FAZ 12.05.2026
18:00 Uhr

Liveblog Ukrainekrieg: Pistorius: Russland hat eine Phase der Schwäche


Verteidigungsminister sieht „riesige Fortschritte“ für Ukraine +++ Tomahawk-Ersatz: Ukraine bietet Lieferung weitreichender Drohnen und Raketen an +++ Deutschland finanziert Militärausbildung in der Ukraine +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Liveblog Ukrainekrieg: Pistorius: Russland hat eine Phase der Schwäche

Selenskyjs früherer Vertrauter Jermak weist Geldwäschevorwürfe zurückDer frühere ukrainische Präsidialamtschef Andrij Jermak hat gegen ihn erhobene Vorwürfe der Geldwäsche zurückgewiesen. Der Verdacht sei „unbegründet\", schrieb Jermak nach einer Anhörung vor Gericht am Dienstag im Onlinedienst Telegram. Als Jurist habe er sich „stets vom Gesetz leiten lassen\", erklärte er. „Und jetzt werde ich in gleicher Weise meine Rechte, meinen Namen und meinen Ruf verteidigen\", fügte Jermak hinzu. Das Nationale Antikorruptionsbüro (Nabu) hatte am Montag mitgeteilt, es habe eine „organisierte Gruppe\" enttarnt, die umgerechnet 8,9 Millionen Euro „über ein Luxusbauprojekt in der Nähe von Kiew gewaschen\" habe. Bei einem der Verdächtigen handele es sich um einen „ehemaligen Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine\". Jermak war von 2020 bis 2025 als Leiter des Präsidialamts der wichtigste Berater von Staatschef Wolodymyr Selenskyj. Jermak war Ende November zurückgetreten, nachdem das Antikorruptionsbüro einen massiven Korruptionsskandal im Energiesektor aufgedeckt hatte, in den mehrere Politiker verwickelt waren. Korruption ist seit langer Zeit ein Problem in der Ukraine. Ihre Bekämpfung wird als wichtige Voraussetzung für einen Beitritt des Landes zur Europäischen Union angesehen.

Mindestens zwei Tote nach russischem Angriff in Krywyj RihBei russischen Angriffen auf die Ukraine sind in der Großstadt Krywyj Rih mindestens zwei Menschen getötet worden. Vier weitere Menschen seien bei der Attacke am Abend verletzt worden, darunter ein neun Monate altes Mädchen, das in kritischem Zustand im Krankenhaus behandelt werde, schrieb der Regionalgouverneur Olexander Hanscha auf der Plattform Telegram. Bei den Getöteten handele es sich um eine 65-jährige Frau und einen 43-jährigen Mann. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte den Angriff „auf ein gewöhnliches Wohnhaus“ als zynisch und militärisch sinnlos. Nach Ende der dreitägigen Waffenruhe am Montag töte Russland nun wieder Ukrainer und Ukrainerinnen. „Der Druck auf Russland darf deshalb in keiner Weise nachlassen“, schrieb Selenskyj auf der Plattform X. Nur entschlossener gemeinsamer Druck und die Stärkung der Ukraine, einschließlich der Ausweitung der Luftabwehr, „können den Aggressor dazu zwingen, diplomatisch auf einen verlässlichen Frieden und ein Ende der Morde hinzuarbeiten“.Krywyj Rih ist Selenskyjs Heimatstadt und wurde bereits mehrfach Ziel russischer Angriffe.

USA wollen Hilfszahlungen an die Ukraine über Eucom abwickeln Hilfen im Wert von 400 Millionen US-Dollar (knapp 340 Mio Euro) sollen nach den Worten von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth wie geplant der Ukraine zur Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg zufließen. Einen konkreten Zeitplan legte er allerdings nicht vor. Das Pentagon wolle mit dem für Europa zuständigen Regionalkommando (Eucom) zusammenarbeiten, um die Mittel „entsprechend und ordnungsgemäß auszugeben“, sagte der Republikaner vor einem Senatsausschuss.Senator Chris Coons zufolge hat das Pentagon bislang kein Geld aus diesem Paket für Waffen für die Ukraine ausgegeben. Auf die Nachfrage des Demokraten nach einem konkreten Ausgabenplan wich Hegseth aus. „Es ist Mai, und dies ist seit Januar geltendes Recht. Sie oder Ihre Abgeordneten wurden von Mitgliedern dieses Ausschusses wiederholt und parteiübergreifend dazu aufgefordert“, kritisierte Coons. US-Präsident Donald Trump hatte für die Haushaltsjahre 2026 und 2027 jeweils Ukraine-Hilfen in Höhe von 400 Millionen Dollar unterschrieben. 

