FAZ 21.09.2026
10:49 Uhr

Klimaschutz: „So ein heißer Sommer kann ein Lerneffekt sein“


Biodiversität hat ihren Preis: Ökonom Moritz Kraemer untersucht, wie schrumpfende Artenvielfalt die Staatsfinanzen belastet. Welche wirtschaftlichen Folgen hat der Klimawandel?

Klimaschutz: „So ein heißer Sommer kann ein Lerneffekt sein“

Herr Kraemer, Sie arbeiten als Chefvolkswirt einer Landesbank und waren früher für eine Ratingagentur tätig. Mit anderen Ökonomen haben Sie gerade an einer Studie zum Naturschutz mitgeschrieben: Der Verlust von Artenvielfalt wird die Kreditwürdigkeit von Staaten verschlechtern und das Wirtschaftswachstum auf der Welt senken. Woran liegt das? Die natürlichen Ressourcen bringen Wertschöpfung. Wir haben dazu auf drei Dienstleistungen geschaut: auf die Fischerei, auf den Holzabbau und die Forstwirtschaft sowie auf natürliche Bestäubung. In unserem Modell sinkt durch einen Einbruch in einem Ökosystem langfristig die Exportleistung. Kurzfristig hilft die Rodung von Wäldern vielleicht der Wirtschaftsleistung, weil mehr Holz verkauft wird. Aber langfristig schadet es der Wirtschaft, weil Monokulturen anfälliger für Schädlinge sind. Die Ratingagenturen sagen, dass ihnen die Daten fehlen, um solche Umweltfolgen zu kalkulieren. Wir haben jetzt gezeigt, wie es geht. Das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein Anfang. Wir versuchen damit, die Biodiversitätsfrage in die Finanzwirtschaft zu transportieren. Die Märkte sollen bislang solche Umweltfolgen nicht berücksichtigen. Werden dadurch Kapitalanlagen von 83 Billionen Dollar falsch bewertet, wie es in der Studie steht? 83 Billionen Dollar ist das Volumen der umlaufenden kommerziellen Staatsschulden insgesamt auf der Welt. Die sind nicht notwendigerweise alle falsch bewertet. Aber je länger die verbleibende Laufzeit, und da sind ja teilweise Anleihen dabei, die 50 Jahre laufen, desto mehr schlagen strukturelle Faktoren wie demographischer Wandel, Klimawandel oder Verlust der natürlichen Lebensgrundlagen ins Gewicht. Traditionell bewerten die Ratingagenturen „durch den Zyklus“. Sei es ein Konjunkturzyklus, Zinszyklus oder Rohstoffpreiszyklus: Am Ende eines Zyklus ist man wieder mehr oder minder an der gleichen Stelle wie zu Beginn. Dieses Konzept ist weniger passend, wenn immer mehr strukturelle, also nicht-zyklische, Faktoren die Kreditwürdigkeit beeinflussen. Dann gilt tatsächlich, dass eine Anleihe, die noch, sagen wir, 30 Jahre läuft, ein höheres Ausfallrisiko trägt als eine, die in zwei oder drei Jahren fällig wird. Längere Laufzeiten bedingen höhere Risiken, die in den Kreditratings bis heute nicht abgebildet sind. Im Szenario eines partiellen Ökosystemeinbruchs steigen die Zinszahlungen für Indien um 49 Milliarden Dollar. In Angola, Bangladesch und Madagaskar würde die Wirtschaftsleistung deutlich sinken. Ein Verlust von Artenvielfalt soll vor allem Entwicklungsländer treffen. Warum? Besonders betroffen sind die Länder, die noch stärker von natürlichen Ressourcen umgeben sind. In Deutschland oder England ist die Landschaft ohnehin schon viel kultiviert. Europa muss sich weniger sorgen, weil Wälder schon abgeholzt wurden und geringer sind im Vergleich zu Ländern in Asien oder Südamerika? Der Anteil der Wertschöpfung durch natürliche Produkte liegt dort höher als bei uns. Die neue Studie basiert auf einer anderen Studie, die simuliert, was auf der Welt passieren würde, wenn die Kipppunkte für den Klimawandel erreicht werden. Das ist keine Vorhersage, sondern eine reine Simulation. Wenn der Klimawandel so stark zunimmt, leidet darunter das Wirtschaftswachstum. Jeder weiß, dass Diversität schön und wichtig ist. Aber die ökonomischen Folgen hat kaum einer bisher untersucht. Sie haben auch über die Hitze in diesem Sommer geschrieben, über Hitzetote, über die Ausfälle der Schifffahrt. Müssen Staaten mehr in die Klimaanpassung investieren? Ja. Nicht nur wegen der Sterbefälle, sondern auch dadurch, dass die Produktivität der Menschen mit der Hitze abnimmt. Dadurch sinkt auch das Wirtschaftswachstum. In welchen Ländern ist die Produktivität im Sommer besser? Wenn wir schauen, wo die reicheren Länder sitzen, ist das relativ wenig oben und unten am Äquator. Ländern in den gemäßigten Zonen geht es wirtschaftlich meist besser. Dann hatte Deutschland bisher den Vorteil, dass es im Sommer nicht übermäßig heiß wurde? Ja, dafür ist die Produktivität ein Faktor. Für die Logistik ist das auch schwer, wenn die Schifffahrt auf dem Rhein durch niedrige Pegelstände zum Erliegen kommt. Von dort bekommt etwa der Chemiekonzern BASF viele Anlieferungen. Auf dem Rhein fährt immer noch nur wenig. Wie muss Deutschland sich darauf besser vorbereiten? Mit Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel sind wir hintendran. Das liegt auch ein bisschen an der föderalen Struktur, dass eben keiner sich richtig verantwortlich fühlt. Ich hoffe, dass wir nun einen nationalen Hitzeplan hinbekommen, um die Folgen erträglicher zu machen. Genauso wichtig oder vielleicht noch wichtiger ist es, dass wir kollektiv als Weltgemeinschaft auch daran arbeiten, dass der Klimawandel nicht außer Kontrolle gerät. Dafür sieht es eigentlich nicht gut aus. Der Emissionshandel mit einem CO₂‑Preis ist ein Weg. Was ist dafür noch entscheidend? Vor allem ist wichtig, dass ärmere Länder nicht die gleichen Prozesse übernehmen. Es ist heute viel günstiger, Treibhausgasemissionen im globalen Süden zu vermeiden. Damit das gelingt, brauchen diese Staaten Finanzierungshilfen. Ich hoffe, dass die nächste Klimakonferenz im November Geld bereitstellt. Gleichzeitig sind Länder wie Ghana, Kamerun, Paraguay oder Indien stärker von den Folgen des Klimawandels betroffen. Wasser zum Beispiel ist in diesen Regionen knapp. Wenn Sie aber auf die Bereitschaft zum Klimaschutz in Deutschland schauen, woher nehmen Sie Zuversicht? Ich bin optimistisch, dass wir verhandlungsfähig sind und der Kern der Gesellschaft zusammenhält. Wir können aus den Fehlern lernen. So ein heißer Sommer wie in Deutschland in diesem Jahr kann ein Lerneffekt sein.