FAZ 07.05.2026
13:00 Uhr

KI-Funktionen: Spotify spricht jetzt auch Deutsch


Mit Spotify chatten und reden: Der Musikstreaming-Marktführer weitet seine DJ-Funktion aus. Auch die Konkurrenz schläft nicht auf dem Gebiet KI. Doch wie steht es um den Umgang mit KI-Musik?

KI-Funktionen: Spotify spricht jetzt auch Deutsch

Der Name Xavier Jernigan dürfte vielen Spotify-Abonnenten nichts sagen. Die Stimme von „X“, wie der Spotify-Mitarbeiter meist genannt wird, aber wird vielen schon einmal begegnet sein – als Stimme des DJ genannten KI-Tools. Eingeführt im Februar 2023, bekommen Nutzer der Funktion eine personalisierte Auswahl an Songs eingespielt, unterlegt mit Kommentaren zu Künstlern und Liedern, vergleichbar mit einem Radiomoderator. Zunächst war „X“ nur in den USA und Kanada zu hören, vom Sommer 2023 an dann in mehr als 46 Märkten. Seit Mai 2025 können Nutzer per Text- oder Sprachbefehl Musikwünsche abgeben – und das seit bald einem Jahr auch auf Spanisch: Hier hören Nutzer die Stimme von Olivia „Livi“ Quiroz Roa, einer Mitarbeiterin aus Spotifys Team für die Kuratierung von Playlists. Am Donnerstag kündigte das schwedische Unternehmen an, die DJ-Funktion in neun weiteren Ländern verfügbar zu machen – darunter auch Deutschland. Damit einher geht eine Erweiterung um vier Sprachen. Auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch sei das Tool nun nutzbar, hieß es von Spotify. Mit wessen Stimmen die KI-Modelle für die neuen Sprachen trainiert wurden, teilte der Dienst nicht mit. Sie basierten aber alle auf Stimmen von echten Menschen. Auch Apple, Youtube, Amazon und Deezer bringen KI-Funktionen Mit Stand Ende März 293 Millionen Abonnenten und 761 Millionen monatlich aktiven Nutzern ist Spotify der größte Musikstreamingdienst der Welt. Musik ist weiter das Kerngeschäft, und rund zwei Drittel der Einnahmen aus ebendiesem zahlt der Dienst an die Musikindustrie aus. Doch mit Podcasts und Hörbüchern positioniert sich Spotify längst als Audioplattform, auf der gleichzeitig Videoformate sukzessive einen größeren Stellenwert einnehmen. Seit Ende April bietet Spotify beispielsweise auch Fitnessprogramme an. Der KI-DJ ist indes nur eine von mehreren KI-basierten Neuerungen für Abonnenten. Über die Funktion „AI Playlist“ lassen sich mit einfachen Textbefehlen wie der Beschreibung einer Stimmung oder eines Anlasses Playlists erstellen. Das Tool „Prompted Playlist“ ermöglicht den Zugriff auf die komplette eigene Hörhistorie mit deutlich komplexeren Prompts. Zudem lassen sich diese KI-generierten Listen detailliert anpassen. In Deutschland sind beide Tools noch nicht verfügbar. Auch die Konkurrenz probiert auf dem Gebiet längst einiges aus. Erste Tests mit Playlists auf Basis von Prompts starteten auch Amazon Music und Deezer schon im Jahr 2024. US-Abonnenten von Youtube Music wiederum erhielten im Herbst vergangenen Jahres Zugriff auf eine mit Spotifys DJ vergleichbare Funktion. Vor gut drei Monaten kam ein KI-basierter Playlist-Generator hinzu. Apple kündigte kürzlich ebenfalls ein solches Tool an. Und auch eine Verknüpfung mit ChatGPT ermöglicht nicht nur Spotify. Die regelmäßige Einführung neuer Funktionen ist ein Instrument, um weitere Preiserhöhungen zu rechtfertigen – oder den Reiz eines Abos an sich zu erhöhen: Nutzer der werbebasierten Gratisversion von Spotify haben so keinen Zugriff auf die