FAZ 28.05.2026
09:56 Uhr

Klein und trotzdem fein?: Unterschätzte Unistädte


Wer studieren will, hat große Auswahl. Aber wie lebt es sich in kleineren Städten wie Freiberg, Kaiserslautern oder Magdeburg? Drei Studenten berichten.

Klein und trotzdem fein?: Unterschätzte Unistädte

Nico Antropow, 22 Jahre, 6. Semester Bachelor, Raumplanung, an der RPTU Kaiserslautern Ich bin in Brandenburg, an der Grenze zu Berlin, aufgewachsen. Nach dem Abitur wollte ich weg. Ich interessierte mich schon länger für Architektur, aber auch dafür, wie Städte aufgebaut sind. Als ich dann erfuhr, dass man so etwas auch studieren kann, entschied ich mich für Stadtplanung an der Hochschule in Frankfurt am Main. Dort war es sehr schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Am Ende zog ich in ein neun Quadratmeter großes Zimmer, das zwar wenig kostete, aber dafür auch relativ weit außerhalb lag und meiner Meinung nach auch in einem schlechten Zustand war. Ich zahlte 450 Euro für die Wohnung. Der Studienbeginn war sehr überwältigend für mich – aber eher im negativen Sinne. Irgendwie kam zu viel Neues auf mich zu: neue Stadt, neue Menschen und eine ganz neue Art, sich selbst organisieren zu müssen. Mir fiel es schwer, Anschluss zu finden, weshalb ich nach zwei Semestern an die Technische Universität in Kaiserslautern wechselte. Dort nennt sich der Studiengang „Raumplanung“. Die Mieten in Kaiserslautern sind deutlich günstiger. Hier wohne ich mitten in der Innenstadt und zahle für mein 15 Quadratmeter großes und schönes Zimmer nur 350 Euro im Monat. Alle waren sehr überrascht, dass ich von Frankfurt nach Kaiserslautern gezogen bin, und bezeichneten es, zumindest was die Stadt angeht, als „Downgrade“. Mir fiel es in Kaiserslautern aber wesentlich leichter, Anschluss zu finden. Der Studiengang ist sehr klein, manche von uns sagen, dass es sich ein wenig wie eine kleine Familie anfühlt. Die Universität liegt etwas außerhalb, ist aber mit Bussen gut zu erreichen. Das Gebäude, in dem meine Veranstaltungen stattfinden, ist ein kleines Stück vom Hauptcampus entfernt, aber grenzt direkt an einen Wald, den ich manchmal für Spaziergänge nutze. Die Stadt hat sicherlich weniger zu bieten als Frankfurt oder Berlin, aber an Bars und Cafés mangelt es uns hier auch nicht. Ich gehe beispielsweise regelmäßig zum Pubquiz und habe ein Lieblingscafé, in dem ich gerne mit Freunden Karten spiele. Kaiserslautern ist für mich wie ein großes Dorf. Ich empfinde die Stadt als sehr gemütlich, und die Menschen sind sehr bodenständig. Was ich immer wieder faszinierend an den Menschen hier finde, ist ihre Leidenschaft für den FCK. Wenn in Kaiserslautern ein Fußballspiel ist, ist die ganze Stadt plötzlich voll. Mir persönlich fehlt aber das Kulturangebot in Kaiserslautern. Ich vermisse es, regelmäßig ins Theater zu gehen oder verschiedene Museen besuchen zu können. Stattdessen verbringe ich viel Zeit in einem kleinen Arthouse-Kino, das für Studierende auch relativ günstig ist. Für den Master werde ich vermutlich hierbleiben, aber eher aus praktischen Gründen. Insgesamt würde ich aber sagen, dass es viele Vorzüge hat, in einer kleinen Stadt zu studieren. Zudem bin ich nun auch stärker mit der Pfälzer Kultur vertraut. Ich habe Dampfnudeln neu für mich entdeckt und trinke mehr Weinschorle. Pascal Pätzold, 23 Jahre, Master an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Lehramt Technik und Sozialkunde Ich bin der Erste aus meiner Familie, der studiert. Für mich waren Begriffe wie Matrikelnummer, Semesterbeitrag oder Einschreibung etwas vollkommen Neues, und ich hatte niemanden in der Familie, der mir dabei helfen konnte. Trotzdem wollte ich unbedingt Lehramt studieren. Da ich aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Wittenberg stamme und nicht so weit von zu Hause wegziehen wollte, kamen nur Halle, Leipzig oder Magdeburg infrage. Am Ende entschied ich mich für Magdeburg, da dort schon ein Freund von mir studierte. Das gab mir viel Sicherheit. Für mich war die Stadt etwas ganz Neues, aber gleichzeitig auch vertraut, schließlich komme ich selbst aus Sachsen-Anhalt. Nun studiere ich hier im Master Technik und Sozialkunde auf Lehramt für Sekundarschulen. Das Fach Technik umfasst Inhalte, die man aus der Informatik kennt, etwa Programmieren. Es geht dabei aber auch darum, handwerkliches Wissen zu vermitteln. Es ist eher ein kleinerer Studiengang, mit mir zusammen angefangen hatten damals sieben weitere Personen. Außerhalb der Universität arbeiten ich und einige andere im sogenannten „Schülerlabor Technik“. Dort bringen wir dann Schülerinnen und Schülern bei, wie man zum Beispiel einen Schaltkreis lötet. Ich wohne schon seit Beginn meines Studiums in der gleichen Zweier-WG. Ich