FAZ 22.05.2026
16:42 Uhr

Magdeburgs Kristjansson: „Handball ist nicht die NBA“


Gísli Kristjánsson verkörpert den Anspruch der besten Klubmannschaft der Welt – dabei galt er einst als zu fragil für den Sport. Auch deshalb ist der SC Magdeburg wieder Deutscher Handballmeister.

Magdeburgs Kristjansson: „Handball ist nicht die NBA“

Als die meisten Kollegen mit nacktem Oberkörper und Handtuch um die Hüften Richtung Sauna gehen, sprintet Gísli Kristjánsson noch ein paarmal längs durch die Halle. Es gebe ihm ein gutes Gefühl, sich ganz am Schluss auszupowern, sagt der 26 Jahre alte Isländer. Wirkt er auf dem Spielfeld klein und filigran, ist er aus der Nähe eben doch 191 Zentimeter lang und 95 Kilogramm schwer. Ein Schmalhans könnte sein Pensum kaum stemmen. Im Training hat er sich zwei Tage vor dem Spiel gegen Flensburg so in die Abwehrreihen gestürzt, wie man ihn aus den großen Arenen kennt; das Niveau in den Übungsstunden ist eines der Magdeburger Erfolgsgeheimnisse. Hier wird trainiert, als sei man im wichtigsten Match – weil Trainer Bennet Wiegert es so will. Wiegert lebt das Arbeitsethos vor Wer jetzt denkt, es müsse doch nerven, wenn der Coach mit seiner Erfolgsversessenheit nie nachlässt, immer alles fordert, der erwischt einen verblüfft dreinschauenden Kristjánsson: „Wie er vorangeht, hilft uns eher, als dass es anstrengend ist. Das pusht uns. Es erinnert uns an unsere Ziele: Wir wollen alles gewinnen.“ Wenn den SCM unter Wiegert etwas von der Konkurrenz unterscheidet, ist es dieses innere Feuer. Da lebt einer ein großes Arbeitsethos vor – eben dieser Wiegert, der in kurzen Hosen und mit verstrubbeltem Haar in der dritten Reihe steht und anweist, während Assistent Yves Grafenhorst aufzeichnet. Vor Jahren schon hat Wiegert gesagt, dass eine Mannschaft einem Trainer dann folge, wenn sie merke, dass sich die tägliche Arbeit auszahle. Mit Sinn für Understatement könnte man nach sieben relevanten Titeln seit 2021 sagen: Das hat ganz gut geklappt! „Handball ist nicht die NBA“ So trefflich, dass dieser SCM den anderen weit enteilt ist: Die Meisterschaft kann schon drei Spieltage vor Schluss nach dem 31:30 am Donnerstagabend gegen die SG Flensburg-Handewitt gefeiert werden. Zum dritten Mal ist Magdeburg mit „Benno“ Wiegert deutscher Champion; Mitte Juni könnte in der Champions League noch einmal gejubelt werden. Seine Spieler haben das „nie Nachlassen“ verinnerlicht. Gísli Kristjánsson sagt: „Handball ist nicht die NBA, wo man die ganze Saison nur auf die Play-offs wartet. Die zwei Punkte vom Anfang der Saison zählen bei uns genauso viel wie jetzt. Es ist ein Marathon.“ Er lebt seinen Traum auf zwei Ebenen; seiner persönlichen und übergeordnet, als Spielmacher, als Kopf dieses Teams. Ihn koppelt eine besondere Bindung an Wiegert und den Klub: „Im ersten Spiel für Magdeburg gegen Flensburg luxiert im Januar 2020 meine linke Schulter. Trotzdem, trotz der Verletzungen vorher, wollen sie mit mir verlängern. Benno hat mir vertraut. Dafür bin ich dankbar. Das hat mir Riesenrespekt vor dem Verein gegeben. Ich hoffe, dass ich das zurückgezahlt habe.