Schlimme Überraschungen gab es bislang kaum. An einigen Stellen war die Qualität des Betons nicht gut und er muss saniert werden. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Baufirma, die Philipp Holzmann AG, wenig Erfahrung mit Stahlbetonbauten, einer damals neuen Technik, die auch in Bad Soden noch mit reichlich Skepsis betrachtet wurde. Doch bei allen damaligen Bedenken – die Substanz hält bis heute. Dafür gab es eine schöne Überraschung: In den Zwickeln der runden Deckenkuppel fand sich unter Sgrafitto-Verzierungen der Sechzigerjahre noch die originale Jugendstilmalerei. Eine Putte mit Wasserkrug ist schon freigelegt, sie soll behutsam restauriert werden, und ebenso die originale Farbgebung. Das historische Rautenmuster im Umgang dagegen wird, in Abstimmung mit dem Denkmalschutz, zwar aufgenommen, aber modern interpretiert. Vor einem Jahr wurde der Spatenstich zur Renovierung und zum Umbau des Medico-Palais genannten Gebäudes gesetzt. Eigentlich war es eher ein Schlag mit der Spitzhacke, denn vor allem wurde etliches herausgerissen, was nicht ins und ans alte Gebäude gehört. Der rötliche Steinholzestrich etwa, der mit Asbest vermischt war, weshalb zunächst eine umfassende Schadstoffsanierung nötig war. Er soll durch gegossenen Kautschuk in ähnlicher Farbe ersetzt werden. Die Eingangssituation mit den beiden geschwungenen Treppen ist wieder freigelegt, ein späterer Vorbau wurde entfernt. Auch die Wintergärten im zweiten Obergeschoss wurden weggenommen, dort bilden wieder zwei Loggien den Übergang zum Balkon. Im Jahr 1912 eröffnete das einstige „Burgberg-Inhalatorium“, finanziert von den Sodener Kurärzten. Man saß im Erdgeschoss und im Übergeschoss auf Korbsesseln rund um eine schwefelhaltige Fontäne, die bis zum ersten Stock hochsprudelte. „Heilt Katarrhe, Asthma, Herz“ steht auf einer Werbebroschüre aus den Fünfzigerjahren. Bis zu 300 Personen hatten hier Platz, es war die größte Einrichtung ihrer Art in Europa. Finanziell war sie aber kaum erfolgreich, denn gleich nach der Eröffnung brach durch den Ersten Weltkrieg das Geschäft ein, und im Zweiten Weltkrieg ebenso. 1982 wurde das Haus für eine symbolische D-Mark an die Stadt verkauft, die es seitdem als Ärztehaus betrieb. Ein Erfolgsgeschäft war das nicht. „Die Stadt hat tiefrote Zahlen geschrieben“, sagt Bürgermeister Frank Blasch (CDU). Losgeworden ist die Stadt das Gebäude aber auch nicht, zweimal seien Verkaufsverhandlungen gescheitert. Und so verfolgte man die Idee, das Palais zum Rathaus umzunutzen. Rund 23,8 Millionen Euro kosten die Arbeiten nach neuestem Stand, 950.000 Euro Förderung gibt es dafür. Dafür bekommt die Stadt aber drei Verwaltungsgebäude in Sichtweite statt zahlreicher Außenstellen, die über ganz Bad Soden verstreut sind. Und das Areal des Rathauses aus den Fünfzigerjahren kann entwickelt werden. Im Erdgeschoss des Inhalatoriums soll das Bürgerbüro künftig barrierefrei zu erreichen sein. Das ist momentan im Paulinenschlösschen nicht der Fall. Wo einst Inhalationskabinen standen, werden Besprechungsräume eingebaut. Der zentrale Kuppelsaal ist künftig für die Öffentlichkeit zugänglich. Nur eine Wasserfontäne wird dort nicht mehr sprudeln, im Zentrum soll ein Kunstwerk das Thema Wasser aufnehmen. Die beiden Quellen Alter und Neuer Sprudel, die einst für Linderung der Gebrechen sorgten, werden künftig die Beheizung und Kühlung des Hauses übernehmen. Diese zentrale Rotunde ist das Herz des Hauses, überspannt wird sie von einer Glaskuppel. Die Glaskuppel ist gegen die Witterung durch eine weitere Außenverglasung geschützt, in die neue Gläser mit besserer Dämmung eingebaut werden – allein dafür war ein eigenes statisches Gutachten nötig. Dadurch wird das gesamte Kuppelkonstrukt weniger Wärmeschwankungen ausgesetzt sein. Eine solche Drahtputzkuppel könne man statisch heute nicht mehr rechnen, sagt Architekt Thomas Eßmann, der das Projekt für EGN Architekten aus Darmstadt betreut. Ein Experte, der eigens aus dem ostfriesischen Jemgum angereist sei, habe draufgeschaut und befunden, dass die Sache nun 120 Jahre gehalten habe. „Ein besseres Monitoring gibt’s nicht“, sagt Eßmann. In den Obergeschossen wird die Verwaltung unterkommen. Die Geländer sind momentan dick eingepackt, sie werden in Schmiedeeisen und Holz erhalten bleiben. Die alten Holzfenster werden bald ausgebaut und restauriert, einige sind noch von 1912, andere aus den Sechzigerjahren. Von innen werden die Wände mit Kalziumsilikat gedämmt, das Feuchtigkeit in beide Richtungen durchlässt, und auf Dämmebene werden Innenfenster eingebaut. Sie werden mit einem Blendschutz für die Bildschirmarbeit ausgestattet und können auch geöffnet werden. „Wir setzen auf natürliche Lüftung“, sagt Architekt Eßmann. Man habe reichlich Lüftungsleitungen aus den Neunzigerjahren ausgebaut. Durchlüften können sich die Verwaltungsangestellten auch auf dem Balkon, der sich einem hellen Besprechungsraum anschließt. Der Belag, momentan Betonplatten, wird später in Stein ausgeführt, die seitlichen Flächen sollen begrünt werden. Nach vorn schweift der Blick über den Alten Kurpark, rückwärtig sitzt dem Gebäude der Burgberg im Nacken. Daher ließen die Architekten 88 Bohrpfähle aus Beton errichten, die den Hang stützen sollen. In den Pfählen sind Eisenanker verschraubt, 15 Meter tief ragen sie in den Berg hinein. Auf dem ehemaligen rückwärtigen Keller entsteht ein Anbau in Holzhybridbauweise, der Versammlungsräume erhält. Durch einen Verbindungsgang ist er mit dem Haupthaus verbunden und kann über den zentralen Aufzug erreicht werden. Auch außen wird das Gebäude in alter Pracht erstrahlen, wenngleich in nicht ganz so intensivem Ockergelb wie 1912. Derzeit verhandelt man noch mit dem Denkmalschutz über den Farbton. Die alten Holzspaliere, die einst die Fenster im Erdgeschoss rahmten, werden rekonstruiert. Statt des Schriftzugs „Inhalatorium“ wird, auch das erlaubten die Behörden, künftig „Rathaus“ auf der Balustrade zu lesen sein. Langsam könne man auch mal aufhören, vom Medico-Palais zu sprechen, findet Bürgermeister Blasch, zumal das ohnehin nicht seine originale Namensgebung sei, und sich an den Begriff „Rathaus“ gewöhnen. Bis Mitte 2028 haben die Bad Sodener dafür noch Zeit, so lange werden die Arbeiten wohl dauern.