zahle fast 400 Euro für mein Zimmer, und für Magdeburger Verhältnisse ist das schon eher teurer. Viele Studierende tummeln sich rund um den Hasselbach-Platz, der sich durch seine schönen Altbauten auszeichnet. Auch einige Bars, Kneipen und Cafés sind dort angesiedelt. Ansonsten verbringe ich gerne Zeit in verschiedenen Kartenspielläden. Dort treffe ich mich regelmäßig mit Freunden und spiele „Magic“, ein Sammelkartenspiel. Das ist mein kleines Nerd-Hobby. Seit circa einem halben Jahr bin ich auch großer Fan des 1. FC Magdeburg und gehe regelmäßig ins Stadion. Für mich ist das Freizeitangebot hier völlig ausreichend, mir mangelt es an nichts. Ich begegne in Magdeburg immer wieder zufällig anderen Studierenden auf der Straße, dann quatscht man kurz oder grüßt sich. Das finde ich sehr angenehm. Rückblickend würde ich Magdeburg immer wieder als Studienort wählen. Langfristig möchte ich aber wieder zurück in meine Heimat und in einer kleineren Dorfschule unterrichten. Johanna Lewandowski, 24 Jahre alt, Master Materialwissenschaften und Werkstofftechnologie, TU Bergakademie Freiberg Nach dem Abitur studierte ich erst mal Medizin. Dafür zog ich von Sachsen nach Baden-Württemberg, genauer gesagt nach Tübingen. Leider stieg ich direkt ins Corona-Semester mit vielen Onlineveranstaltungen ein.  Das machte alles sehr unpersönlich, und ich lernte wenige neue Menschen kennen. Aber auch Medizin war nicht das Richtige für mich. Stattdessen entschied ich mich für Maschinenbau – einen Studiengang, der viele Grundlagen setzt. Ich zog zurück nach Sachsen und begann, in Leipzig an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Maschinenbau zu studieren. Ich mochte das Studium, und auch Leipzig fand ich schön. Meistens war mir aber gar nicht bewusst, dass ich in einer Großstadt wohne, da ich mich am Ende doch immer in den gleichen Ecken aufhielt. Leider wohnte ich in einem Viertel, das eher unbeliebt bei Studierenden ist, dafür aber bezahlbare Mieten hat. Ich zahlte damals etwa 300 Euro für mein Zimmer. Für den Master zog ich dann nach Freiberg. Ich studiere aktuell an der Technischen Universität Materialwissenschaften mit einem Schwerpunkt auf Werkstofftechnik. Freiberg ist eine kleine Stadt in Sachsen, sozusagen genau in der Mitte von Leipzig, Dresden und Chemnitz, die man mit dem Zug schnell erreichen kann. Ich bin derzeit im zweiten Semester und habe mich schon ganz gut eingelebt. Was ich aber sehr vermisse, ist ein guter öffentlicher Nahverkehr innerhalb der Stadt. In Leipzig war alles sehr gut angebunden, hier fahren die Busse seltener. Vor allem die Altstadt mit den kleineren Gassen und dem Kopfsteinpflaster sticht heraus. Weiter außerhalb sieht man auch mehr Wohnviertel mit Hochhäusern. Ich merke immer wieder, dass die Studierenden in Freiberg sehr präsent sind. Mir fallen vor allem die blauen Rucksäcke auf, die man zum Studienbeginn geschenkt bekommt und viele hier tragen. Mit den Menschen, die hier nicht studieren, sondern aus Freiberg kommen, habe ich wenig Kontakt. Als Studentin lebt man dann doch sehr in seiner eigenen Blase. Was ich an der Universität in Freiberg aber schätze, ist der Austausch mit Studierenden anderer Fachrichtungen. Die Universität bietet viele Veranstaltungen an, bei denen man mit verschiedenen Menschen in Kontakt kommt. Aus Tübingen und Leipzig kenne ich das nicht. In Freiberg gibt es auch einige Cafés und Bars, wenn auch nicht sonderlich viele. In Leipzig war mir die Auswahl aber manchmal zu groß, sodass ich am Ende einfach nirgendwo hinging. Hier geht man immer an dieselben Orte und trifft immer wieder Menschen, die man kennt. Auch die Mieten in Freiberg sind niedrig. Für meine kleine Wohnung zahle ich 380 Euro. Das ist zwar kein großer Unterschied zu meiner Miete in Leipzig, dafür ist meine Lage besser. Dass die Universität in Freiberg sehr klein ist, kann Vor- und Nachteile haben. Da ich morgens schlecht aus dem Bett komme, ist es durchaus schon vorgekommen, dass ich meine erste Vorlesung verschlafen habe. Das fällt in einer kleineren Universität und in einem kleinen Studienfach auf jeden Fall eher auf. Zum anderen kann ich in Vorlesungen einfacher Nachfragen stellen, und auch der Kontakt mit den Dozierenden ist leichter. Zudem ist es viel einfacher, in Sportkurse an der Universität zu kommen. Es gibt zwar weniger Angebot als etwa in Leipzig, aber dafür auch weniger Studierende, die um einen Platz kämpfen. Ob ich mich immer wieder für Freiberg entscheiden würde, weiß ich nicht. Das liegt aber eher daran, dass mein Master nicht exakt auf meinem Bachelor aufbaut und ich deshalb noch einiges nachholen muss. Freiberg als Stadt mag ich aber sehr gern – und bin gespannt auf meinen ersten richtigen Sommer hier.