Darren Woods, der Vorstandschef des größten amerikanischen Ölkonzerns Exxon-Mobil, hatte eine klare Botschaft, als er vor einigen Tagen mit Finanzanalysten sprach. „Die vollen Auswirkungen der Lieferunterbrechungen sind noch nicht am Markt angekommen“, mahnte Woods. Deutliche Warnungen kommen auch von anderen führenden Ölproduzenten. Kommerzielle Lagerbestände und Reservekapazitäten seien großteils aufgezehrt, sagte Eimear Bonner, Finanzchefin des US-Ölriesen Chevron in einem Interview. „Es ist kaum noch ein Puffer vorhanden“, so Bonner. Die Meerenge von Hormus im Persischen Golf, die Hauptschlagader des internationalen Öltransports, ist wegen des Angriffs der USA und Israels auf Iran bereits seit zwei Monaten nahezu vollständig blockiert. Eine solche Sperrung hat es zuvor noch nie gegeben. Schätzungen zufolge entspricht der Ausfall etwa zehn Prozent des globalen Ölbedarfs. Doch was die Ölmanager jetzt beunruhigt: Die Folgen der Sperrung der wichtigen Schifffahrtsroute im Nahen Osten kommen erst mit Zeitverzögerung bei den Verbrauchern an. Denn die Tankschiffe sind vom Persischen Golf zu ihren Zielen in aller Welt oft lange unterwegs. Obwohl im Golf schon seit März keine Schiffe mehr losfuhren, kamen an den Zielhäfen lange Zeit weiterhin Tanker an, die noch vor Beginn der Blockade in See gestochen waren. „Aber jetzt haben alle ihr Ziel erreicht“, sagte der Ölmanager Andy O’Brien vom amerikanischen Konzern Conoco-Phillips. Es komme nichts mehr nach. Und das werde sich von jetzt an mehr und mehr bemerkbar machen. Airlines streichen im Mai 12.000 Flüge In asiatischen und afrikanischen Ländern ist die Knappheit schon jetzt akut. Aus Rohöl hergestellte Kraftstoffe sind dort nicht nur teuer geworden, sie sind so knapp, dass ihr Verkauf teilweise rationiert werden muss. In Europa dagegen sind bisher lediglich die Preise für Benzin und Diesel an den Tankstellen stark gestiegen, aber es gibt weiter Sprit. Im internationalen Luftverkehr allerdings sind die Auswirkungen bereits gravierender. Die französische Fluggesellschaft Air France KLM berichtete, sie sei aufgefordert worden, keine zusätzlichen Flüge in die asiatischen Metropolen Singapur und Tokio anzumelden. An den beiden Luftverkehrsdrehkreuzen wird versucht, den Flugzeugtreibstoff Kerosin zu sparen. Auch in Europa hat sich der Kerosinpreis im Vergleich zu Jahresbeginn zeitweise mehr als verdoppelt. Nach Kalkulation des Datenanalysehauses Cirium haben internationale Airlines für den Mai rund zwei Millionen Sitzplätze aus ihren Flugplänen gestrichen. Das entspreche rund 12.000 Flügen, die diesen Monat wegen hoher Treibstoffpreise oder akuten Kerosinmangels wegfallen. Die Lufthansa hat den Zahlen zufolge mehr Flüge gestrichen als alle anderen Airlines. Zwar gibt es Hoffnung auf einen baldigen diplomatischen Durchbruch zur Beilegung des Konflikts im Golf. Die Straße von Hormus könnte für alle Schiffe wieder geöffnet werden, wenn Iran auf seine Vorschläge für eine Einigung eingehe, sagte US-Präsident Donald Trump. Doch solche Erwartungen haben sich schon in den vergangenen Wochen mehrfach zerschlagen. Erschwerend kommt hinzu: Selbst wenn die Blockade für den Schiffsverkehr im Persischen Golf demnächst enden sollte, wird der Krieg an den Ölmärkten noch lange nachwirken. „Normalisierung der Versorgung dauert viele Monate“ „Auch im Falle einer baldigen Öffnung der Straße von Hormus würde es viele Monate bis zu einer Normalisierung der Versorgung dauern“, sagt Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des deutschen Wirtschaftsverbands Fuels und Energie. Erschwert werde die Rückkehr zur Normalität auch dadurch, dass Raffinerien in der Kriegsregion beschädigt worden seien. Die Bundesregierung in Berlin versucht derweil, die Befürchtungen zu dämpfen. Es gebe derzeit „kein Mengenproblem“ bei der Versorgung mit Kraftstoffen für Autos, Lastwagen und Flugzeuge, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Was so viel bedeutet wie: Benzin, Diesel und Kerosin sind zwar viel teurer geworden, aber sie gehen bislang nicht aus. Wirtschaftsministerin Reiche warnt vor „Alarmismus“ „Alarmismus bei Kerosin und Benzin hilft nicht“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Ein Krisenstab des Wirtschaftsministeriums tagt wöchentlich, um über die Entwicklung der Energiekrise zu beraten. Sobald die „physische Versorgungsknappheit“ bei Flugzeugtreibstoff auch Europa treffe, würden weitere Maßnahmen