FAZ 19.08.2026
05:39 Uhr

Looksmaxxing: Wie der Schönheitswahn bei jungen Männern zum Geschäftsmodell wird


Hammerschläge für die Kieferpartie und Oberlidstraffung: Der Trend Looksmaxxing treibt junge Männer in den Körperkult – und ist längst ein Milliardengeschäft.

Looksmaxxing: Wie der Schönheitswahn bei jungen Männern zum Geschäftsmodell wird

Braden Eric Peters soll sich schon mit 14 Jahren das erste Mal Testosteron gespritzt haben. Mit dem männlichen Sexualhormon wollte Peters sein Aussehen verbessern. Für dieses Ziel hat er sich, wie er immer wieder öffentlich erzählt, sein Gesicht mit Hammerschlägen geformt, Methamphetamin zum Abnehmen und Steroide für die Muskeln eingenommen. Das Schönheitsbild, das Menschen wie Peters bevorzugen, lässt sich mit einem Wort beschreiben: männlich. Und unter Männlichkeit verstehen sie: breite Schultern, eine ausgeprägte Kieferpartie, symmetrische Knochenstruktur. Looksmaxxing: Junge Männer versuchen Aussehen zu optimieren Braden Eric Peters ist in den sozialen Medien als „Clavicular“ bekannt. Er steht für eine Bewegung, die es seit mehr als einem Jahrzehnt gibt, die aber vor allem in den vergangenen Jahren an Bekanntheit gewonnen hat: „Looksmaxxing“. Der englische Begriff bezeichnet den Versuch, das eigene Aussehen so weit wie möglich zu optimieren. Die meist männlichen Anhänger senden Fotos von sich in Internetforen und lassen sich auf einer Skala von eins bis zehn bewerten. In der Regel fällt der Wert gering aus, kaum ein Mensch erreicht die Höchstzahl. Wer es doch schafft, gilt als „Chad“, als eine Art Alphamann. Um näher an dieses vermeintliche Ideal zu kommen, werden die unterschiedlichsten Methoden angewendet. Die Anhänger unterscheiden zwischen „Softmaxxing“ und „Hardmaxxing“. Zum Softmaxxing zählen etwa mehr Sport, gute Körperhygiene oder ein neuer Haarschnitt. Zum Hardmaxxing gehören Steroide, Extremdiäten oder Schönheitsoperationen. Und manch einer soll sich tatsächlich mit dem Hammer ins Gesicht schlagen – für eine ausgeprägtere Kieferpartie. Influencer verdient rund 100.000 Euro im Monat Ziel ist es, besser auszusehen, denn davon, so die Überzeugung, hänge ein gutes und erfolgreiches Leben ab. Und Erfolg bei Frauen. Weil die Männer glauben, dass Frauen Geld und Aussehen über alles stellen würden, versuchen sie, ihren „sexuellen Marktwert“ zu erhöhen – ein Begriff, der Beziehungen zwischen Männern und Frauen zum Geschäft macht. Influencer wie Braden Eric Peters machen selbst Geld mit Looksmaxxing. Der 20-Jährige tritt täglich in den sozialen Medien auf, verkauft Fanartikel und Coaching-Sessions. Schätzungen zufolge verdient er damit rund 100.000 Dollar im Monat. Auch die Entwickler einschlägiger Apps sind gut im Geschäft. Dort analysiert eine Künstliche Intelligenz (KI) die Kieferlinie, Symmetrie und Augenform. Manche stellen einen KI-Coach zur Seite, der Tipps für ein optimiertes Aussehen gibt. Häufig muss dafür eine monatliche Gebühr gezahlt werden. Dabei ist der Wunsch, gut auszusehen, keineswegs neu: Jahrzehntelang waren es vor allem Frauen, die unter dem Druck standen, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen: mal sehr dünn, mal sehr kurvig, am besten immer makellos. Nun holt der Mann beim Schönheitswahn auf. Der weltweite Markt für Männerkosmetik wird auf rund 65 Milliarden Dollar geschätzt, bis 2034 sollen es 90 Milliarden Dollar sein. Looksmaxxing entwickelte sich aus der Manosphere Auch unter dem Messer landen immer mehr Männer: Laut der Internationalen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie stieg die Zahl chirurgischer Eingriffe bei Männern zwischen 2018 und 2024 um 95 Prozent. Nichtinvasive Behandlungen wie Botox nahmen sogar um 116 Prozent zu. Manche dieser Entwicklungen lassen sich noch mit einem Augenzwinkern betrachten oder vielleicht sogar positiv sehen. Schließlich haben auch Männer das Recht, nicht belächelt zu werden, wenn sie sich für ihr Äußeres interessieren. Nur: Looksmaxxing entwickelte sich aus der sogenannten Manosphere – einem Sammelbegriff für Onlinegemeinschaften, in denen Nutzer antifeministische und frauenfeindliche Ansichten verbreiten. Frauen werden zum Objekt gemacht, Männer als das stärkere Geschlecht inszeniert, häufig werden auch rassistische Positionen vertreten. Looksmaxxing ist für viele nur der Einstieg in eine problematische Weltanschauung. Wie verbreitet traditionelle Rollenbilder unter Männern sind, zeigt eine internationale Studie. Hier stimmt jeder Fünfte der Aussage zu, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen solle. In Deutschland sind es nur neun Prozent, immerhin 18 Prozent haben dazu aber keine klare Meinung. In Indonesien hingegen stimmen 66 Prozent zu, in den USA 23 Prozent. Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen den Generationen: Unter Männern der Generation Z (zwischen 1995 und 2010 geboren) liegt der Anteil bei 31 Prozent; deutlich höher als insgesamt. Dabei bleibt das Idealbild, dem sie nachjagen, unerreichbar. In Großbritannien bewerteten Männer ihr eigenes Aussehen durchschnittlich mit 5,9 von 10 Punkten – ähnliche Werte dürften auch für Deutschland gelten. Männer fühlen sich häufig zu klein und zu dick. Frauen sind andere Qualitäten wichtig Der Druck hinterlässt Spuren: Mehr als ein Fünftel der Männer erfüllt laut einer Studie der University of Toronto die Kriterien für eine wahrscheinliche Essstörung. In Deutschland verzeichneten auch Krankenkassen wie die KKH bereits einen Anstieg bei Essstörungen von Männern. Dabei scheinen die Anhänger eines zu vergessen: Wer mit solcher Radikalität Frauen anziehen möchte, wird kaum Erfolg haben. Umfragen zufolge ist Aussehen gar nicht das, was bei der Partnersuche zählt, sondern Selbstvertrauen, Humor und Intelligenz. Auch an diesen Dingen lässt sich arbeiten. Und das sogar ohne Hammer.