FAZ 04.06.2026
12:39 Uhr

Lessja Verlingieri: „Ein Outfit kann in Hollywood eine Karriere verändern“


Als wäre das Kleid aus Zuckerwatte: Für Deutschland sei ihre Mode zu viel gewesen, sagt Lessja Verlingieri. Hollywood hat auf ihre Marke Lever Couture aber nur gewartet.

Lessja Verlingieri: „Ein Outfit kann in Hollywood eine Karriere verändern“

Wie Los Angeles zu ihrem Sehnsuchtsort wurde, kann Lessja Verlingieri gar nicht mehr sagen. Instinktiv war der Modedesignerin immer klar, dass sie in der Stadt am Pazifik leben wollte. Ihr erster Besuch in Los Angeles, erinnert sie sich neun Jahre später, fühlte sich an wie nach Hause zu kommen. „Ich lief in West Hollywood durch die Straßen und hatte das Gefühl, die Stadt schon lange zu kennen“, sagt Verlingieri. Heute lebt die Gründerin des Labels Lever Couture ein paar Straßen nördlich der Melrose Avenue, bekannt für Cafés, Boutiquen und kreative Bewohner. Die Leichtigkeit, die Sonne, Palmen und blauer Himmel mit sich bringen, spiegelt sich in ihren Kleidern. Pink, Gelb und Feuerrot strahlt es von der Kleiderstange, die Stoffe sind bauschig, in Streifen genäht oder transparent. Das rosafarbene Design der Einundvierzigjährigen, das die K-Pop-Sängerin und „White Lotus“-Darstellerin Lalisa Manobal im vergangenen Jahr auf dem roten Teppich der Emmys trug, verglichen die Modejournalisten abwechselnd mit Zuckerwatte und Kaugummiblasen. „Mir macht es Spaß, mit Strukturen zu arbeiten und normalen, flachen Stoff ungewöhnlich zu interpretieren“, sagt Verlingieri. „Aus der Masse herausstechen, anders sein“ Für Ungewöhnliches, erklärt die Designerin bei Erdbeeren, Wasabi-Nüssen und Mineralwasser, gebe es keinen besseren Ort als die Filmstadt Los Angeles: „Schauspieler wollen auffallen. Sie müssen auf dem roten Teppich strahlen, damit die Medien über sie berichten.“ Bei den traditionellen Fittings vor Oscars, Golden Globes oder Emmys gilt es, ihre Kleider für die Stars interessant zu machen. Bei Hunderten Kleidern, oft von berühmten Labels wie Dior, Chanel oder Tom Ford, geht es um den coolsten, modernsten oder ausgefallensten Look. Ihre Strategie? „Aus der Masse herausstechen, anders sein“, sagt Verlingieri. „Ein Outfit kann in Hollywood eine Karriere verändern.“ So förderte das üppige, engelhaft weiße Kleid, in dem die mit Rihanna für den Filmtitel „Lift Me Up“ nominierte Sängerin Tems bei den Oscars 2023 auffiel, die Prominenz der Musikerin – das ist einige Plattenverträge und Grammys später nicht zu leugnen. Auch für Leah Lewis wurde ein Kleid von Verlingieri zum Türöffner. Bei den Oscars 2024 schaffte es die Darstellerin („Nancy Drew“) mit einer pinkfarbenen Kreation aus Rosshaar nicht nur auf die Liste der „Best Dressed“. Lewis' Transparentlook machte auch bei den Casting-Agenturen in Hollywood Eindruck. Neben Kathy Bates und Beau Bridges steht die Neunundzwanzigjährige inzwischen für die Serie „Matlock“ vor der Kamera. Die Mutter ist der größte Fan Für Deutschland, sagt Verlingieri, sei ihre Mode dagegen „zu viel“ gewesen. Vor dem Umzug nach Los Angeles hatte die gebürtige Ukrainerin, die in Lindau am Bodensee aufwuchs und ihren Abschluss an der Modeschule in Friedrichshafen machte, sieben Jahre lang in Berlin gearbeitet. In Kreuzberg eröffnete sie ihr erstes Atelier, kellnerte für Miete und Lebensunterhalt – und organisierte nach einigen Jahren ihre erste Schau. Finanziell war es mehr als eng. Immer wieder musste ihre Mutter einspringen. „Das Geld, das sie für meine Aussteuer gespart hatte, investierte sie in meine Mode. Sie hat mir vertraut. Meine Mama ist bis heute mein größter Fan.