Griechenland: Drohne im Ionischen Meer ist ukrainischEine in der vergangenen Woche in griechischen Gewässern gefundene See-Drohne stammt nach Erkenntnissen der Regierung in Athen aus der Ukraine. Die Drohne sei „mit Sicherheit“ ukrainischer Herkunft und habe eine Gefahr für die freie Schifffahrt dargestellt, sagte der griechische Verteidigungsminister Nikos Dendias am Dienstag bei einem EU-Ministertreffen in Brüssel. Er nannte die Angelegenheit „äußerst ernst“.Laut griechischen Medien hatte ein Fischer die Drohne am vergangenen Donnerstag in einer Grotte im Südwesten der Insel Lefkada im Ionischen Meer gefunden. Ihr Motor sei noch gelaufen, berichtete der Sender ERT. Nach Angaben aus griechischen Militärkreisen war die Drohne mit Sprengstoff beladen. Nach Angaben der Behörden ähnelt sie den See-Drohnen vom Typ Magura, die von der Ukraine gegen russische Schiffe vor der Krim-Halbinsel im Schwarzen Meer eingesetzt werden.

Ukraine arbeitet mit Palantir zusammenDie Ukraine setzt bei dem Wettrüsten in der Nutzung ​Künstlicher Intelligenz auf dem Schlachtfeld auf Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Konzern Palantir. ⁠Die Zusammenarbeit mit dem Datenanalyse-Spezialisten solle ausgebaut werden, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj nach einem Treffen mit Palantir-Chef Alex Karp am Dienstag mit. „Palantir ist ein renommiertes ‌globales Unternehmen mit großem Potential“, schrieb er auf der Online-Plattform X. Es gebe sicherlich Bereiche, in denen man sich gegenseitig nützlich sein ‌und die Verteidigung der ‌Ukraine, der Vereinigten Staaten und der Partner stärken könne.Die Regierung in Kiew hat mit Palantir das Projekt „Brave1 Dataroom“ ins Leben gerufen. Dabei soll auf Grundlage ​von Kampfdaten, die seit der russischen ⁠Invasion im Jahr 2022 gesammelt wurden, eine KI zur Abwehr von Drohnen entwickelt werden. Verteidigungsminister Mychajlo ​Fedorow erklärte nach seinem Treffen mit Karp auf dem Kurznachrichtendienst Telegram, Technologie, Datenanalyse und ⁠Berechnungen der Kriegsführung hätten ‌direkte Auswirkungen auf das Geschehen auf dem Schlachtfeld. Nach seinen Angaben trainieren bereits über 100 Unternehmen mit mehr als 80 Modellen zur Erkennung ⁠und zum Abfangen von ⁠Luftzielen.In Zusammenarbeit mit Palantir habe die Ukraine ein System zur detaillierten Analyse ⁠von Luftangriffen ​entwickelt, ⁠hieß es weiter. Zudem seien KI-Lösungen ​für die Verarbeitung großer Mengen an Geheimdienstdaten implementiert ‌und die Technologien in die Planung ukrainischer Angriffe tief im feindlichen Hinterland integriert ​worden. 

Deutschland finanziert Militärausbildung in der UkraineDeutschland beteiligt sich mit mehr als zehn Millionen Euro an einer EU-Initiative zum Aufbau militärischer Ausbildungszentren in der Ukraine. Mit dem Beitrag finanziert die Bundesrepublik die Infrastruktur für eine komplette Ausbildungseinrichtung, wie Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Rande eines Besuchs in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sagte.Diese Ausbildungseinrichtungen in der Ukraine sollen nach seinen Worten dafür sorgen, dass die Einsatzfähigkeit der ukrainischen Armee hoch bleibt - auch nach einem möglichen Friedensschluss mit Russland, das vor gut vier Jahren in das Nachbarland einmarschiert war. Pistorius sagte weiter, dies sei eine von mehreren Maßnahmen zu künftigen Abschreckung. Bislang seien fast 27.000 ukrainische Soldaten in Deutschland ausgebildet worden.