DJ-Funktion. Bei Youtube sind KI-Playlists ebenfalls Abonnenten vorbehalten. Auch das Abgrenzen von der Konkurrenz ist neben neuen oder gleich exklusiven Inhalten ein Faktor, verfügen alle Dienste doch im Kern über denselben Katalog an Musik. Generative KI dürfte perspektivisch eine immer größere Rolle spielen. Spotifys heutiger Ko-Chef, Gustav Söderström, erklärte vor gut einem Jahr auf einer Veranstaltung mit Journalisten in der Zentrale in Stockholm, worin er mit Blick auf das Produkt den großen Mehrwert sieht. Lange habe ein Nutzer zum Beispiel ei­nen vom Algorithmus empfohlenen Song hören oder wegklicken können, „aber für uns war es sehr schwer, zu analysieren, warum ein Song nun nicht gehört wurde. Fand ihn ein Hörer einfach nicht gut, oder war es sogar einer seiner Lieblingssongs, nur passte er gerade nicht in die Situation?“ Feedback per Text oder Sprache gebe Spotify „ganz andere Möglichkeiten, zu verstehen, was ein Nutzer wirklich denkt“. Wie gehen Spotify und Co. mit KI-Musik um? Nach dem Willen von Söderström und Co. soll es nicht bei KI-Funktionen für Nutzer bleiben. Gemeinsam mit allen voran den drei größten Musikkonzernen Universal, Sony und Warner arbeitet Spotify an gesonderten KI-Produkten. Im Gespräch sind Remix-Tools, mit denen Nutzer mit Werken und Stimmen ihrer Lieblingsmusiker herumexperimentieren können. Die Musikbranche erhofft sich aus solchen lizenzierten Angeboten nicht nur die Kontrolle über die Verwendung von Werken in KI-Produkten, sondern auch eine neue Einnahmequelle. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die Start-ups Udio und Klay. All diese Projekte sehen eigene abgeschlossene Produkte für KI-Remixe vor. KI-Musik ist im normalen Angebot aller Dienste aber längst rege vertreten. Deezer vermeldete Mitte April, dass täglich fast 75.000 komplett KI-generierte Songs auf seiner Plattform hochgeladen werden. Dies entspreche 44 Prozent der täglichen Gesamt-Uploads – Tendenz steigend. Vergleichbare Daten veröffentlicht kein anderer Dienst. Da Songs in der Regel aber auf allen Plattformen veröffentlicht werden, sind die Deezer-Daten eine gute Orientierung für das Ausmaß, um das es geht. Gehört werden diese Werke Deezer zufolge allerdings bislang kaum: Von maximal drei Prozent der Gesamtstreams ist die Rede, zudem stellt Deezer bei mehr als 80 Prozent der Abrufe Betrugsmuster fest. In diesem Fall schütten Dienste keine Tantiemen aus. Der Umgang mit komplett KI-generierten Werken – ganz zu schweigen von Mischformen – wird in der Branche rege diskutiert. Lediglich Deezer versieht Erstere mit einem Hinweis. Apple fordert seit Kurzem Labels und Vertriebe auf, den Einsatz von KI beim Upload anzuzeigen. Ob das in jedem Fall geschieht, ist eine andere Frage. Spotify wiederum hatte im April mit einem ähnlichen Vorgehen begonnen. Vergangene Woche kündigte der Dienst zudem eine neue Markierung für Künstlerprofile an. Als „verifiziert von Spotify“ werden demnach Profile von Musikern gekennzeichnet, von denen beispielsweise Konzertdaten oder eine Präsenz und Aktivitäten abseits von Streamingdiensten zu finden seien. Spotify zufolge sollen so „mehr als 99 Prozent“ der Interpreten, nach denen Nutzer aktiv suchen, in den kommenden Wochen markiert sein. Profile, „die primär KI-generierte oder KI-Persona-Künstler repräsentieren“, seien derzeit nicht für eine Verifizierung berechtigt.