“ Da muss er dann doch mal grinsen. Rückraumwürfe aus neun Metern? Verboten Dass es für ihn nach solchen Unfällen überhaupt so weit gegangen ist, erstaunt mindestens wie der langfristig aufgebaute Ruhm. Insofern verkörpert Gísli Kristjánsson den Weg aus der erweiterten Spitze 2018 bis zum weltbesten Verein am besten – sein Transfer aus Kiel (er kam dort wegen einer Verletzung kaum zum Einsatz) war der entscheidende Schachzug zum Titel, zu Titeln. Denn dieser ehrgeizige Kämpfer ist das Missing Link. Erst mit ihm gelang es, sich verlässlich auf sechs Meter vorzurobben, um von dort zu werfen – mit viel größerer Trefferwahrscheinlichkeit. Das hatte Wiegert früh analysiert und inzwischen so verfeinert, dass Rückraumwürfe aus neun Metern verboten sind. Diesem Herangehen vertrauen die Spieler: „Wir bleiben dem System auch in schwachen Phasen treu. Es stützt uns. Das System nach einer Niederlage infrage zu stellen, ist deswegen der falsche Gedanke“, sagt Kristjánsson. Bis zum Sommer 2030 läuft sein Vertrag mit Magdeburg. Wie kein zweites Team haben sie hier das innere Loslassen perfektioniert. Auf Niederlagen folgt kein Absturz. Auf Pleiten wie neulich im Pokal nicht mit Grübeln zu reagieren, sondern emotional nüchtern zu bleiben und sich aufs nächste Spiel auszurichten, ist die große mentale Stärke. Im Fehlersport Handball gehören Rückschläge schließlich dazu. Es klingt wie: „Redet ihr nur“ Der SCM hat mit Kristjánsson und Wiegert ein mittleres Niveau erreicht, das pro Saison ein, zwei schwache Spiele hergibt. Als die öffentliche Meinung Mitte April glaubt, nach dem Reinfall im Pokal sei der SCM-Code entschlüsselt, folgen sichere Siege in der Champions League gegen Szeged. „Die Kritik an uns ist gut, aber das ist nicht meine Meinung“, sagt Kristjánsson, und es klingt wie: „Redet ihr nur.“ Bis 16 spielte er in Islands Jugend-Nationalmannschaften Handball und Fußball. Von seinen Eltern gefördert, hatte er sich da schon ein robustes Mindset zugelegt: „Du musst in Lösungen denken. Nicht in Problemen. Meine Eltern haben mir diesen Gedanken beigebracht. Das ist ein gutes Lebensmotto.“ So spielt er nun auch Handball, ist neben Mathias Gidsel und Dika Mem zum weltweit besten Profi geworden. Angst, Zweifel? Nein. Auch nicht, wenn da die richtig großen Kerle – 30 Kilo schwerer, 20 Zentimeter größer – in der Abwehr warten, böse gucken? Kristjánsson zögert und schaut, als fände er diese Frage rätselhaft. „Nee. Da denke ich nicht ,Scheiße, ist der groß.‘ Sondern, wie ich es lösen kann. Angst zu haben, ist der falsche Gedanke. Du kannst nicht reingehen und denken: ,Uff, der nächste Angriff wird schwer.‘“ Überhaupt komme es ja nicht darauf an, wer größer und kräftiger sei. Sondern wer die bessere Lösung fände: „Ich versuche in jedem Angriff die beste Möglichkeit auf ein Tor herauszufinden. Dann analysiere ich die Abwehr. Es ist meine Verantwortung, meine Nebenspieler gut ins Spiel zu bekommen. Es soll nicht alles nur über mich gehen. Das ist manchmal geplant, manchmal intuitiv. Man muss versuchen, so wenig wie möglich vom Gegner überrascht zu sein. Ich muss eine Antwort haben, bevor der Gegner sie hat“, erklärt er und fragt zurück, als vertraue er seinem Deutsch nicht: „Ergibt das Sinn?“ Was auch zu Wiegert, Kristjánsson, dem SCM gehört, ist, sich im Erfolg nicht treiben zu lassen. Also nach dem letzten großen Sieg den nächsten vorzubereiten. Klingt unmenschlich. Konfrontiert mit der Präparation auf die Saison 2026/27, Läufe, Medizinbälle, Hanteln, sagt Kristjánsson: „Uff. So weit werde ich nicht denken. Über Vorbereitung möchte ich jetzt nicht sprechen.“ Selbst er wird ja wohl mal kurz nachlassen dürfen.