FAZ 29.05.2026
17:10 Uhr

Knappe Industrierohstoffe: Logistiker warnen wegen Hormus-Sperre vor Stillstand von Fabriken


Die Blockade am Persischen Golf ist ein Wendepunkt für die Weltwirtschaft. Unternehmen müssen sich neue Lieferanten und Transportwege suchen, wenn sie weiter produzieren wollen.

Knappe Industrierohstoffe: Logistiker warnen wegen Hormus-Sperre vor Stillstand von Fabriken

Industrienationen wie Deutschland zittern um die Versorgung mit Öl und Gas. Eng wird es aber nicht nur mit Blick auf Energierohstoffe. Der Logistikverband BME warnt wegen des Konflikts um die für den Welthandel wichtige Meerenge von Hormus vor einer Schockwelle für die globale Wirtschaft. „Jetzt werden auch wichtige Rohstoffe wie Schwefel, Aluminium und Helium knapp“, sagt Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des BME. Es gebe schon Berichte über Produktionskürzungen zum Beispiel in der Agrarchemie sowie der Konsumgüter- und Autoindustrie. Wegen Engpässen alarmiert seien auch die Branchen Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Halbleiter, Pharma und Medizin. Weil Iran im Krieg mit den USA und Israel kaum noch Tanker und Frachter durch das Nadelöhr bei Hormus fahren lässt, müssen Reedereien auf längere und teurere Handelswege ausweichen. Laut BME werden dadurch Container für den Transport auf Schiffen knapp. Der Lieferkettendatendienst Everstream meldet unter Berufung auf Daten des Logistikkonzerns Kühne + Nagel verlängerte Wartezeiten an wichtigen Handelshäfen in Nahost. Im Hafen von Jebel Ali in den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Beispiel säßen Schiffe im Durchschnitt mehr als zehn Tage fest. Die Störungen wirkten sich bis nach Indien aus, wo Schiffe am Hafen von Nhava Sheva fast drei Tage warten müssten. Logistikfachmann Kleeberg sieht die Blockade am Persischen Golf als strukturellen Wendepunkt für die internationale Beschaffung von Rohstoffen und Zulieferteilen. Die Konsequenzen gingen über einen kurzfristigen Störfall weit hinaus. Viele Unternehmen müssten wegen der veränderten Weltlage ganz neu über ihre Beschaffung nachdenken. Das Schlaraffenland der Globalisierung ist abgebrannt Statt der Kosten stehe nun die Resilienz der Lieferketten im Fokus. Das bedeutet: Kritische Rohstoffe und Vorprodukte sollten nicht mehr ausschließlich aus einzelnen Regionen bezogen werden, sondern möglichst aus unterschiedlichen Quellen. Die bisher übliche Konzentration auf Lieferanten aus dem Nahen Osten sowie die starke Abhängigkeit von festen Transportrouten sei nicht mehr zeitgemäß. Diese Einsicht ist nicht ganz neu. Schon die Corona-Pandemie und der Ukrainekrieg haben gezeigt, wie gefährlich es ist, sich von wenigen Lieferanten und Handelspartnern abhängig zu machen. Das Zeitalter der schrankenlosen Globalisierung scheint beendet, seit die USA Zölle erheben oder die Volksrepublik China die Ausfuhr der für Hightechprodukte benötigten Seltenen Erden begrenzt. Die aktuelle Knappheit der Industrierohstoffe Schwefelsäure, Aluminium und Helium rührt nicht nur von der Hormus-Blockade her. Iran hat als Vergeltung für den US-Angriff Amerikas Partner im Nahen Osten attackiert und dabei unter anderem wichtige Produktionsanlagen in Qatar schwer beschädigt. Qatar stellt einen großen Teil des Heliumangebots der ganzen Welt her, wovon nun ein wichtiger Teil ausfällt. Viele Probleme wegen Lieferengpässen für Helium Das Edelgas Helium wird zum Beispiel für die Produktion von Computerchips oder den Betrieb von Röntgengeräten benötigt. Immerhin kann Helium relativ gut recycelt werden, sodass die Chipproduktion nach Einschätzung von Christian Curac, Leiter Asset Management der Fürst Fugger Privatbank, zumindest kurzfristig nicht in Gefahr sei. Curac weist aber auf regionale Verwundbarkeiten hin. So beziehen Chipproduzenten in Südkorea 60 Prozent ihres Heliums aus Qatar. Sie müssten sehen, wie sie die Ausfälle ersetzen könnten, ohne die Produktion einzuschränken. Tiefere Ursachen als die Hormus-Blockade hat die Knappheit von Aluminium. Die hohen Energiepreise seit dem Ukrainekrieg 2022 haben laut Logistikverband BME viele europäische Aluminiumfabriken zum Stillstand gezwungen. Auch das Recycling von Aluminium sei vielfach nach Asien abgewandert.