“ Die ersten Nähversuche lagen damals schon Jahre zurück. Ihre Großmutter, die in einem Dorf bei Odessa lebte, hatte Verlingieri früh mit Nadel, Faden und Nähmaschine vertraut gemacht. „Wer im Kommunismus schick sein wollte, musste kreativ werden und in der Lage sein, aus Nichts etwas Besonderes zu schaffen“, sagt die Designerin. Den Krieg in ihrer Heimat verfolgt sie mit großer Sorge. In den ersten Monaten nach dem russischen Überfall auf die Ukraine waren in fast jedem Vorgarten ihres Viertels Plakate mit Sympathiebekundungen zu sehen. Die meisten sind längst wieder verschwunden. „Der Krieg dauert einfach zu lange. Das Interesse vieler Amerikaner hat nachgelassen.“ Mit einer goldverzierten Ikone, die in der Küche ihres Hauses in West Hollywood steht, hält Verlingieri die Erinnerung an ihre Wurzeln und an das Lebensgefühl am Schwarzen Meer wach. Das ukrainische Do-it-yourself, sagt sie, habe sie in Lindau und Berlin mit Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Bodenständigkeit kombiniert. „In Los Angeles kam das Gefühl der Freiheit dazu.“ Die Liste der Kundinnen ist lang Hollywood scheint auf Verlingieris Extravaganz und Kreativität gewartet zu haben. Gwyneth Paltrow, Rita Ora, Megan Fox, Jennifer Lopez, Gwen Stefani, Christina Aguilera, Katy Perry und Gigi Hadid gehören zu den Celebritys, die Stylisten nach West Hollywood schicken oder die Designerin für eine private Schau zu sich bitten. Beyoncé hat mindestens drei Roben von Lever Couture im Ankleidezimmer. Nach ihrer ersten Fashion Week in Paris im vergangenen Sommer meldete sich Ariana Grande. Bei der Vorstellung des Musicalfilms „Wicked: For Good“ lief die Grammy-Gewinnerin immer wieder in Verlingieris halbtransparenten Designs über den roten Teppich. Auch Lauren Sánchez, früher Moderatorin, heute Ehefrau des Amazon-Gründers Jeff Bezos, ließ anrufen. Sánchez erinnerte sich vor den Oscars 2024 an die Lever-Couture-Kollektion bei der Tokyo Fashion Week. „Lauren hatte dort ein paar Jahre vorher ein Kleid aus Mesh von mir gesehen, das sie toll fand“, sagt Verlingieri. Mit dem tief ausgeschnittenen, taillierten Dress in Geranienrot, in dem sie nach der Preisverleihung bei der „Vanity Fair“-Party fotografiert wurde, schaffte Sánchez es in den Vereinigten Staaten in sämtliche bunte Blätter – dieses Mal wegen ihres eleganten Outfits, nicht wegen der gewohnten Verrisse für zu viel Haut und zu wenig Stil. „Heidi ist auch sehr mutig“, sagt Verlingieri und lächelt. Sie zieht eine silberglänzende Fransenrobe mit gewagt hohen Beinschlitzen von der Kleiderstange. Die Bergisch Gladbacherin mit Wohnsitz in Los Angeles zog in dem freizügigen Design bei einer Spendengala des Kunstmuseums am Wilshire Boulevard viele Blicke auf sich. Ihr Name schaffte es auf die Listen der Gäste mit den glamourösesten Outfits. Heidi Klum revanchierte sich mit