Ukraine bietet Lieferung weitreichender Drohnen und Raketen anDie Ukraine bietet laut ‌einem Medienbericht der deutschen Regierung die Lieferung weitreichender Drohnen und Raketen als Ersatz ‌für amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper ‌an. „Wir sind in der Lage, die Fähigkeiten der NATO, Präzisionsschläge in der Tiefe durchzuführen, ​zu stärken und ⁠ab einem bestimmten Zeitpunkt auch die Fähigkeitslücken der Allianz zu ​schließen“, sagte Alonya Getmanchuk, Botschafterin der ⁠NATO-Mission der Ukraine in ‌Brüssel, der Zeitung „Welt“. Dazu gehörten auch jene Fähigkeiten für ⁠Präzisionsschläge, die man ⁠von den Amerikanern erwartet hatte. „Wenn NATO-Länder ⁠wie Deutschland ​in ⁠Zukunft danach fragen, könnten ​wir durchaus auch unsere Erfahrungen ‌und effektive Waffen anbieten: weitreichende Drohnen und ​Raketen“, sagte Getmanchuk ​dem Bericht zufolge.Am Montag war Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in die Ukraine gereist und hatte dort schon über Rüstungskooperationen gesprochen.  „Im Fokus steht die gemeinsame Entwicklung modernster unbemannter Systeme in allen Reichweiten, gerade auch im Bereich Deep Strike. So stärken wir die Sicherheit unserer Länder\", hatte Pistorius bei seiner Ankunft in Kiew gesagt. 

Luftangriff auf Kiew nach Auslaufen von WaffenruheRussland hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge in der Nacht mehr als 200 ‌Drohnen auf sein Land abgefeuert. „Russland selbst hat beschlossen, das mehrere Tage andauernde teilweise Schweigen zu beenden“, erklärt er auf der ‌Online-Plattform X. An frühen Dienstagmorgen hatten die Behörden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew einen russischen Luftangriff gemeldet. „Derzeit befinden sich feindliche Drohnen über Kiew“, schrieb der Leiter der Militärverwaltung von Kiew, Tymur Tkatschenko, im Onlinedienst Telegram. Er rief die Bewohner auf, bis auf Weiteres Schutz zu suchen. Es war der erste Luftalarm in Kiew seit Freitag. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte am Freitag eine dreitägige Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine verkündet, die am Samstag in Kraft trat. Kiew und Moskau warfen sich gegenseitig eine Verletzung der Feuerpause vor. 

Russland senkt Prognose für Wirtschaftswachstum von 1,3 auf 0,4 ProzentRussland hat seine ​Prognosen für das Wirtschaftswachstum. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde 2026 voraussichtlich nur noch um 0,4 ‌Prozent wachsen, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak der Zeitung „Wedomosti“. Zuvor war die ‌Regierung in ‌Moskau von einem Plus von 1,3 Prozent ausgegangen. Auch für 2027 nahm Nowak ​die Erwartungen zurück: Die ⁠Wirtschaft werde dann voraussichtlich noch um 1,4 Prozent zulegen, ​nach zuvor prognostizierten 2,8 Prozent. Für 2029 ⁠rechne die Regierung ‌mit einem Wachstum von 2,4 Prozent. Die der Haushaltsplanung zugrunde liegende ⁠Prognose für den Ölpreis ⁠bleibe für 2026 unverändert bei ⁠59 Dollar ​pro Barrel. ⁠Für die Jahre ​2027 bis 2029 sei ‌sie auf 50 Dollar gesenkt worden.

Ukrainische Behörden: Korruptionsermittlungen gegen Selenskyjs früheren StabschefDie ukrainischen Behörden haben den früheren ​Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Andrij Jermak, am Montag ⁠im Zusammenhang mit einer Korruptionsuntersuchung als Verdächtigen eingestuft. Jermak werde verdächtigt, Teil einer kriminellen Vereinigung zu sein, teilten ‌die ukrainischen Anti-Korruptionsbehörden mit. Diese soll rund 10,5 Millionen Dollar durch ein Luxus-Wohnprojekt außerhalb der Hauptstadt Kiew gewaschen haben. ‌Die Behörden ‌nannten Jermak in Übereinstimmung mit dem ukrainischen Recht nicht namentlich, er wurde jedoch von lokalen Medien identifiziert. Gegenüber dem ​ukrainischen Sender Radio Liberty bestritt ⁠Jermak, Immobilien in dem Projekt zu besitzen, äußerte sich jedoch nicht weiter. ​Ein Sprecher Selenskyjs erklärte, es sei zu früh für ⁠eine Stellungnahme.Jermak galt ‌lange als die zweitmächtigste Person in der Ukraine nach Selenskyj und als dessen rechte Hand. Der ⁠frühere Filmproduzent war zudem ⁠der führende Unterhändler Kiews bei den von den Vereinigten Staaten ⁠unterstützten ​Friedensgesprächen ⁠mit Russland. Er trat im vergangenen ​Jahr im Zusammenhang mit einer weitreichenden Untersuchung ‌von Korruption auf hoher Ebene zurück.

