FAZ 05.06.2026
11:40 Uhr

Liverpools neuer Trainer: Mit Iraola zurück zu Klopps „Heavy-Metal-Fußball“


Vom neuen Trainer Andoni Iraola erhofft sich der FC Liverpool wieder mehr Lust am Angriff. Doch Kritiker halten seine Verpflichtung bei den hochgesteckten Zielen des Klubs für übereilt.

Liverpools neuer Trainer: Mit Iraola zurück zu Klopps „Heavy-Metal-Fußball“

Sie haben ihren Wunschkandidaten bekommen: Der FC Liverpool hat Andoni Iraola als neuen Trainer verpflichtet. Der 43 Jahre alte Baske folgt in Anfield auf Arne Slot, der nach einem enttäuschenden Jahr entlassen wurde, obwohl er in der vorangegangenen Saison – seiner ersten im Amt – auf Anhieb die englische Meisterschaft gewonnen hatte. Doch dass Liverpool Interesse an Iraola haben würde, konnte man schon in dem Moment ahnen, als er im April bekannt gab, den AFC Bournemouth im Sommer zu verlassen. Erstens, weil seine offensiv-emotionale Art des Fußballspielens perfekt zu Liverpool passt. Zweitens, weil es Liverpools Sportdirektor Richard Hughes war, der Iraola vor drei Jahren nach Bournemouth geholt hatte. Iraola unterschreibt einen Vertrag über zwei Jahre und will Berichten zufolge seine Assistenten Tommy Elphick und Shaun Cooper mit nach Liverpool bringen. Viel Überzeugungsarbeit brauchte er nicht, denn „Liverpool ist Liverpool“, wie er bei seiner Vorstellung am Donnerstag sagte. Sein Auftrag ist klar: Der Klub soll nach Platz fünf in der gerade beendeten Saison wieder um den Premier-League-Titel mitspielen. In der Champions League war dieses Jahr schon im Viertelfinale Schluss, auch das soll nach dem Willen der amerikanischen Eigentümergesellschaft Fenway Sports Group wieder besser werden. Das bedeutet eine steile Lernkurve für Iraola, dessen bislang einziger Titel als Trainer der Gewinn des zyprischen Superpokals mit dem AEK Larnaka ist. Iraolas Stil dürfte bei den Fans gut ankommen Vor diesem Hintergrund argumentieren Kritiker, der Wechsel zu einem europäischen Spitzenverein komme für ihn zu früh. Das aber ändert nichts an dem exzellenten Ruf, den sich Iraola in England erarbeitet hat. Den vergleichsweise kleinen AFC Bournemouth führte er in ungeahnte Höhen: In seiner ersten Saison wurde der Klub Zwölfter, im zweiten Jahr Neunter – und jetzt haben sie sich als Tabellensechster zum ersten Mal in ihrer Vereinshistorie für die Europa League qualifiziert. Die Saison in England beendeten sie mit einer Serie von 18 Spielen nacheinander ohne Niederlage. Das kann sich sehen lassen. Seinen vorherigen Verein Rayo Vallecano hatte Iraola 2021 von der zweiten in die erste spanische Liga geführt. Den Verantwortlichen in Liverpool dürfte darüber hinaus Iraolas Stil imponiert haben. Unter seiner Leitung war Bournemouth aus Prinzip angriffslustig – und das weitgehend unabhängig vom Gegner: aggressives Pressing, schnelles Umschalten, immer auf der Suche nach dem nächsten Torschuss. Es ist eine Art Gegenentwurf zu dem bis ins Detail durchkuratierten Ballbesitzfußball anderer Topklubs. Ein Entwurf, der stark an den „Heavy-Metal-Fußball“ erinnert, den Jürgen Klopp zwischen 2015 und 2024 in Liverpool kultiviert hatte. Bei den Fans dürfte das schon deshalb besser ankommen als die zuletzt mitunter blutleeren Darbietungen unter Arne Slot. „Kein Experte für Transfers“ Der Kader ist heute eine Mischung aus Spielern, die noch für genau diese intensive Art des Fußballs geholt worden sind, und solchen, die im Sommer 2025 für die Umsetzung von Slots Ideen verpflichtet wurden. Wie zum Beispiel der deutsche Nationalspieler Florian Wirtz mit den körperlichen Strapazen zurechtkommt, die Iraola jedem Einzelnen, besonders aber den Mittelfeldspielern, abfordert, muss sich zeigen. In seinem ersten Jahr in England bewies Wirtz zwar gelegentlich seine Klasse, blieb insgesamt aber hinter den Erwartungen zurück, die mit seiner hohen Ablösesumme verknüpft waren. Allerdings ist Iraola auch als ein Trainer bekannt, der aktiv am Trainingsbetrieb teilnimmt, um Spieler zu entwickeln. Ein prominentes Beispiel ist Antoine Semenyo, der in Bournemouth zum Star reifte und im Januar zu Manchester City gewechselt ist. Voraussichtlich wird Liverpool auch in diesem Sommer wieder in den Kader investieren. Allerdings ist der Transfermarkt ein Feld, das Iraola – anders als andere Trainer – weitgehend den sportlich Verantwortlichen überlässt. Er helfe ihnen zwar, indem er seine Meinung zu einzelnen Spielern und dem Bedarf auf verschiedenen Positionen äußere, sagte er dem Portal „The Athletic“ vor einem Jahr. „Aber ich bin kein Experte für Transfers. 95 Prozent der Arbeit werden von Menschen erledigt, die sich in diesem Bereich besser auskennen als ich.“ Es dürfte einer der Gründe sein, weshalb Richard Hughes ihn nun schon zum zweiten Mal unter Vertrag nimmt. Doch ganz ohne Risiko ist das Projekt nicht. In Bournemouth profitierte Iraola von der Außenseiterrolle des Vereins. Die Erwartungen von Fans und Umfeld waren moderat, das öffentliche Interesse war mäßig. Das ändert sich in Liverpool schlagartig. Eine kurze Eingewöhnungszeit wird man ihm dort zugestehen, aber dann muss er Resultate liefern, und das unter ständiger Beobachtung der Medien. Es ist ein Schritt, an dem nicht wenige scheitern: Thomas Frank leistete beim FC Brentford jahrelang Großes, bei Tottenham Hotspur hielt er sich in dieser Saison nur etwas mehr als sieben Monate. Er könne nichts versprechen, sagte Iraola, aber er wisse, was von ihm erwartet werde. „Ich bin bereit für die Herausforderung.“