Herr Professor Zuchtriegel, Sie wehren sich nicht nur gegen die Streichung von Lehrstühlen in der Archäologie, sondern sprechen auch von einer Krise der Archäologie. Worin besteht die Krise? Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher, sondern müssen fragen, warum es die klassische Archäologie braucht und worum es eigentlich in der klassischen Archäologie geht. In einer Forschungslandschaft, die in den letzten Jahrzehnten sehr gut ausgestattet war, besteht das Risiko, dass man sich einrichtet und solche Fragen gar nicht mehr stellt. In meinem Studium ging es sofort um sehr technische Dinge: Wie datiert man ein Kaiserporträt, wie bestimmt man eine Amphore? Wie entwickeln sich Siedlungsformen? Aber es wurde nie gefragt, was ist eigentlich unser Beitrag zur Gesellschaft? Das kam an der Uni schlicht nicht vor, und das habe ich erst durch die Arbeit im Museumssektor ganz erfasst. Viele Menschen aller Altersgruppen sind ja fasziniert von der Archäologie, unser Dialogpotential mit der Gesellschaft ist eigentlich immens. Sie würden sich also eine Neuausrichtung so vorstellen, dass das Fach Zugänge eröffnet, ohne seine disziplinäre Methodik zu verlieren? Die Fachdisziplin ist heute einfach dadurch gewährleistet, dass wir alle in einem internationalen Wettbewerb stehen, dass Archäologie global ist, Publikationen durchs Internet überall verfügbar sind. Daher habe ich überhaupt keine Bedenken bezüglich der disziplinären Zukunft; das Problem ist, Disziplin allein reicht nicht, es braucht auch Innovation, und das heißt manchmal, auf die Disziplin zu pfeifen. Mehr als an anderen Ausgrabungsstellen liefert Pompeji Einblicke in das tägliche Leben einer antiken Stadt. Leider sind gerade die oberen Stockwerke der Wohnhäuser, wo sich das Privatleben abspielte, in der Mehrzahl zerstört. Was erhoffen Sie sich vom Gemeinschaftsprojekt mit der Humboldt-Universität zu Berlin „Pompeii Reset“? Pompeji ist an sich schon unglaublich; aber wenn wir all die Daten analysieren, die wir haben, und in digitalen Rekonstruktionen zusammenführen, ist das Bild noch unglaublicher. Das ist nicht nur wichtig für die Vermittlung, sondern auch für die Forschung. Die HU hat einen Schwerpunkt in digitaler Archäologie und ist deshalb für uns ein wichtiger Partner, die Streichung des Fachbereichs wäre fatal. Sie haben bei der Begehung die tonnenschweren Mühlsteine einer Bäckerei gezeigt, die durch einen Esel und Sklaven bewegt werden mussten. Sie beschreiben Sklaven als bleiche, kahl geschorene Gestalten mit offenen Wunden am Leibe, die nie das Tageslicht zu sehen bekamen, „sprechende Werkzeuge“ eben, deren Leben nichts wert war. Inwiefern hat Pompeji Ihre Erkenntnisse über die unterste Schicht der antiken Gesellschaft verändert? Natürlich ist seit jeher bekannt, dass es in der Antike Sklaverei gab. Aber die Räume zu sehen und zu rekonstruieren, wo diese unmenschliche Form der Ausbeutung stattfand, macht das Bild viel schärfer. Wir versuchen, das auch in der Vermittlung stärker zu berücksichtigen. Götterdämmerung zur Zeit des Vesuvausbruchs Zu den aufregendsten Entdeckungen der jüngeren Zeit gehört der Dionysos-Kult, der offenbar in einer Zeit, in der antike Götter kaum noch Einfluss hatten, das frühe Christentum noch nicht prägend war. Viele Kollegen sehen das anders, aber ich betrachte die römische Kaiserzeit als eine Zeit der spirituellen Obdachlosigkeit. Natürlich gab es Ausnahmen und Nuancen. Aber die Tendenz geht dahin, anders wäre auch der Aufstieg des Christentums schwer erklärbar. Sie waren als Erasmus-Student in Italien und haben in Rom studiert. Konnten Sie damals schon Italienisch, oder haben