FAZ 19.05.2026
14:04 Uhr

Koalitionspartner: Wären Merz die Grünen eigentlich lieber?


Kürzlich sprach der CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler Friedrich Merz aus heiterem Himmel über einen prominenten Grünen. Positiv. Wie steht es um schwarz-grüne Pläne?

Koalitionspartner: Wären Merz die Grünen eigentlich lieber?

Ende April überraschte Friedrich Merz wieder mal sein Publikum. Am 30. April diskutierte er im sachsen-anhaltischen Salzwedel mit Bürgern. Mit welchem Politiker er sich „überraschend gut“ verstehe, wurde er auf der Bühne gefragt. Berichte über seinen Streit mit dem SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil beim Koalitionstreffen in der Villa Borsig waren da noch ganz frisch. Merz hätte also die Gelegenheit nutzen können, um die Wogen zu glätten. Doch ohne länger nachzudenken, nannte er Omid Nouripour, den zu den Grünen gehörenden Vizepräsidenten des Bundestags. „Omid Nouripour ist ein interessanter Typ, auch ein guter Typ“, sagte der Kanzler. Sonst erwähnte er niemanden. Eine taktische Antwort kann ausgeschlossen werden. In Sachsen-Anhalt kann ein Christdemokrat kaum damit punkten, einen Grünen zu loben. Merz sagt von sich selbst, dass er offen ausspricht, was er denkt. So ein Fall war das wohl auch dieses Mal. Ganz überraschend war es im Übrigen nicht, denn er hatte auch zuvor schon lobende Worte über sein Verhältnis zu Nouripour geäußert, sogar lange vor der Bundestagswahl. Im Wahlkampf hatte Merz keinen Hehl daraus gemacht, dass auch eine Koalition mit den Grünen für ihn nicht ausgeschlossen sei. Während vor allem der CSU-Vorsitzende Markus Söder auf die Grünen nach Kräften einschlug, machte Merz mehrfach deutlich, was sein bevorzugter Wahlausgang sei: Die CDU müsse so stark sein, dass sie sich zwischen einer Koalition mit SPD und Grünen entscheiden könne. Manchmal hatte man sogar den Eindruck, er fände eine Koalition mit den Grünen nicht schlecht. Doch die CDU schnitt im Februar vorigen Jahres im Bund zu schlecht ab, und es blieb nur das Bündnis mit der SPD. Die Union klagt über die SPD Seit in diesem Jahr der Schwerpunkt der Regierungsarbeit auf den großen Sozialstaatsreformen liegt, klagt die Union intensiv über die SPD. Tief sitzt die Verärgerung über die zweite SPD-Vorsitzende, Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas. Wenige Stunden bevor Merz am Dienstag auf Einladung von deren Vorsitzendem Matthias Miersch die SPD-Bundestagsfraktion besuchte, hatte der Christdemokrat Steffen Bilger Bas vor Journalisten kritisiert. In der Unionsfraktion wünsche man sich von der Arbeitsministerin, dass sie sich mehr um den Erfolg der Koalition kümmere, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion. Auf Bas schauen die Christdemokraten kritisch Der Bundeskanzler war kürzlich während seines Auftritts beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mit Pfiffen und Buhrufen bedacht worden. Vor allem erregt man sich in der Union darüber, dass Bas sich auf dem DGB-Bundeskongress distanziert zu den Plänen der Regierung zur Flexibilisierung der Arbeitszeit äußerte. Sie hatte gesagt, dass sie das Thema am liebsten gar nicht anfassen würde, es aber im Koalitionsvertrag stehe. Bilger nagelte die Arbeitsministerin daraufhin am Dienstag noch mal fest. Er habe Bas immer so verstanden, dass es zwar Kritik am Arbeitszeitgesetz gebe, sich die Koalitionäre aber auf eine Änderung festgelegt hätten. Auf Bas stieß der Kanzler in der SPD-Fraktion. Klingbeil, mit dem er das engere Verhältnis hat, war dagegen beim G-7-Finanzministertreffen und nicht dabei, als Merz mit den Abgeordneten diskutierte. Grüne Charme-Offensive Bei den Grünen wird unterdessen eine Charme-Offensive aus der Union bemerkt. Das war vor ein paar Monaten noch ganz anders. So erinnert man sich in der Fraktion an ein Plakat aus dem sächsischen Wahlkampf, wo die Union mit einem Plakat gegen den vormaligen Koalitionspartner mobilisiert hatte. Es zeigte einen Rasenmäher beim Einsatz auf einer blühenden Wiese, dazu den Slogan: „Grün in Sachsen kurz halten“. Und zur Bundestagswahl hatte CSU-Chef Markus Söder jede Gelegenheit zur Fundamentalkritik an den Grünen genutzt. Nur, um dann den Berliner CSU-Mann Alexander Dobrindt vorzuschicken, um erst die Lockerung der Schuldenbremse mit den Grünen auszuhandeln. Ohne die Hilfe der grünen Abgeordneten hätte Merz zudem nicht noch am selben Tag nach seiner ersten großen Koalitions-Niederlage zur Wahl als Bundeskanzler abermals antreten können. Merz hat nicht nur kein Problem mit dem Grünen Nouripour, auch sein Verhältnis zur damaligen Ko-Vorsitzenden Ricarda Lang war von Respekt und Anerkennung geprägt. Das gilt, so heißt es, auch für den Umgang mit der aktuellen Parteispitze, etwa der Grünen-Vorsitzenden Franziska Brantner oder den Fraktionschefinnen Britta Haßelmann und Katharina Dröge. Selbst der auf Links-Ticket reisende Felix Banaszak hat klar erkannt, dass die Zukunft für die Grünen jedenfalls nicht in einem Bündnis mit der schrumpfenden SPD und der israelfeindlichen und NATO-gegnerischen Linken liegt. In der CDU denke man, so schätzen es die Grünen ein, bei Zukunft allerdings eher an Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Überhaupt werden künftige Bündnisse aus grüner Sicht von den Ländern her zu denken sein: In NRW, aber auch in Schleswig-Holstein und nun abermals in Baden-Württemberg wird seit Jahren schwarz-grün beziehungsweise grün-schwarz regiert. Bayerische Versuche, das mit Wahlkampfhilfe für Manuel Hagel (CDU) und einer angeblichen „Drei-Löwen-Allianz“ aus beiden Ländern plus Hessen zu ändern, sind gescheitert. Selbst in Bayern scheint Ministerpräsident Söder inzwischen auch auf grüne Stimmen zu hören. Jedenfalls hat er den öffentlichen Verzehr von Fleischwaren vorerst eingestellt. Es war Robert Habeck gewesen, der Söder gesagt hatte, „dieses fetischhafte Wurstgefresse“  sei keine Politik. Hinzu kommt, dass seit den Kommunalwahlen die Landeshauptstadt München von Oberbürgermeister Dominik Krause geführt wird. Einem Grünen. Am Dienstag, auf dem Weg in den Fraktionssaal der SPD, hatten Miersch und Merz noch eine kurze Pressekonferenz gegeben. An deren Ende sprach der Kanzler ein weiteres ungewöhnliches Lob aus. Es galt einem früheren Außenminister, der kürzlich vor der AfD gewarnt hatte. Diese wolle Deutschland in die Zeit vor Konrad Adenauer zurückbringen. Merz stimmte zu und begründete damit, dass eine Zusammenarbeit der CDU mit der AfD ausgeschlossen sei. Der einstige Außenminister war Joschka Fischer, bis heute einer der prominentesten Grünen.