Noch im März hatten wir die Knospen der Kastanienbäume bestaunt. Mit gut anderthalb Zentimeter Dicke halten sie den Rekord unter den Laubbäumen. Dann trieben die Blätter aus, und pünktlich zur Öffnung der Biergärten entfalteten die pyramidenförmigen Blütenstände ihre ganze Pracht. Bienen und Hummeln machten sich ans Werk – und nun segelt uns auf dem Freigelände des Münchner Augustinerkellers die erste Kastanienblüte in die Maß. So blütenweiß wie ihresgleichen aus der Ferne erscheinen, ist sie indes nicht. Vielmehr zeigt sie einen kleinen orangeroten Fleck. Schon lange war bekannt, dass solche Flecken auf Kastanienblüten zuerst gelb erscheinen und sich später umfärben. Wo das Saftmal zum Saftmahl läd Aber offenbar ist erst der Münchner Botaniker Hans Kugler dem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund gegangen. Jedenfalls ist seit seiner 1936 erschienenen Publikation die genaue Funktion jener Flecken als sogenannte Saftmale aktenkundig: Gelb signalisieren sie Hummeln und Bienen eine Blüte voller Nektar, nach einer Bestäubung geht die Nektarproduktion zurück, und das Saftmal verfärbt sich über Orange nach Rot, um den Bestäubern zu melden, dass hier nichts mehr zu holen ist. Dabei sind diese Farben für uns nur zufällig so zu sehen – die tatsächliche Signalwirkung geht von ultravioletten Tönen aus, die nur für die Insekten sichtbar sind. Doch interessanterweise belohnt hier eine Pflanze ihre Bestäuber nicht nur für ihren Dienst, sondern hat auch ein Interesse daran entwickelt, sie vor unrentierlicher Verausgabung zu bewahren. Hans Kugler, im Hauptberuf Gymnasiallehrer, beschäftigte sich spätestens seit 1930 mit Blütenökologie, als er noch an der Universität Gießen tätig war. Trotzdem stellen wir uns vor, ihn könnte ein Biergartenbesuch dazu animiert haben, sein Interesse auf die Rosskastanie Aesculus hippocastanum auszudehnen. Denn die Baumart ist ursächlich mit den Münchner Biergärten verbunden. Seit Herzog Albrecht V., der Großmütige, anno 1553 die bayrische Brauordnung veröffentlichen ließ, durfte Bier nur im Winter produziert werden. Das sollte die im Sommer erhöhte Brandgefahr reduzieren, insofern diese auch von den kohlebefeuerten Braukesseln ausging. Um die Münchner Bierversorgung auch im Sommer sicherzustellen, legten die Brauereien in der Stadt nun unterirdische Lager an, über denen sie die Schatten spendenden, zugleich aber nur flach wurzelnden Rosskastanien pflanzten. Die ursprünglich auf dem Balkan heimische Baumart war erst im 16. Jahrhundert mit den Türkenkriegen nach Mitteleuropa gelangt – die osmanische Kavallerie nutzte ihre Samen nämlich als Pferdefutter mit veterinärmedizinischen Qualitäten. Für Menschen sind sie leider ungenießbar – mit der Esskastanie Castanea sativa ist die Rosskastanie stammesgeschichtlich ungefähr so nahe verwandt wie wir mit den Eichhörnchen. Die genaue taxonomische Einordnung der Art Aesculus hippocastanum ist sogar noch jüngeren Datums als Hans Kuglers Erforschung ihrer Saftmal-Ökologie. Noch in Herders verbreitetem „Lexikon der Biologie“ von 1986 werden die Rosskastaniengewächse als Familie in der Ordnung der Seifenbaumartigen (Sapindales) vorgestellt. Erst 2005 ergaben genetische Untersuchungen, dass sie in Wahrheit als eine Unterfamilie der Seifenbaumgewächse (Sapindaceae) anzusprechen sind. Was an den Biergartenbäumen seifig sein soll, das wäre indes ein Thema für den Oktober, wenn aus den Blütenpyramiden Büschel stacheliger Kugeln geworden sind, aus denen schließlich braun glänzende Samen fallen. Der Blüte im Bier jedenfalls fehlt alles Seifige. Sie ist sogar noch etwas süß.