Sie es dort gelernt? Ich konnte es schlecht und recht. Ich hatte es bei Ausgrabungen in Selinunt auf Sizilien schon gelernt. Dann bekam ich das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), das in dieser Form einzigartig ist. Es soll die Augen öffnen durch den Besuch von Ausgrabungen, Museen etc. Es ist für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gedacht, die ihre Doktorarbeit unter 30 abgeschlossen haben. Die Note spielt keine Rolle, ausschlaggebend ist das Gutachten des DAI. Man muss nichts produzieren, außer einem Bericht über die Reise. In unserer Zeit, die so absurd auf Produktivität setzt und dadurch oft wirkliche Produktivität und Kreativität verhindert, finde ich das genial. Wohin sind Sie damals gefahren? Kroatien, Albanien, ich war sehr lange in Griechenland, aber auch in der Türkei, Jordanien, Israel, Syrien, Ägypten. Nach dem Studium der Klassischen Archäologie und Altphilologie an der Humboldt-Universität in Berlin (2002 bis 2006) habe ich dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Bonn gearbeitet. Dann hatte ich mich um das Feodor-Lynen-Forschungsstipendium bei der Alexander von Humboldt-Stiftung beworben, um in Süditalien die griechischen Kolonien Siris und Herakleia zu erforschen. Wir hatten unsere Sachen in Berlin gelassen, unsere Tochter war gerade drei Jahre alt, und haben uns in Matera in Süditalien eine möblierte kleine Wohnung genommen … wir dachten, wir sind dann ja in zwei, drei Jahren zurück in Berlin. Das war 2012, seitdem sind wir hier. Die italienische Staatsbürgerschaft haben Sie 2020 angenommen. Im jugendlichen Alter von 34 wurden Sie zum Direktor des archäologischen Parks von Paestum und Velia berufen. 2021 wurden Sie Direktor von Pompeji, was Proteste italienischer Kollegen zur Folge hatte. Warum – weil ein Deutscher den begehrtesten Archäologenposten im Land bekam? Ich glaube eher, dass es mit meinem Alter zusammenhing. Ich habe mich selbst gefragt, wie das wird, wenn ein so junger Mensch, der auch noch aus einem anderen Land kommt, jetzt einem sechzigjährigen gestandenen Verwaltungsmitarbeiter sagen soll, wo die Reise hingeht. Aber es hat erstaunlich gut geklappt. Die Nationalität war nicht das Thema. Pompeji ist eben der Augapfel der italienischen Archäologie, die Stätte ist extrem fragil, und es sind riesige Summen, die ausgegeben werden müssen für Restaurierungen und Instandhaltung. Also ich kann das absolut verstehen, dass die Leute da besorgt waren und sich fragten, wem das anvertraut wird. Ich habe darauf nie reagiert, sondern mir gesagt: Ich kann nur durch meine Arbeit zeigen, dass ich dem gewachsen bin. Und ich musste es ein Stück weit auch mir selbst zeigen, weil ich mir sehr wohl bewusst war, dass es eine gigantische Verantwortung ist und dass es überhaupt nicht einfach ist. Sie haben schon in Paestum Theateraufführungen, Konzerte und andere Events eingeführt, um auch junge Leute für die Archäologie zu begeistern, inwiefern setzen Sie das in Pompeji fort? Zusammen mit renommierten Künstlern machen wir Theater mit Teenagern aus der Umgebung, teils aus sogenannten bildungsfernen Schichten … Die Aufführung findet dann im antiken römischen Theater von Pompeji statt. Gehört zum Schönsten, was ich in meiner Archäologenlaufbahn erlebt habe. Woher kommen die Gelder für Ausgrabung und Instandhaltung in Pompeji, außer vom italienischen Staat? Teilweise sind es einfach unsere Einnahmen, die reinvestiert werden. Dann gibt es europäische und nationale Fördermittel, die natürlich erst mal eingeworben werden müssen. Und schließlich gibt es private Mittel, also Sponsoren und Spender; das möchte ich gerne