Neue EU-Sanktionen sollen russische Rüstungsindustrie treffenDie Europäische ​Union nimmt mit einem 21. Sanktionspaket, über das die Mitgliedstaaten derzeit beraten, die russische Rüstungsindustrie ins Visier. Das teilt die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bei Beratungen der ⁠Außenminister in Brüssel mit. Zudem könnten die Mitgliedstaaten Vorschläge zum Vorgehen gegen die sogenannte Schattenflotte einbringen, fügt sie hinzu. Im vergangenen Monat hat die EU das 20. Sanktionspaket gegen Russland sowie einen Kredit für die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro gebilligt.

Selenskyj kündigt mehr Rüstungsprojekte mit Deutschland anDer ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj setzt auf weitere Gemeinschaftsprojekte mit Deutschland bei der Rüstungsproduktion. Derzeit gebe es sechs Projekte, „aber das ist nur der Anfang“, sagte Selenskyj in Kiew bei einem Treffen mit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).Er dankte Deutschland auch für weitere Hilfe bei der Luftverteidigung der Ukraine gegen russische Angriffe, sagte aber, er wolle dazu keine Details nennen. „Lasst das für die Russen eine Überraschung sein“, so Selenskyj. Was sich Pistorius von einer ausgeweiteten Kooperation erhofft, lesen Sie in unserem aktuellen Bericht aus Kiew.

Bundesregierung: Russland beauftragt Kriminelle mit MordenDass die russische Regierung mit der Organisierten Kriminalität zusammenarbeitet, ist keine neue Erkenntnis. Die Bundesregierung aber weist jetzt noch einmal sehr deutlich darauf hin, dass die russischen Geheimdienste zunehmend Aufträge an kriminelle Strukturen auslagerten – und dass es dabei auch um Mordaufträge gehe: „Eine Zusammenarbeit russischer Stellen mit Akteuren der Organisierten Kriminalität (OK) bietet sich dabei insbesondere bei disruptiven Aktivitäten wie Sabotage- oder Tötungsoperationen an“, schreibt das Bundesinnenministerium in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen, die der F.A.Z. vorliegt. Zuerst hatte der „Spiegel“ darüber berichtet. Die Russisch-Eurasische Organisierte Kriminalität – zu der Netzwerke in Ländern der ehemaligen Sowjetunion gezählt werden – verfüge über enge und mannigfaltige Kontakte in die russische Regierung. Ihre Aktivitäten würden durch die russischen Behörden toleriert, im Gegenzug seien die kriminellen Organisationen gezwungen, im Bedarfsfall mit diesen zu kooperieren, schreibt das Innenministerium. „Es gibt Hinweise auf entsprechende Verbindungen auch in Deutschland.“ Ein Vorteil der Zusammenarbeit mit Kriminellen liegt laut Bundesregierung in der „plausiblen Abstreitbarkeit einer russischen Urheberschaft“: Anders als bei „hauptamtlichen“ Geheimdienst-Mitarbeitern kann der Kreml die Verantwortung für eine Aktion viel einfacher abstreiten, selbst wenn die Täter gefasst oder ermittelt werden. Zudem verfügten Kriminelle über „nutzbare Fähigkeiten“ für Sabotage- und Tötungsoperationen. 

Kriegsende? Bundesregierung sieht „keinen substanziellen Fortschritt“Die Bundesregierung hält die jüngsten Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht ⁠für glaubwürdig. Es gebe „keinen substanziellen Fortschritt“, sagt Regierungssprecher Stefan Kornelius in Berlin. Putin hatte am Wochenende angedeutet, dass sich der Krieg seinem Ende nähern könnte. Zugleich schlug Putin Altkanzler Gerhard Schröder als Vermittler vor. Kornelius will sich zu der Personalie konkret ‌nicht äußern. Putin wisse, wer in Europa seine Ansprechpartner seien, sagt er lediglich. Europa stehe bereit, an Verhandlungen teilzunehmen. Dazu müsse Putin aber seine wirkliche Bereitschaft deutlich machen, etwa mit einer sofortigen Waffenruhe.