Andrew Fischl kümmert sich um die Zukunft des Fechtens. Ganz konkret: in Bayern. Seit dem vergangenen Jahr ist der 37 Jahre alte Amerikaner „leitender Landestrainer Säbel“ im Bayerischen Fechtverband. Wer Fischl erreichen will, muss bisweilen den Deutschunterricht abwarten. Aber Fischls Blick ist ein weiterer, war es schon, lange bevor er aus Übersee in den Freistaat gekommen ist. Andrew Fischl war Fechter der amerikanischen Nationalmannschaft. Die Konfrontation sucht er noch heute. Seine Gegnerin: die Fédération Internationale dʼEscrime (FIE), als internationaler Verband verantwortlich für das Bild, das der Sport abgibt. Es ist, dafür beruft sich Fischl unter anderem auf knapp 3000 Zeugen, ein düsteres. Wieder und wieder erzählen Fechterinnen und Fechter, aktive und ehemalige, von Usancen, die in der Welt der FIE gedeihen. Auf Youtube und Instagram dokumentiert Fischl alias „CyrusofChaos“ Missstände. Die FIE wurde über Jahre alimentiert von Alischer Usmanow, dem spendablen Milliardär aus Taschkent, für den die Entfesselung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zum Problem wurde. Usmanow lässt sein Präsidentenamt, in das er sich im November 2024 in Usbekistans Hauptstadt wieder hatte wählen lassen, ruhen. Er ist sanktioniert durch die Europäische Union und die Vereinigten Staaten, an den Verbandssitz der FIE nach Lausanne darf er nicht reisen. Usmanow lässt sich vertreten. Zunächst war der Grieche Emmanuel Katsiadakis „Interimspräsident“, seit Frühjahr 2025 ist es der Ägypter Abdelmoneim al-Hosseini. Eine F.A.Z.-Anfrage zu den Gründen des Rückzugs vom in den FIE-Statuten nicht vorgesehenen Posten hatte Katsiadakis damals nicht beantwortet. Im März 2026 kam mehr Licht in die Sache. Katsiadakis bestätigte dem Blog „Sports and Politics“, dass er sich als FIE-Präsident geweigert habe, vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Aufhebung der Sanktionen gegen Usmanow zu verlangen. Wird der FIE der Status als Weltverband entzogen? Andrew Fischl nahm den Bericht zum Anlass, einen offenen Brief aufzusetzen. Adressaten: Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und die FIE-Exekutive. „Wir fordern eine unabhängige Untersuchung der Amtsführung in der FIE“, heißt es darin. Bevor Fischl den Brief Anfang Mai verschickte, hatten knapp 2981 Fechterinnen und Fechter, Trainerinnen und Trainer unterschrieben, anonym oder mit Namen, darunter 239 aus Deutschland. Die FIE reagierte auf ihrer Website. Jede Behauptung, der Verband würde unsachgemäß geführt, sei kein Abbild der Realität. Demokratie, Offenheit, Transparenz, Gleichbehandlung seien Leitmotive; Korruptionsvorwürfe seien nicht substantiiert, unbegründet und durch öffentliche Buchführung widerlegt. Was den Brief angehe: „Eine Anzahl“ Fechter, deren Namen unter ihm stehen, habe nichts von dessen Existenz oder Inhalt gewusst. „Was heißt ‚eine Anzahl‘?“, fragt Fischl. „Fünf? 500?“ Solange die FIE nicht darlege, was gemeint ist, könne er nur darauf verweisen, dass es bei einem digital aufgesetzten offenen Brief zu kleineren Ungenauigkeiten kommen könne, das liege in der Natur der Sache, ändere aber nichts am massiven Unmut unter sehr vielen Fechtern. Viel interessanter sei, dass die FIE nicht auf die Umstände von Katsiadakisʼ Rückzug eingehe. „Das ist“, sagt Andrew Fischl in seinem diese Woche veröffentlichten Video, „als würde einem Verdächtigen Mord und Diebstahl vorgeworfen, und er verteidige sich mit der Aussage: ‚Ich habe nichts geklaut.‘“. Am 24. und 25. Juni trifft das IOC zur Session in Lausanne, dann geht es um das künftige olympische Programm. Viele Fechter, sagt Andrew Fischl, sähen ihren Sport auf der Kippe stehen. Die geforderte Untersuchung der FIE wäre nur ein Anfang: „Ich weiß nicht, ob man die FIE je reparieren kann. Ich wünsche mir, dass der FIE der Status als Weltverband entzogen wird.“