einer Einladung zu „Germany's Next Top Model“. Bei der 20. Staffel der Castingshow saß Verlingieri als Gastjurorin neben Klum, während die Nachwuchsmodels versuchten, auf dem Runway nicht über die voluminösen Röcke und bänderartigen Schleppen ihrer Roben zu stolpern. Mit Lady Gaga verbindet Verlingieri eine Beziehung, die bis zu ihren Anfängen in Kreuzberg zurückreicht. „Ein paar Stunden nach meiner ersten Schau 2011 rief mich Nicola Formichetti an, ihr Stylist“, erinnert sie sich. Im Auftrag der Sängerin bestellte Formichetti einige Kleider und gab den Namen der Designerin aus Berlin in Hollywood weiter. Als Verlingieri einige Jahre später nach Los Angeles zog, rief er wieder an. „Nicola erzählte von einer Schau in den wunderschönen Räumen der Modeberaterin und Kostümbildnerin Irene Albright und lud mich ein, meine Kleider bei ihr in Beverly Hills zu zeigen.“ Sie zögerte. „Ich hatte kein Geld für Models oder Stylisten, alles war knapp.“ Wegen Formichettis Antwort muss sie heute noch die Tränen zurückhalten. „Es geht nicht ums Geld“, sagte er. Das Styling übernahm Formichetti selbst, auf ein Honorar verzichtete er. Albright war beeindruckt. „Irene hat mir sofort unter die Arme gegriffen. Sie öffnete mir viele Türen in Hollywood“, sagt Verlingieri. Drei bis vier Tage bis zur Deadline Ihr Talent, schnell, zuverlässig und originell zu arbeiten, machte sie auch vor den Dreharbeiten zu Lady Gagas Musikvideo für „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise zu Formichettis erster Wahl. Die Aufgabe: ein Kleid für Lady Gaga und ihren oscarnominierten Titel „Hold My Hand“ zu entwerfen, das mit den Kampfjets und Landungen in der Wüste zu tun hat. Die Deadline: drei bis vier Tage bis zum Shooting auf einer Asphaltbahn in der Mojave-Wüste bei Los Angeles. „Es musste eine schnelle Nummer werden“, erinnert sich die Designerin und erzählt von der spontanen Idee zu einem Kleid aus Seide in sandig weißem Farbton und mit Fallschirmnähten. Die nervenaufreibenden Tage zwischen Formichettis Anruf und Lady Gagas Shooting hat Verlingieri mit dem Handy festgehalten. Die Bilder zeigen eine Freundin, das kasachische Model Alyona Subbotina, vor Palmen ihres Gartens – umhüllt von unendlichen Metern Seide, mit Schleppe und tiefem Dekolleté. „Wir hatten nicht mal Zeit für ein Fitting mit Lady Gaga. Deswegen musste Alyona herhalten. Sie hat dieselben Maße.“ Das Kleid kam an. Die Szene, in der Lady Gaga, in wehende Stoffbahnen gehüllt, auf einem Flügel in der Wüste singt, während die Kampfjets über sie hinwegdonnern, gehört zu den imposantesten des Videos. Die Verbindung von Entertainment und Fashion reizt Verlingieri besonders. Tom Ford gehört zu ihren Vorbildern. Wie auch Karl Lagerfeld. „Er konnte zwar nicht nähen, hatte aber eine lange Karriere, in der er immer gut war.“ Auch seinen Geschäftssinn bewundert die Modemacherin, die zugibt, kein Talent fürs Business zu haben. Auf Investoren möchte sie bei Lever Couture aber verzichten. „Ich bin selbständig und schätze meine Freiheit“, sagt Lessja Verlingieri. Einen passenderen Ort als Los Angeles gibt es für sie nicht. „Ich fühle mich angekommen, als Mensch und mit meiner Kreativität. Mehr ist hier mehr. Genau wie meine Kleider.“