Ohne Moritz Tramer gäbe es vielleicht keine Kinderpsychiatrie, auch wenn er nicht ihr alleiniger Begründer ist. 1931 prägt er im schweizerischen Solothurn den Begriff „Kinderpsychiatrie“, der ins Englische und Französische übersetzt werden wird, dann gründet und leitet er die „Zeitschrift für Kinderpsychiatrie“, die 1949 zum Organ der internationalen Fachgesellschaft wird – ein eminentes Vernetzungsorgan. Und doch ging Tramer vergessen, anders als etwa Leo Kanner und Georges Heuyer. 1882 in Ostrava in Österreich-Ungarn geboren, rackert Tramer sich zwar unter stets prekären Bedingungen für das neue Fach ab, doch sein Wirken bleibt ohne akademische Anerkennung und Verankerung. Der Klinik Rosegg, die er leitet, fehlt die universitäre Anbindung, und die Universität Bern, an der er unterrichtet, verleiht ihm nie einen Lehrstuhl. 1948 schreibt der inzwischen von der Schweiz eingebürgerte Tramer in einem Brief an seinen Neffen: „Ich bin eben Jude und dazu noch als polnischer ‚gebrandmarkt‘, und das wiegt mehr als alle meine Arbeit für die Schweiz seit Jahrzehnten.“ Jetzt lässt sich der Pionier mitsamt seinen widersprüchlichen Seiten entdecken. Die Kunsthistorikerin Katrin Luchsinger und die Historikerin Stefanie Mahrer haben einen reich bebilderten Sammelband herausgegeben, der Tramers Leben, sein Schaffen, seine Zeitschrift und nicht zuletzt das Wirken seiner Frau Franziska Baumgarten beleuchtet. Die Arbeitspsychologin hat ebenfalls polnisch-jüdische Wurzeln, und ihr ergeht es ähnlich wie ihrem Mann: Auch ihr bleibt die Anerkennung versagt. Selbst ohne Nachwuchs, widmen sie sich, er mehr als sie, der Erforschung der Kinder. Davon zeugen die vielen Kinderzeichnungen, die im Band abgebildet sind. Sie dienten der Analyse der kleinen Patienten. Moritz Tramer grenzt das neue Fach von der allgemeinen Psychiatrie ab, die ihrerseits noch jung ist. Für ihn sind auffällige und deviante Kinder nicht länger unfertige Erwachsene oder moralisch minderwertige Subjekte, die bloß eine härtere Erziehung brauchen, sondern Wesen, die sich entwickeln wollen, aber nicht können, weil sie daran gehindert werden – von ihren Störungen, von der Familie und den Lebensbedingungen. Aus dem „bösen“ Kind wird das „kranke“ Kind. Unkritischer Eugeniker Zu seiner Berufung findet der Außenseiter über Umwege. Tramer wächst als Sohn eines verarmten Kaufmanns auf, der mit seiner Frau einen Bauernhof mit Gastwirtschaft betreibt. Nach der Schule arbeitet er als technischer Zeichner in einer Maschinenfabrik. Mit 19 Jahren macht er sich in die Schweiz auf, die ihm als gelobtes Land erscheint, und studiert in Zürich erst Mathematik, dann Medizin. Als angehender Psychiater kommt Tramer mit der Kinder- und Jugendfürsorge in Kontakt. Es sind gesellschaftliche und politische Fragen, die seinen Blick auf die Kinder prägen. Wie viele seiner Kollegen wird er zum Vertreter der umstrittenen Eugenik, der Lehre, dass die „erbgesunde“ Reproduktion zu fördern und die „erbkranke“ zu verhindern sei, um die „Hygiene“ der Bevölkerung, ihre Gesundheit also, zu verbessern. Das Ziel ist eine von „Degeneration“ und Erbkrankheiten entlastete Gesellschaft. In diesem Licht begutachtet und therapiert Tramer Kinder. Er will sie im Interesse der Allgemeinheit formen – sofern ihre schlechten Erbanlagen ihre Formbarkeit nicht verunmöglichen. Tramer bejaht sogar Sterilisationen von Frauen, die er als erbbiologisch problematisch ansieht. 1938 steuert er einen Beitrag zum Band „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bei. Der Herausgeber, der Berner Stavros Zurukzoglu, wirft die Frage auf, ob die Schweiz wie NS-Deutschland ein Gesetz brauche, das Zwangssterilisationen erlaube. Der fanatische Eugeniker Zurukzoglu tendiert zum Ja, Tramer findet, nein, der zusätzliche Druck sei nicht nötig. Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnet er seine Zeitschrift deutschen Wissenschaftlern, die mit dem NS-Regime kollaboriert haben. Er und seine Frau haben im Holocaust Dutzende von Familienangehörigen verloren. Tramer teilt den Rassismus der Nazis nicht. Aus heutiger Sicht ist dennoch irritierend, wie nahe er dem eugenischen Zeitgeist stand. Katrin Luchsinger, Stefanie Mahrer (Hg.): „Ein Netzwerk im Krieg. Moritz Tramer und die ‚Zeitschrift für Kinderpsychiatrie‘ 1934–1963“.Chronos Verlag, Zürich 2026. 232 S., 48 schwarz-weiße und farbige Abb., geb., 38,– €.