getroffen, versichert Reiches Ministerium. Die Versorgung mit Flugzeugkerosin gilt auch deshalb als besonders heikel, weil Europa hier stark auf Importe aus der Krisenregion angewiesen ist. Nach Berechnung des Hamburger Branchendiensts Energy Comment haben die EU-Länder 2025 rund 10,3 Millionen Tonnen Kerosin vom Persischen Golf importiert. Das waren mehr als die Hälfte aller Flugzeugtreibstoffimporte, und es deckte rund ein Fünftel des Gesamtbedarfs der EU an Kerosin. Begrenzte Kapazitäten der deutschen Raffinerien In Deutschland gibt es elf Raffinerien, die Rohöl zu Kraftstoffen und anderen Ölprodukten weiterverarbeiten. Acht dieser Anlagen produzieren auch Kerosin. Fachleute sagen: Zwar können die deutschen Raffinerien ihren Ausstoß an Flugzeugtreibstoff erhöhen und dafür den anderer Kraftstoffe drosseln, aber aus technischen Gründen sei das nur begrenzt möglich. Außerdem versucht Europa, die wegfallenden Kerosinimporte vom Persischen Golf durch Importe aus anderen Weltregionen zu ersetzen. Branchenfachleuten zufolge können allerdings nur Raffinerien in den Vereinigten Staaten kurzfristig deutlich größere Mengen liefern. „Aber in den USA gibt es auch einen Megaanstieg der Nachfrage aus Asien“, sagt ein Experte. Der Ölmarkt ist nun mal global. Wenn in Asien die Energienot größer ist und dort deshalb höhere Preise bezahlt werden als von europäischen Kunden, dann steuern die Tankschiffe nach Asien statt in Richtung Europa. Kerosinlieferungen vom Golf kaum zu ersetzen Die Analysten des Branchendiensts Argus Media halten es für unwahrscheinlich, dass es Europa gelingen werde, die Ausfälle von Kerosinlieferungen aus dem Persischen Golf ganz durch eine höhere Eigenproduktion und mehr Importe aus den USA auszugleichen. Ihre Prognose lautet: Im Juni wird der Flugzeugtreibstoff in Europa voraussichtlich knapp werden. So sehen das auch andere Fachleute. Betroffen sein werden davon laut Argus vor allem kleinere Flughäfen, während größere wohl weiter ausreichend versorgt werden könnten. Auch der britische Lufthansa-Wettbewerber IAG, Mutterkonzern von British Airways, weist auf mögliche Beschränkungen hin: Wenn der Krieg im Golf weiter den Nachschub an Rohöl und Kerosin beeinträchtige, sei es möglich, dass die Versorgung mit Flugzeugsprit „global eingeschränkt“ werde, sagte IAG-Chef Luis Gallego. Die IAG-Fluggesellschaften sind nach seinen Angaben für die Sommersaison gut versorgt. Und wie sind die Aussichten für die Versorgung der Tankstellen? Die Einschätzung von Argus-Experte Hagen Reiners klingt vergleichsweise beruhigend: „Die deutschen Raffinerien erzeugen ausreichende Mengen an Benzin und Diesel, Versorgungsengpässe sind, Stand heute, unwahrscheinlich“, sagt er. Voraussetzung sei allerdings, dass es in der Kraftstoffproduktion der heimischen Raffinerien nicht zu unvorhergesehenen Produktionsstörungen komme. Kritik an der Rückkehr des Tankrabatts Als kontraproduktiv sehen Fachleute gleichwohl das Krisenmanagement der deutschen Politik an. Die Bundesregierung hat wegen der stark gestiegenen Preise an den Tankstellen die Energiesteuer auf Benzin und Diesel befristet bis Ende Juni gesenkt. Die Maßnahme kostet einen Milliardenbetrag. Damit kehrt der vom damaligen Finanzminister Christian Lindner vor vier Jahren temporär eingeführte „Tankrabatt“ zurück. Damals hatte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ebenfalls zu stark steigenden Benzin- und Dieselpreisen geführt. Ähnlich wie damals ist auch heute die Steuersenkung umstritten. „Politisch ist das nachvollziehbar, aber in einer Knappheitssituation ökonomisch das falsche Signal“, sagt Christian Küchen vom Mineralölverband. Denn die höheren Preise schaffen einen Anreiz, Benzin und Diesel zu sparen, was angesichts der realen Angebotsknappheit auf den globalen Ölmärkten sinnvoll ist. Wenn der Staat dagegen mit Steuersenkungen die Tankstellenpreise drückt, konterkariert er diesen Effekt. Zuverlässige Zahlen dazu, ob der starke Preisanstieg bei Benzin und Diesel in den vergangenen Monaten dazu geführt hat, dass die Deutschen sparsamer mit den Kraftstoffen umgehen, gibt es bislang nicht. Die Daten werden vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) erhoben und veröffentlicht – aber erst mit vielen Monaten Verzögerung. Fachleute bezweifeln allerdings, dass der teure Sprit den Verbrauch bislang deutlich gedämpft hat. Schon in früheren Hochpreisphasen sei dieser Effekt nur marginal gewesen.
