter den Fingernägeln Chiara Poggis nicht vom verurteilten Alberto Stasi stammten, sondern von Andrea Sempio, einem Freund ihres Bruders (F.A.Z. vom 23. Mai 2025). Sogar mögliche Tatwaffen, darunter ein Hammer, wurden auf einmal in einem Bach gefunden, am Tatort wurde ein Handabdruck rekonstruiert. Italiens Medien reagierten, als würde der Femizid für die zweite Staffel einer Unterhaltungsserie neu aufgelegt. Das Verbrechen entfacht einen narrativen Wirbel. Jeder gibt seine Meinung kund – in den sozialen Medien, morgens an der Bar, im Bus, beim Abendessen mit Freunden, beim Autofahren, auf der Tribüne beim Jugend-Volleyballmatch am Wochenende: War es wirklich Sempio, der Freund des Bruders, der Chiara angeblich beim heimlichen Anschauen ihrer selbstgedrehten Erotik-Filmchen verfallen sein soll, wie nun die Staatsanwaltschaft Pavia behauptet? Oder war es doch Stasi, Chiaras damaliger Freund, der als Mörder verurteilt wurde und jahrelang im Gefängnis saß? In Italien ist die Berichterstattung über Kriminalfälle, oft als Cronaca Nera (Schwarze Chronik) bezeichnet, mehr als bloße Information. Die Verbrechen werden in epischer Breite nacherzählt, vom Barista bis zum Universitätsprofessor reden alle über sie. Es herrscht eine Art kollektive Detektivarbeit, die ihren journalistischen Niederschlag in seitenlangen Zeitungsberichten, Sondersendungen, Talkshows und, ähnlich wie in Deutschland, in True Crime-Podcasts und Fernsehformaten findet. Kritik daran gab es schon oft. Doch nun hat das gewaltige Echo auf den Fall Garlasco eine Debatte über die nationale Obsession für „True Crime“ ausgelöst. Woher rührt das übermäßige Interesse, während andere Dinge beschwiegen werden? Schlamperei und Arroganz der Ermittler Jeder, der irgendwann mit Sempio, Stasi oder Chiara Poggi zu tun hatte, wurde nochmals vor die Kamera gezerrt; Spuren und Fakten werden abermals aufgegriffen. Journalisten stilisieren den Verurteilten zu einer Seifenoper-Figur, Influencer spielen sich als Forensiker auf und in Talkshows wird, wie in einem Fußballstadion, lauthals für Sempio oder für Stasi Partei ergriffen. Audioaufnahmen von einem Selbstgespräch des Verdächtigen serviert das Fernsehen zum Frühstück, 3D-Rekonstruktionen des Tathergangs zur Primetime. Die bestürzende Schlamperei bei der Polizeiarbeit vor 20 Jahren, der Justizirrtum, die Arroganz der Ermittler findet dagegen weitaus weniger Nachhall. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni wies vor dem Justizreferendum, das auf eine grundlegende Reform der italienischen Rechtsprechung zielte und das sie am Ende verlor, mehrfach auf den Fall Garlasco hin. Manche vermuteten deshalb, das Verbrechen sei medial wiederbelebt worden, um den Weg für ein „Ja“ beim Referendum zu ebnen. Ermordet, weil sie seine sexuelle Annäherung zurückwies Am vergangenen Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft Pavia die Ermittlungen gegen Andrea Sempio nun abgeschlossen und ihn des Mordes angeklagt. Er soll die Tat begangen haben, nachdem Chiara Poggi eine sexuelle Annäherung zurückgewiesen hatte. Es habe etwas zutiefst Anstößiges, wie sich ein ganzes Land abermals „mit Serviette und Gabel vor Garlasco an den Tisch“ gesetzt habe, kommentiert der Schriftsteller und Mafia-Experte Roberto Saviano in der Zeitung „La Repubblica“: „Das italienische True Crime hat ein Land aus ständigen Geschworenen hervorgebracht, jeder mit seiner eigenen These, und das ist das Gegenteil von Wissen, es ist dessen Parodie. Es ist nicht das Versagen des Journalismus, es ist die Umsetzung einer seiner Funktionen, die höchstens marginal bleiben sollte, stattdessen aber alles verschlungen hat.“ Saviano sieht in dem großen medialen Interesse, das Kriminalfällen wie dem Fall Garlasco entgegengebracht wird, eine bewusste, auch von Algorithmen gesteuerte Ablenkung von Ereignissen, die größere gesellschaftliche Relevanz besitzen. Während der Fall weiterhin die Sendezeiten fülle, fehle es etwa an Berichten über die Verwicklungen der Politik mit der organisierten Kriminalität und der Prozess über die Flüchtlingstragödie von Cutro, der gerade in einem italienischen Gerichtssaal verhandelt wird, bleibe fast unbemerkt. Im Februar 2023 waren 94 Menschen, darunter 35 Minderjährige, ums Leben gekommen, als ein Flüchtlingsboot vor Kalabrien kenterte. Vier Finanzbeamte und zwei Offiziere der Hafenbehörde stehen wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung vor Gericht: „Null mediales Aufsehen auf nationaler Ebene. Kein ‚Tiktok-Kriminologe’ zu der Audioaufnahme, in der jemand vom Land aus entschied, dass dieses Boot nicht in Gefahr sei.“ Ein Land, das vom Sessel aus Detektiv spiele, sei ein Land, das darauf verzichtet habe, echte Detektive, echte Richter, echte Journalisten zu Rechenschaft zu ziehen. Auch der „Corriere della Sera“ übt scharfe Kritik an der Fernsehberichterstattung. In Italiens Wohnzimmern sei der Eindruck entstanden, schreibt dort Aldo Cazzullo, dass der Durchbruch bei den Ermittlungen nicht der Staatsanwaltschaft, sondern der Hartnäckigkeit und Detailversessenheit einiger Fernsehmoderatoren zu verdanken sei. „Der Schmerz der Angehörigen von Chiara Poggi wurde in eine Inszenierung verwandelt.“ Antonio Polito, ein führender Kolumnist des „Corriere“, erkennt einen neuen Typ von Justizpopulismus, der mit einer wachsenden Abneigung gegen Fachwissen zu tun habe: „Man muss sich nicht mit Chemie oder DNA auskennen, um auf der Seite von Stasi oder Sempio mitzumischen. Im Gegenteil, man muss nicht einmal besonders gut informiert sein. Das Schöne an diesem Spiel liegt gerade darin, dass jeder mitmachen kann: dank oder wegen der beispiellosen Verbreitung von Nachrichten, Klatsch, Vermutungen und Suggestionen, die das Zeitalter der sozialen Medien eingeführt hat.“ Wie werden sich Italiens Medien positionieren, wenn der Prozess gegen Andrea Sempio beginnt? Entweder leisten sie weiter dem Voyeurismus Vorschub oder sie setzten sich mit der Frage auseinander, wie es geschehen konnte, dass ein junger Mann, dessen Freundin ermordet wurde, von den Medien ruiniert und mehr als zehn Jahre inhaftiert wurde.