FAZ 10.05.2026
12:26 Uhr

„Mama ist die Best(i)e“: Mutter sinnt auf Rache


Rückkehr in die Schlangengrube: Im ZDF-Zweiteiler „Mama ist die Best(i)e“ zerlegt sich eine schaurig dysfunktionale Familie sehenswert in all ihre feinen Neurosen.

„Mama ist die Best(i)e“: Mutter sinnt auf Rache

Zehn Jahre lang hat die tief gefallene Societylady Gloria Almeda (Adele Neuhauser) im Knast gesessen, als sie unerwartet entlassen wird. Niemand rechnet mit ihr. Weder ihre Kinder, Sohn Severin (Manuel Rubey), dessen Auftritte zwischen bitterem Sarkasmus und schöngeistiger Attitüde changieren, je nach Publikum daheim, noch Tochter Leonie (Fanny Krausz), die schon in sämtlichen Kreativberufen dilettiert hat und nun außer Geld ausgeben gar nichts tut. Beide sind von Beruf Erben, doch tauschen möchte man nicht. Genauso wenig wie mit Severins Gattin Stella (Stefanie Stappenbeck), die immerhin in der herrschaftlichen Sektmanufaktur im Marketing zu tun hat, der vermeintlichen Goldgrube, die nun von Glorias Schwager Gaston (Andreas Lust) geleitet wird, einem Mann, bei dem die Neurosen im Dutzend blühen. Auch Severins und Stellas Tochter Gretchen (Annika Wonner) passt zur marottenreichen, vielleicht gar mörderischen Sippe. Sie spricht nicht, was hier niemanden recht zu stören scheint. Schließlich gibt es andere Probleme als Pubertätszipperlein unter der Millionärstarnkappe. Der Betrieb könnte pleite sein, und Gloria ist eine Gattenmörderin. Eins ist sie nicht: eine Tyrannenmörderin So hat es jedenfalls die Polizistin Regula Fritsch (Aglaia Szyszkowitz) festgestellt, bei, wie sich herausstellt, schlampiger Ermittlung, das Gericht ist ihr gefolgt und hat die einst exaltierte, shoppingsüchtige Dame verurteilt. Dass sie nun plötzlich in relative Freiheit gesetzt wird, schockiert die gierigen Verwandten, die sich im Schloss der Almedas wie die Maden im Speck festgefressen haben, und wird sie bald in Panik versetzen. Nur Kommissarin Fritsch wartet am Gefängnistor, fährt sie heim, legt Gloria eine Fußfessel an. Verbittert, mit strähnigen grauen Haaren und steinernen Gesichtszügen, macht sich Gloria daran, ihren Rachefeldzug in die Tat umzusetzen. Sie mag zwar jahrzehntelang in ihrer sinnlosen, mit Klimper behängten Existenz unfähig gewesen sein als Mutter, desinteressiert am Nachwuchs und oberflächlich bis dümmlich handelnd, eins ist sie nicht: eine Tyrannenmörderin. Wer aber hat Victor (Bernhard Schir), den grausamen pater familias, nun damals wirklich umgebracht und seine junge Geliebte Desirée (Miriam Fussenegger) schwer entstellt? Wer hat den Auftragsmörder angeheuert, einen Dilettanten, der sich selbst mit in die Luft sprengte und keine Auskunft mehr geben kann? In „Mama ist die Best(i)e“, im ZDF-Stream pünktlich zum Muttertag verfügbar, geht es zwar einmal mehr um eine Krimihandlung, andererseits aber um eine schön absurde, schwarzhumorige Familienaufstellung im Milieu der oberen Zehntausend Österreichs. Vertreten durch ein sichtbar spielfreudiges Ensemble, das dem Affen Zucker gibt und in puncto Fiesheit kaum Wünsche übrig lässt. Das Genre „Eat the Rich“ mit Vertretern wie „Succession“ hat im Moment ja Konjunktur, und man braucht sich angesichts der Machtverteilung in der Welt nicht lange zu fragen, warum. In dieser österreichischen Variante freilich kann man sich zusätzlich an den morbiden Charme der „Addams Family“ erinnert fühlen, andererseits einen giftigen Hauch von Arthur Schnitzler revisited sehen. Grotesken Familien bei ihrer Zerlegung zuzusehen, macht Freude, falsch Verurteilte können auf unserer Mitleid bauen, insbesondere wenn sie so „warm“ empfangen werden wie Gloria Almeda bei ihrer Rückkehr in die Schlangengrube. Was sollte hier schiefgehen? Apropos Schlange: Zum Amüsantesten dieser geschickt auf zwei Zeitebene erzählten Reichensaga gehört die Bussi-Bussi-Beziehung zwischen Gloria und ihrer besten Freundin, der Möbelhauserbin Bernadette Pfeifer (Elena Uhlig). Auch Bernadette hat die Verurteilte kein einziges Mal im Gefängnis besucht, was vielleicht verständlich ist, hatte Gloria doch damals mit Bernadettes Mann, dem rückgratlosen Anwalt Tono (Roland Koch), aus lauter Langeweile ein neues Leben geplant. Zehn Jahre Einsamkeit im Knast, die sich nach Glorias Miene gedehnt haben zur Erkenntnis von 100 Jahren Dysfunktionalität – nun die Rache. Gloria hat ihre Truppen platziert. Mitinsassin Henny (Lara Mandoki) spielt Hausmädchen, Mitinsassin Maria (Edita Malovcic) Gastons Assistentin. Solidarität gibt es hier nur unter den Verbrecherinnen. Allmählich, unter weiteren Opfern, entbirgt sich die ganze Schändlichkeit der Almedas, sorgfältig geplant und geschrieben von „Vorstadtweiber“-Drehbuchautor Uli Brée, der mit Adele Neuhauser schon manch schöne Charakterstudie verbrochen hat („Faltenfrei“, „Ungeschminkt“, „Makellos – Eine kurze Welle des Glücks“). Von Ute Wieland (Regie) besonders in den Rückblenden passend ätzend in Szene gesetzt, von Tobias von dem Borne (Kamera) mit Blick für den bloßen Schein der Warenwelt und die Falschheit derer, die sich übers Haben definieren, entlarvt, unterhält „Mama ist die Best(i)e“ fast bis zum Finale, das Brée dann doch sentimental gestaltet und Läuterung präsentiert. Das mag zum Muttertag passen, zur berechnenden Bosheit der Handlung zuvor passt es nicht. Ein Wermutstropfen, aber nur ein kleiner, besonders angesichts der Szenen, in denen Uhlig und Neuhauser mit Drinks am Pool lungern, lästern und selbstbewusst in ihren nicht auf vorteilhaft getrimmten Badeanzügen aussehen, wie echte Frauen eben aussehen. Es ist zwar eine Schande, dass man solchen Realismus eigens loben muss, trotzdem: Hut ab vor den Damen. Und Hut ab für 180 Minuten sehr gute Unterhaltung mit Rücksichtslosigkeitsresozialisierungsgelingen. Der Zweiteiler Mama ist die Best(i)e läuft ab Sonntag im ZDF-Stream und im ZDF am 18. Mai um 20.15 Uhr und um 22.15 Uhr.