FAZ 19.08.2026
07:34 Uhr

Kaugummiautomaten: „Solange wir Münzgeld und Kinder haben, so lange wird es sie geben“


Sie sind Kultobjekte, viele verbinden Kindheitserinnerungen mit ihnen: Kaugummiautomaten halten sich bis heute. In Frankfurt allerdings werden sie nicht nur deshalb weniger, weil Aufsteller aufgegeben haben.

Kaugummiautomaten: „Solange wir Münzgeld und Kinder haben, so lange wird es sie geben“

Das Wort „Kindheitserinnerung“ fällt fast zwangsläufig, wenn die Rede auf die meist rot-weißen, manchmal auch andere Farben tragenden Kaugummiautomaten kommt. Ob Boomer oder Generation X, Y und Z: Wenn das erste Taschengeld ausgezahlt wurde, waren die Automaten oft die nächste Gelegenheit, in kleiner Münze das Prinzip Ware gegen Geld auszuprobieren. Wobei an jenen Automaten, in denen statt bunter Kaugummikugeln glitzernde Plastikschätze warteten, noch die Spannung hinzukam, was wohl in der Kugel steckte, die klackernd in das Ausgabefach fiel. Aber Kaugummiautomaten sind nicht nur nostalgische Erinnerung. Es gibt sie noch, auch wenn ihre Zahl abnimmt. Sogar auf Google Maps werden welche angezeigt, wenn man mit dem Kartendienst nach Kaugummiautomaten in Frankfurt sucht. „Rund um die Uhr geöffnet“, steht treffend dabei, und sogar Rezensionen haben Scherzbolde verfasst: „Wer unkompliziert guten Kaugummi im Herzen von Frankfurt sucht, ist hier genau richtig“, heißt es für den Automaten am Lokalbahnhof. Verlass ist auf die Liste allerdings nicht. Mindestens einer scheint nicht mehr befüllt zu werden, und natürlich gibt es in Frankfurt viel mehr als die angezeigten vier Standorte. In den sozialen Medien finden sich Fotoserien mit Dutzenden Automaten im ganzen Stadtgebiet. Die Sache mit dem öffentlichen Raum An einigen Stellen, wo vor wenigen Jahren noch Kaugummiautomaten hingen, sind sie allerdings verschwunden. Manchmal ist das Haus, an dem sie befestigt waren, durch ein neues ersetzt worden. Andere wurden aufgegeben und sind in entsprechend schlechtem Zustand. In der jüngsten Stadtverordnetensitzung hatte sich Sylvia Kunze (SPD) erkundigt, was denn mit kaputten und verschmutzten Exemplaren passiere, bei denen sich nicht ermitteln lasse, wer für die Pflege verantwortlich sei. Mobilitätsdezernent Wolfgang Siefert (Die Grünen) verwies auf die Behördennummer 115 und das Amt für Straßenbau und Erschließung. Wer den öffentlichen Raum in Frankfurt nutzen will, benötigt eine Genehmigung, und für Sondernutzungen ist das Straßenbauamt zuständig. Doch wie sich herausstellt, lässt sich für Kaugummiautomaten gar keine beantragen. „In Frankfurt am Main sind Verkaufsautomaten grundsätzlich nicht erlaubnisfähig“, lautet die Auskunft von Amtsleiter Eike Rothauge. Das sei nicht neu, sondern schon seit einer früheren Fassung der Sondernutzungssatzung aus dem Jahr 2002 so. Dahinter stehen weder hygienische Bedenken noch die Sorge, Kinder könnten ein Fall für die Schuldnerberatung werden, weil sie ihr gesamtes Taschengeld in den Einwurfschlitzen versenken. Grund sei allein „die Begrenztheit des öffentlichen Straßenraums“, so der Amtsleiter. 