Bis vor einem halben Jahr galt Andrij Jermak als der mächtigste Strippenzieher der ukrainischen Politik. Er war Chef des Präsidialamtes in Kiew, regulierte den Zugang zu Präsident Wolodymyr Selenskyj und hatte großen Einfluss auf Personalentscheidungen in Regierung und Behörden. Nun ist er von der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft in Kiew zum Verdächtigen erklärt worden. Das zeigt zum einen, dass das Grundübel der ukrainischen Politik, die Korruption bis in hohe staatliche Ämter, auch nach Russlands Überfall auf das Land weiter besteht. Es wäre naiv, etwas anderes zu erwarten: Krieg macht Menschen nicht besser. Und die kriegsbedingte Notwendigkeit zur Geheimhaltung, also geringerer Transparenz, schafft neue Möglichkeiten für Mauscheleien. Demokratische Kontrolle auch im Krieg Jermaks Schicksal zeigt aber zugleich, dass in der Ukraine die Mächtigen auch im Krieg der Kontrolle durch eine demokratische Öffentlichkeit und unabhängige Strafverfolgungsbehörden unterliegen. Die haben in seinem Fall schon ermittelt, als er noch in Amt und Würden war, unbeeindruckt davon, dass er deshalb ihre Unabhängigkeit beschneiden wollte. Sein Rücktritt im vorigen Herbst war das Ergebnis des Drucks, den Opposition, Zivilgesellschaft und unabhängige Medien (und auch die westlichen Verbündeten) aufgebaut hatten. Die Ukraine war vor dem Krieg alles andere als ein mustergültiger demokratischer Rechtsstaat. Sie war ein Land, das mit vielen inneren Widersprüchen und gegen große Widerstände in seiner Elite darum kämpfte, einer zu werden. Dieses Ringen setzt das Land auch während seines Abwehrkampfes gegen einen äußeren Aggressor fort.