ausbauen, weil ich darin einen Wert an sich sehe, dass Privatleute oder Unternehmen sich beteiligen. In Ihrem neuen Buch (Pompejis letzter Sommer) sagen Sie auch ein bisschen was zu Ihrer Familie und Ihrer Herkunft, auch zu Ihrem Künstlervater. Wie kommt es, dass Sie sich theologisch ziemlich gut auskennen? Liegt es daran, dass Sie in Oberschwaben in einem pietistischen Dorf aufgewachsen sind? Als Mitglied der katholischen Minderheit habe ich an Religionsunterricht und Kommunionsunterricht teilgenommen. Aber vieles ist mir damals überhaupt nicht klar gewesen. Erst sehr viel später habe ich das Neue Testament wieder rausgezogen und einen ganz anderen Text gelesen: Inzwischen konnte ich Griechisch, hatte in Rom ein Semester frühchristliche Archäologie studiert. Pompeji zeigt die soziale Realität hinter dem Text. Und außerdem liest man ein Buch mit 40 eben anders als mit 15. Man entdeckt völlig andere Ebenen. Hat der tägliche Umgang mit Vergänglichkeit in Pompeji ihr eigenes Verhältnis zu Tod, zum Sterben und zum Umgang mit Zeit verändert? An diesem Ort zu arbeiten, ist unheimlich schön. Nicht nur die antiken Ruinen, sondern auch die ganze Landschaft, die Bäume, die Pflanzen erforschen wir. Aber man hat ständig mit Verfall zu tun. Sowohl durch die Archäologie der Katastrophe, als auch durch die ganze Problematik der Erhaltung. Das ist auch ein Kampf gegen den Verfall, gegen das Vergessen. Drohnen spüren den Verfall frühzeitig auf Sie spüren die frühen Zeichen des Verfalls bereits ausgegrabener Wohnblocks und Häuser inzwischen durch Drohnen auf. Wie muss man sich das vorstellen? Erst mal geht es darum, sich ein klares Bild davon zu verschaffen, was überhaupt passiert in über 13.000 Räumen, die seit 1748 ausgegraben wurden. Und dazu helfen uns heute Drohnenflüge, digitale Plattformen und Künstliche Intelligenz. Dann analysieren wir mit menschlicher Intelligenz und schauen, was wir machen können. Mindestens einmal im Jahr gehen wir mit einem Team verschiedener Experten systematisch durch die Stadt. Auf dieser Grundlage erarbeiten wir einen Plan für die Restaurierung und Instandhaltung, weil wir nur so Prioritäten definieren können. Erst in den letzten zwei, drei Jahren haben wir ein systematisches Monitoring-Projekt in Pompeji umgesetzt, davor gab es das nicht. Wir hatten eigentlich kein klares Bild von der Lage im Gelände. Es gibt Orte, die man ständig im Blick hat, die auch sehr viel besucht sind, aber es gibt viele Häuser, die nicht immer zugänglich sind oder überhaupt nicht und die man schlecht einsieht, daher auch die Drohnenflüge. Die Zeit ist eine Gegnerin, gegen die man nur verlieren kann. Es geht jetzt darum, den Verfall zu bremsen, aufzuhalten, aber es sind 2000 Jahre alte Gemäuer, und wir können nicht ganz Pompeji überdachen. Seit 250 Jahren wird Pompeji freigelegt, pro Tag kommen etwa 20.000 Besucher in den 66 Hektar großen Park, im Jahr sind es vier Millionen. Wer entscheidet denn, welche Prioritäten bei Erhaltung und neuen Ausgrabungen gesetzt werden? Wir sind ein echt tolles Team, das hilft unglaublich. Als Führungskraft ist es allerdings sehr einfach, in eine Spirale zu verfallen, in der Kritik nicht mehr ankommt. Es braucht dazu gar nicht irgendwelche mobbingartigen Verhaltensweisen; es genügen kleine subtile Zeichen, und die Leute sagen, wenn das so ist, dann halte ich lieber meinen Mund. Da muss man extrem aufpassen. Denn trotz allem lastet die Verantwortung letztlich auf dem Direktor. Und der muss sich eine gesunde Portion Selbstzweifel erhalten, um immer wieder auch das eigene Arbeiten zu überdenken? Ich würde sagen, Selbstzweifel mit Courage ist das Rezept.
