FAZ 27.09.2026
15:38 Uhr

Köster beim THW Kiel: Handballstar Julian Köster ist ein Chef zum Liebhaben


Auch Julian Köster kann Kiel nicht zum Derbysieg gegen Flensburg verhelfen. Der THW erwartet dennoch viel von seinem talentierten Zugang aus Gummersbach.

Köster beim THW Kiel: Handballstar Julian Köster ist ein Chef zum Liebhaben

Nach diesem Traumtor drehte Julian Köster ab, riss jubelnd den Mund auf und rannte mit einem lauten Schrei Richtung Mittellinie: Derby-Sieger!Und das mit dem entscheidenden Treffer eine Sekunde vor Schluss, gleich in seinem ersten Spiel für den THW Kiel gegen die SG Flensburg-Handewitt. Seine Kollegen in Schwarz und Weiß sprangen ihn an. Das Dach in der Ostseehalle schien sich zu heben. Es muss ein erhabener Moment gewesen sein. Fünf Minuten später schlägt die Gefühlslage auf Kieler Seite in Enttäuschung um. Die  Schiedsrichter Julian Köppl und Denis Regner schauen sich an, wie das Tor entsteht, und erkennen vor Domen Makucs Diagonalpass auf den am Kreis stehenden Köster einen Schrittfehler: derer fünf statt drei, zwei zu viel mithin. So sieht es das Regelwerk im Handball vor. Kein Tor. Der THW verspielt in diesem knisternden 117. Landesduell den Sieg, kommt sich durch das 31:31 (18:14) wie der Verlierer vor. Während erhitzte Gemüter diesen „Videobeweis“ diskutieren, bleibt Julian Köster bei der Analyse: Ein 1:6-Lauf in den verbleibenden Minuten dürfe einfach nicht passieren. Er hat seinen Anteil. Sein Pass zum (vermeintlichen) Linksaußen landet kurz vor Schluss im Nichts. Da ist niemand mehr. Aus dem schönen 30:25 wird das Remis. Flensburg bleibt Erster Für den Moment bleibt Flensburg Erster, Kiel Zweiter – beide niederlagenfrei. Schon am Mittwoch in Magdeburg wartet der nächste Test auf die tatkräftige Zebraherde. Wer diesen Julian Köster nach drei Monaten im Norden beobachtet, könnte sich wundern, wie passgenau er sich in das Leben beim Rekordmeister eingefügt hat. Von den ersten öffentlichen Auftritten bei den Tests, umringt von Fans, über die gelungene Saisoneröffnungs-Show im Kino am Hauptbahnhof bis zu ebenjenem Höhepunkt am Samstagabend: Köster wirkt, als wirke er schon ewig an der großen Förde. Da sitzen die Sätze wie die Würfe und Pässe – meistens jedenfalls, bezogen auf den Ball. Er habe überhaupt keine Anlaufzeit benötigt, lobt der ebenfalls dazugeholte Coach Børge Lund. Ungewöhnlich, dass ein Zugang gleich Kapitän wird: Bei Julian Köster war sich Lund sicher, einen geeigneten Mann neben Rune Dahmke und Domagoj Duvnjak auf der Kommandobrücke zu haben. Mit Freundin Louisa ist Köster nach sechs Gummersbacher Jahren gen Schleswig-Holstein aufgebrochen, hat die heißen Tage im Sommer an der Kieler Förde als Wasserfan genossen und die Vibes in der Landeshauptstadt aufgesogen. Hier wird Handball gelebt. Anonymität unmöglich.Köster hat seine Mischung aus Distanz und Nähe, wirkt immer zugewandt, jedoch mit inneren Abstandshaltern. Er gibt ungern Privates preis. Aus der Kabine wird man von ihm wenig erfahren. Gutes Gesamtpaket für den THW Die Zurückhaltung streift er auf dem Parkett ab. Dort lieben ihn die Coaches, beginnend mit Bundestrainer Alfred Gislason, für seine Vielseitigkeit in Abwehr und Angriff. Köster, 26 Jahre alt, kann beides, führt die Rolle hinten sogar noch etwas gewinnbringender aus, ist ein schlauer Verteidiger mit Krakenarmen – man denke nur an das Olympia-Viertelfinale vor zwei Jahren in Lille, als er sich lang machte, Dika Mems Pass abfing und die Grundlage der späteren Silbermedaille schuf. Er bietet ein derart gutes Paket an Qualitäten an, dass er beim THW neben dem Spielmacher Domen Makuc sofort gesetzt war. Nicht weniger hat der THW erwartet – Köster soll ein Gesicht des Klubs werden und dafür sorgen, dass bei der Verjüngung des Teams die Titel nicht auf der Strecke bleiben. Wie eine Last auf den Schultern des 200 Zentimeter großen Rückraumspielers wirkt das nie. Dass ihn neben Geschäftsführer Viktor Szilagyi auch Trainer Filip Jicha geholt hatte, streift Köster gelassen ab: „Ich hätte gern unter Filip gearbeitet. Aber so ist das Geschäft manchmal.“ Der entlassene Tscheche wurde nach dem Heimspiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf vor zwei Wochen mit allen Ehren verabschiedet. Das hatte Stil. In Kösters Welt ist Kiel der größte Handballverein der Welt Julian Köster hat bewusst gewartet, bis ihm der nächste Schritt passend erschien. Sogar in Gummersbach den Vertrag verlängert, um alles für den und mit dem Verein herauszuholen. Das ist in der Saison 2025/26 durch Rang vier und den Zugang zur European League gelungen. Nun will er sich in Kiel handballerisch und als Person weiterentwickeln. Andere große Adressen hatten mitgeworben. In Kösters Welt ist der THW Kiel der größte Handballverein der Welt. Handball war der beherrschende Sport bei den Kösters. Auch wenn er die Fußballlaufbahn eines gewissen Florian Wirtz immer mitverfolgt hat, war seine Handballtrainerin in jungen Jahren beim TuS Schwarz Weiß Brauweiler doch Karin Groß, Florian Wirtz’ Mutter. Bis heute sind die beiden Sportprofis befreundet. Sein älterer Bruder Moritz spielt Handball bei Bayer Dormagen in der Zweiten Bundesliga. Zwölf Wochen Kiel, und Julian Köster führt schon an, redet Klartext, als gehöre er zum Inventar. Die schwachen Minuten bei den knappen Siegen in Eisenach, Göppingen und gegen Hannover ärgerten ihn. Das sagt er auch. Im Kreis der Mannschaft bewegt er sich von Tag eins an ganz selbstverständlich.Schwiegermutters Liebling ist auch Trainers Liebling, ohne im Team als Streber zu nerven – das muss ihm erst mal jemand nachmachen.