FAZ 26.05.2026
08:50 Uhr

Kolumne „Nine to five“: Die verflixte erste Idee


Wer neu in einer Abteilung ist, wird häufig nach seinen Ideen gefragt. Zu gern wüsste man, worauf es dabei ankommt. Und ob es eigentlich besser ist, vor Ideen zu sprudeln – oder sich zurückzunehmen.

Kolumne „Nine to five“: Die verflixte erste Idee

Ein erwartungsvoller Blick, und schon darf man entweder lossprudeln oder verlegen zugeben, dass man noch keine Ideen notiert hat. Kommt Ihnen die Situation bekannt vor? Dann waren Sie zuletzt sicher auch neu in einer Abteilung und wurden nach Ihren Ideen gefragt. Egal, ob Sie zum ersten Mal an einer Onlinekonferenz teilnehmen oder dem Abteilungsleiter in seinem Büro gegenübersitzen: Es bleibt vielleicht noch Zeit, Luft zu holen, dann gehört die Aufmerksamkeit Ihnen. Aber was soll die Frage nach Ideen eigentlich bezwecken? Geht es ausschließlich darum, zu zeigen, dass man sich schon intensiv mit den Produkten, Projekten und Plänen der Kollegen auseinandergesetzt hat? Wird wirklich erwartet, dass der neue Mitarbeiter sich gleich einbringen kann? Ist die Frage eine Aufforderung zur Kritik nach dem Motto: „Zeigen Sie, wie gut Sie uns schon kennen – und hinterfragen Sie dabei bitte elegant unsere Routinen, bevor Sie in kürzester Zeit selbst in sie verfallen“? Die Kollegen nicken höflich Immerhin handelt es sich um eine Aufgabe, auf die man sich vorbereiten kann. Die Notizen-App auf dem Handy ist schnell geöffnet, lose Ideen sind ebenso rasch notiert. Sie werden überdacht, umformuliert, verworfen. Ob die Kollegen ein ähnliches Projekt schon einmal angegangen haben? Unbekannt. Ob die Idee überhaupt passt? Unklar. Trotzdem: Weitergrübeln! Ist es dann so weit, und der neugierig-erwartungsvolle Blick richtet sich auf einen, tendiert man dazu, freudig loszuplappern – und den eigenen Plan viel detaillierter vorzustellen, als man es eigentlich wollte. Samt Alternativvorschlag und einer kurzen Erläuterung, warum man die erste Version wieder verworfen hat. Die Kollegen nicken höflich. War das nun zu viel des Guten? Oder aber: Es gelingt einem über Wochen hinweg nicht, auch nur eine brauchbare Idee zu finden. Man grübelt, schimpft und hadert. Ist es dann so weit – hat man nichts. Nur eine leere Notizen-App. Und das Gefühl, ganz und gar unvorbereitet zu sein. Nehmen die Kollegen es einem übel? Oder ist es sogar gut, sich ohne eine Liste voller Ideen auf Neues einzulassen? Ganz gleich, in welcher Situation man steckt: Beide Male stellt sich die Frage, ob man die einzige Person ist, die bei den Worten „frische Ideen“ schon Sorgenfalten bekommt. Die erste Idee bleibt eine verflixte Angelegenheit. In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.