FAZ 16.03.2026
15:37 Uhr

Masters in Indian Wells: Tennis-Stoff für die Oscars


Herz-Schmerz-Geschichten und prämierwürdige Nebendarsteller: Das Tennis-Masters in Indian Wells liefert Hollywood-Momente – und bestätigt einen Eindruck: Wer Sinner und Alcaraz nahe kommen will, muss spielen wie sie.

Masters in Indian Wells: Tennis-Stoff für die Oscars

Wenn in Indian Wells Tennis gespielt wird, ist Hollywood nicht weit. Die zweistündige Autofahrt von Los Angeles in die Wüste nehmen Stars und Sternchen gerne in Kauf, um ein anderes Ambiente zu genießen und sich unters Sportpublikum zu mischen. Auf der anderen Seite bietet das Turnier im „Tennis Paradise“ selbst oft Stoff wie aus einem Drehbuch. Wie der Zwischenfall vor zwei Jahren, der nach Hollywoodmasche als Attacke der Killerbienen bezeichnet wurde. Damals fiel ein Bienenschwarm während des Viertelfinals zwischen Carlos Alcaraz und Alexander Zverev im Stadion ein, das Schwirren und Summen konnte erst nach eineinhalb Stunden von einem Kammerjäger beendet werden. Im vergangenen Jahr erschien der Turniersieg des russischen Teenagers Mirra Andrejewa wie eine Cinderella-Story. Bei der diesjährigen Auflage des Masterturniers gab es wieder eine Reihe von Berührungspunkten mit Hollywood. Dass die Finals der Damen und Herren am selben Tag stattfanden wie die Verleihung der Oscars, war eine Pointe, die zu den vorangegangen zwei Turnierwochen und dem Stelldichein der Stars passte. Der Titel des meistprämierten Films „One Battle After Another“ könnte gut und gerne den Weg bezeichnen, den Aryna Sabalenka in der Damenkonkurrenz hinter sich gebracht hat. Dass die Belarussin im Endspiel gegen die Kasachin Jelena Rybakina kurz vor dem Aus stand und einen Matchball abwehren musste, ehe sie 3:6, 6:3, 7:6 gewann, erschien wie ein typischer Hollywood-Twist. Sinners doppelter Sieg Auch dass Sabalenka nach der Hitzeschlacht am Sonntagmittag südkalifornischer Zeit Krämpfe bekam und die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht samt Pokal aus den Latschen zu kippen, passte ins Bild. „Ich brauchte alle Kraft, die mir noch verblieben war“, sagte die Weltranglistenerste: „Reiß dich zusammen, habe ich mir gesagt, ich benötige gute Bilder.“ Dass Aryna Sabalenka zusätzlich zum Siegerporträt noch mit einem süßen Welpen und einem sündhaft teuren Verlobungsring ihres langjährigen Lebensgefährten aus Indian Wells abreiste, rundete die Herz-Schmerz-Geschichte ab. Und damit zu den männlichen Hauptdarstellern und ihren Hollywood-Momenten im selbsternannten Tennisparadies. And the Winner – is Sinner! Der Weltranglistenzweite erlebte beim 7:6, 7:6 gegen den Russen Daniil Medwedew nur einen Anflug von Drama, als das Match beim Stand von 0:4 im Tiebreak des zweiten Satzes zu kippen drohte. Er sei dann „noch mehr auf direkte Punktgewinne gegangen“, sagte Jannik Sinner nach dem Happy-end aus seiner Sicht: „Es war ein unglaublicher Abschluss.“ Nach seinem Premierentitel in Indian Wells (ohne Satzverlust!) hat der 24 Jahre alte Südtiroler nun bei den größten Hartplatzturnieren samt und sonders triumphiert: den Australian Open und US Open, den ATP Finals und den sechs Mastersturnieren. Das war zuvor nur den Tennislegenden Novak Djokovic und Roger Federer gelungen. Dass kurz nach dem Coup Sinners in der Wüstenstadt der Vampirfilm „Blood&Sinners“ in Los Angeles vier Oscar abstaubte, ist ein hübscher Gleichklang. Hollywoodreife Anreise Die tollste Geschichte lieferte aber der unterlegene Finalgegner. Und dass nicht nur, weil Daniil Medwedew bis kurz vor Turnierbeginn wegen des Irankriegs in Dubai festgesessen hatte und sich auf der siebenstündigen Flucht per Auto nach Oman vorkam „wie in einem Hollywoodfilm“. Der Dreißigjährige hätte sich in Indian Wells eine Auszeichnung als bester Nebendarsteller mehr als verdient. Hatte der Russe doch im Halbfinale den Weltranglistenersten Carlos Alcaraz in zwei Sätzen bezwungen und war kaum 24 Stunden später dem Weltranglistenzweiten Sinner auf Augenhöhe begegnet. „Ein bittersüßes Gefühl“ habe er nach der Finalniederlage verspürt, sagte Medwedew, weil er den Erfolg gegen den Spanier wie einen Turniersieg empfunden hatte. „War aber leider nicht die Realität.“ Dennoch: Beide Matches zusammengenommen, war das eine Bestätigung für Medwedew, nach seiner miesen Saison 2025 und dem Rauswurf seines Langzeittrainers auf dem richtigen Weg zu sein. Mit 18 Matchgewinnen, zwei Turniersiegen und der Rückkehr unter die Top-Ten der Welt ist der Russe der Aufsteiger der Saison. Seine Auftritte waren aber auch eine Ermunterung an alle Profikollegen, gegen die beiden herausragenden Profis ihrer Generation sehr forsch statt zu verzagt aufzutreten. Medwedews Tipp: nicht zu sehr auf Sinner und Alcaraz konzentrieren, sondern bei sich bleiben und das eigene Spiel verbessern. Teeniestar Fonseca hält mit Tatsächlich schläft die Konkurrenz nicht. Der US-Open-Champion von 2021 selbst setzt inzwischen sehr gut um, was sich Alexander Zverev vorgenommen hat und in Ansätzen zeigt: Medwedew spielt durchweg mit Tempo und Aggressivität. In eigenen Aufschlagspielen will er die Gegner quasi vom Platz schießen. Zverev hat seine Vorhand verbessert, versucht zunehmend, seine Komfortzone zu verlassen, und hatte Alcaraz bei den Australian Open kurz vor der Niederlage. Der Tscheche Jakub Mensik besiegte Sinner vor einigen Wochen mit Wucht und Wumms beim Turnier in Doha. Der Brasilianer Joao Fonseca lieferte dem Südtiroler vor wenigen Tagen einen packenden Schlagabtausch. „Er ist jetzt schon schwer zu schlagen, in Zukunft wird es noch schwieriger“, sagte Sinner, nachdem er den furchtlosen Teeniestar nach zwei hart umkämpfte Sätzen jeweils im Tiebreak gewonnen hatte. „Auf Grundlage eines Matches können viele Jungs die beiden herausfordern“, ermutigte Medwedew den Rest der Welt. Über die Saison hinweg wird’s schwieriger. Andrej Rublew war vor knapp zwei Jahren in Madrid der letzte, der ein Turnier gewann, an dem sowohl Sinner wie Alcaraz teilnahmen. Noch ein halbes Jahr länger liegt zurück, dass ein Spieler – Novak Djokovic – die beiden Branchenführer in einem Wettbewerb nacheinander besiegte. Von Mittwoch an startet beim Mastersturnier in Miami der zweite Teil des „Sunshine Double“. Dort hatte der junge Tscheche Mensik im Vorjahr die Gunst der Stunde genutzt: Sinner saß seine Dopingsperre ab, Alcaraz verlor sein Auftaktmatch.