40 Automaten hat das Straßenbauamt nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren abgebaut. Die Automaten sind hingegen keineswegs verboten, wenn sie auf Privatgrund stehen. Magnus Baumgart könnte in diesem Jahr Jubiläum feiern. Vor genau 60 Jahren hat er angefangen, als Ergänzung zu seinem Lebensmittelladen Automaten in Frankfurt und Offenbach aufzustellen. „Früher gab es im Raum Frankfurt noch drei oder vier Kollegen, doch sie haben aufgegeben oder sind verstorben“, sagt Baumgart, der vor Kurzem 85 Jahre alt geworden ist. Anfang des Jahres habe er Kaugummiautomaten an 25 Stellen hängen gehabt, jetzt seien es noch 13, nachdem mehrere aufgebrochen und gestohlen worden seien. Ein Gehäuse enthalte normalerweise vier Einzelautomaten. Sein Hauptgeschäft sei inzwischen, Automaten zu restaurieren, neu zu lackieren und an Privatleute zu verkaufen. „Die Leute hängen sich die Geräte in den Keller oder in die Küche, einer hat den Automaten umgerüstet, um darin Bohnen zu mahlen“, erzählt Baumgart. In diesen Fällen ist Nostalgie der Antrieb. Gezahlt wird an den Automaten noch immer mit kleiner Münze. Zwar gibt es Einwurfschlitze für Ein- und Zwei-Euro-Stücke, je nach Spielzeugangebot. Doch den Hauptumsatz mache das 20-Cent-Stück aus, sagt Heiko Schütz. Vom Westerwald aus kümmert er sich um Kaugummiautomaten zwischen Göttingen und Hockenheim, auch Frankfurt gehört zum Geschäftsgebiet. Die Automaten würden nicht einfach an Ort und Stelle nachgefüllt, stellt er klar. Der ganze Einsatz werde mitgenommen und durch einen frischen ersetzt, der vorher in der Werkstatt geputzt und kontrolliert worden sei. „Das ist ein steter Kreislauf.“ Aus der Kinderperspektive waren sie nie weg Schütz widerspricht der Vorstellung, die Zeit der Kaugummiautomaten sei vorbei. Alles eine Frage der Perspektive: „Kinder haben sie im Blick, Erwachsene weniger.“ Auf seiner Internetseite sucht er immer noch Automatenstellplätze. Etliche Hauseigentümer verzichteten aus Idealismus auf die umsatzabhängige Provision. Und man dürfe nicht vergessen, dass es in vielen Dörfern schon lange keine Geschäfte mehr gebe – aber vielleicht noch einen Automaten. Hin und wieder bekommt Schütz sogar Anfragen von Gemeinden, ob er nicht einen Kaugummiautomaten im Ort aufhängen könne. Dahinter steckt oft eine Bürgerbeteiligung, bei der die Kinder nach ihren Wünschen gefragt wurden. „Das ist natürlich toll“, sagt Schütz, zumal das meist einen prominenten Standort an Feuerwehr, Kita oder Grundschule bedeute. Normalerweise nutze er aber nicht den öffentlichen Raum, sondern die Automaten hingen an Privathäusern. Nicht nur für den Aufsteller sind die Automaten ein anerkanntes Kulturgut, das ihn schon wegen der Technik fasziniert: „Das ist reine Mechanik, man benötigt keinen Strom.“ Manchen geht es auch um den Inhalt: Bis zu einem Dutzend Anfragen im Jahr gehen bei Schütz von jungen Männern ein, die sich nicht aufs Glück durch Drehen verlassen. „Sie wollen einen Heiratsantrag mit einem Ring aus dem Automaten machen.“ Doch längst werden Automaten auch für andere Zwecke genutzt. Statt Kaugummis und Spielzeug geben sie bienenfreundliche Blumensamen aus. Es gibt Kunstautomaten, und in Nürnberg hängte der Kabarettist Oliver Tissot einen Witzeautomaten auf. Angesichts der Liebe der Deutschen zum Bargeld muss dem Automatenhersteller auch nicht bange sein, dass ihm eine seiner Geschäftsgrundlagen entzogen wird: „Solange wir Münzgeld und Kinder haben, so lange wird es Automaten geben.“