In Berlin treffen sich ständig wichtige Leute an Orten wie dem „Borchardt“, dem „Grill Royal“ oder auch im „Café Einstein“. Neulich nun hat sich der Schriftsteller Maxim Biller mit Steffen Martus im „Einstein“ getroffen. Martus ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor des zurzeit wichtigsten Buches zur deutschen Gegenwartsliteratur, „Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart 1989 bis heute“. Ergebnis dieses Treffens ist eine Kolumne Billers, die unter dem Titel „Literaturgeschichte: Und die Juden?“ in der Reihe „Über den Linden“ in der „Zeit“ erschienen ist. Kolumnen weisen bisweilen eine typische Vermischung von Wahrheit und Erfindung auf. Das macht ihren Reiz aus, und zudem der performative Charakter – sie erzählen ja nicht nur, sondern tun eben auch etwas: Sie beleidigen oder verleumden. Der Kolumnist verzichtet gerne aufs Investigative oder Informierende, hält es mit den Fakten nicht so genau. Turnschuhe? Einfache Jeans? Geht ja gar nicht! Martus’ neues Buch sei ihm mit achtunddreißig Euro zu teuer gewesen, so Biller. Es geht ihm aber vor allem darum, das Konzept des Literaturhistorikers zu kritisieren, indem er Martus vorwirft, er ignoriere jüdische Stimmen in der Gegenwartsliteratur. Ob an dem Vorwurf etwas dran ist, steht auf einem anderen Blatt. Bei der Lektüre besagter Kolumne jedenfalls muss man die für den literarischen Journalismus typische Oszillation zwischen Fakten und Fiktionen und auch den performativen Charakter beachten. Dass es sich bei diesem Text um ein literaturjournalistisches Format handelt, wird ganz zu Beginn deutlich. Innerhalb der erzählten Welt der Kolumne wird ein klassisches Motiv des popliterarischen und popjournalistischen Schreibens aufgerufen: die Marke. Marken sind starke Zeichen, sie garantieren Wiedererkennbarkeit für den Leser und sind Teil unseres Alltags. Sie sind daher Medien der realistischen Darstellung. „Und so unprofessoral“ sei Martus laut Biller, „mit seinen Turnschuhen, der einfachen Jeans und der Salz-und-Pfeffer-Strickjacke, die genauso von Sage de Cret wie von Primark sein könnte“. Damit ist das Signal gesetzt. Biller, der mit seinen Rolex-Uhren und seinen Designerhemden natürlich jederzeit als Dandy erkennbar ist, würde die Ununterscheidbarkeit von Marken nicht passieren. Eine Marke zur Schau zu stellen, ist immer ein Statement. Wahrscheinlich trägt Biller auch keine Turnschuhe, ‚einfache Jeans‘ schon gar nicht. Herabsetzung im literarischen Gewand In der nächsten Passage imaginiert Biller eine Campusszene, die den Text zu einer Beleidigung macht. In der Sprechakttheorie, die hier maßgeblich ist, gibt es die sogenannte illokutionäre Handlung. Hier besteht sie aus einer Herabsetzung der professoralen Autorität: „Wird so einer, wenn er bei einer Vorlesung über Hölderlin vorn am Katheder steht, von den Studenten überhaupt ernst genommen?“ Die Wirkung dieser Frage ist kalkuliert. Der Leser soll sich vorstellen, ein turnschuhtragender Professor solle über einen der größten Dichter ever sprechen. In der Biller’schen Frage kommen Bild (casual style), Wort (wie kann man einen Hipster ernst nehmen?) und Gegenstand (Hölderlin, der große Dichterseher und Liebling der Philosophen von Heidegger bis Safranski) nicht zusammen. Die Figur Martus wird weiterhin rein äußerlich, das heißt anhand ihres Auftritts, beschrieben. Beim Essen einer schmalen Mahlzeit in Form eines Avocadobrots wird dem Leser das „freundliche, fast beschämte Lächeln“ Martus’ präsentiert. Wie in einem Theaterstück, gleichsam als Drama, in dem zwei Akteure aufeinandertreffen, wird das Gespräch, das eine „schicksalhafte Meinungsverschiedenheit“ zum Gegenstand hat, in Szene gesetzt. Es endet in einer Katastrophe – wie jedes Drama. Der Gulaschesser trifft auf den bescheidenen Avocadobrotesser. Gleichzeitig ist diese Passage wieder ein beleidigender Sprechakt im literarischen Gewand, denn die Essensgewohnheiten sind ja nicht nur Schrullen, sondern Teil eines von Biller imaginierten akademischen Habitus, den Martus in der Wahrnehmung Billers offensichtlich bricht. Muss man mindestens Carpaccio oder Vitello tonnato essen, um von Biller nicht beleidigt zu werden? Im Grunde handelt es sich bei Billers Stück um eine höchst „indiskrete Fiktion“ (Johannes Franzen). Er ruft Erzählmuster der Popliteratur auf, transformiert den Kolumnenschreiber in einen popliterarischen Autor und Steffen Martus in eine Figur. Er setzt herab und beleidigt. Wir dürfen also demnächst den ersten popliterarischen Campusroman von Maxim Biller erwarten. Er wird indiskret, herablassend und invektiv werden. Er wird mit Sicherheit ein Schlüsselroman. Arbeitstitel: „Der akademische Makel“.
