Michael Braungart ist der Typ Mensch, der ein Lob des Hollywoodstars Brad Pitt nicht auf sich beruhen lässt. Sein „Cradle to Cradle“ über Wege einer naturschonenden Ressourcennutzung sei eines der drei besten Bücher, die er gelesen habe, sagte ihm der Fight-Club-Darsteller einmal bei einer persönlichen Begegnung. Darauf Braungart: ob er wirklich schon drei Bücher gelesen habe? Pitt zeigte sich entgeistert. Der deutsche Chemiker und Ökopionier kann viele solcher Anekdoten erzählen. Denn erstens trifft er viele Prominente – in einem zweistündigen Gespräch kommen Steven Spielberg, der britische König Charles, die Unternehmerin Teresa Heinz und der Autorevolutionär Elon Musk vor. Und zweitens nimmt er kein Blatt vor den Mund. Wenn der Gedanke kommt, muss er heraus. Vielleicht würde mancher beim Namen Braungart eher aufhorchen, hätte er diese Eigenschaft nicht. Dann gäbe es womöglich noch mehr Fürsprecher. Doch auch ohne Geschmeidigkeit hat er es weit gebracht. Sein Konzept hat überall auf der Welt Anhänger gefunden. Mehr als 10.000 Produkte sind nach dem Cradle-to-Cradle-Standard lizenziert, der auf einem einfachen Prinzip basiert: Ein System wird so designt, dass alle seine Stoffströme wieder als Ausgangspunkt für biologische oder technische Prozesse eines anderen eingesetzt werden können. Braungart gab wesentliche Anstöße in Umwelttheorie und -praxis Dieses Konzept hat er Anfang der Neunzigerjahre mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt. Seither hat es in der Praxis und der Theorie wesentliche Anstöße gegeben. Dem vorausgegangen waren eineinhalb Jahrzehnte im Zentrum der ökologischen Kämpfe dieser Zeit – angefangen mit den erfolgreichen Protesten gegen ein Atomkraftwerk im badischen Wyhl bis zur zentralen Rolle, die er als Unterstützer der ersten grünen Landtagsfraktion in Niedersachsen und ihres Aufstiegs zur Regierungspartei hatte. Kreativ und selbstbewusst sei er aufgetreten, im vollen Bewusstsein seiner beachtlichen Kompetenz, sagt Jürgen Trittin, nach 1998 erster grüner Bundesumweltminister, der ihn aus dieser Zeit kennt. Dass es den Grünen in Hannover immer wieder gelungen sei, die bürgerliche Regierung in die Defensive zu drängen, habe mit seinem Fachwissen zu tun gehabt. „Rund um Stoffkreisläufe konnte ihm die staatliche Verwaltung lange nicht das Wasser reichen“, sagt Trittin. Eine durch ihn geschulte Opposition traf auf Regierungsvertreter, denen nicht auffiel, dass sie beim Ablesen von Sprechzetteln „kolorierte“ statt „chlorierte“ Kohlenwasserstoffe erwähnten. Das zu entlarven, war noch eine leichtere Übung für einen, der schon als Jugendlicher im schwäbischen Donautal Fernseher auseinandergebaut und stofflich untersucht hat, um seine Chemielehrerin zu beeindrucken. Oder der in 36 seiner bisher 68 Lebensjahre Muttermilch auf ihre 2800 Chemikalien untersucht hat. Hin- und hergerissen zwischen der Chemielehrerin und dem prägenden Deutschlehrer Hubert Wolf, fiel die Entscheidung zwischen den Polen nicht leicht. „Das Gymnasium Tuttlingen ist mein Menschenbild“, sagt Braungart. Chemie als Studienfach wegen ihrer Primitivität ausgewählt Mit diesem Rüstzeug, der Erfahrung als Umweltaktivist, der die Mutter zu den Grünen und den konservativen Vater vom Auto weggebracht hatte, entschied er sich für den naturwissenschaftlichen Weg. „Ich habe Chemie gemacht, weil sie so primitiv ist“, sagt er. Braungart besuchte mehr als ein Dutzend Universitäten, wo er Wissen aufsaugen konnte, bevor er in Darmstadt seine Doktorarbeit schrieb. Später distanzierte er sich von ihr, weil seine Erkenntnisse dazu genutzt werden konnten, Atomkraftwerke sicherer zu machen. „Cradle to Cradle“ wird heute mit dem verstärkten Bemühen um Kreislaufwirtschaft in Unternehmen immer stärker beachtet. Dabei ist es konzeptionell radikal anders gedacht. Auf der einen Seite der Nachhaltigkeit stehen Klimaneutralität, planetare Grenzen, Effizienz und Suffizienz, Langlebigkeit und minimaler Fußabdruck. Braungart dagegen lobbyiert für Klimapositivität, Überflussgesellschaft, Effektivität, definierte Nutzungszeiten und dafür, den menschlichen Fußabdruck zu feiern. Nach seiner ersten Zeit als Referent im niedersächsischen Landtag fragte Greenpeace seine wissenschaftliche Expertise an. „Ich war der Erste mit wissenschaftlichem Hintergrund, der athletisch genug war, alle Aktionen bei Greenpeace mitzumachen“, sagt er. Hier lernte er zunächst die Deutschlandchefin Monika Griefahn kennen, die er später heiratete und mit der er drei Kinder hat. Dann auch Gerhard Schröder, der das Potential der beiden erkannte, ihm bei der Ablösung Ernst Albrechts als Ministerpräsident zu helfen. Mit dem Clou, Griefahn zur durchaus erfolgreichen Umweltministerin zu machen, ärgerte er den grünen Koalitionspartner. Und Braungart trat als Fachhochschulprofessor ins zweite Glied. „Meine Frau war eingespannt als Ministerin, ich kümmerte mich. Denn ich wollte Kinder haben.“ 1988 gründete er sein Unternehmen EPEA. Aus der Greenpeace-Zeit hatte er gute Kontakte zur Gegenseite, der Schweizer Pharmaindustrie. Eines der Unternehmen beauftragte ihn, Erkenntnisse über das Verhältnis des Menschen zur Natur zu sammeln. Er sprach mit 80 Naturvölkern, interviewte Michail Gorbatschow und den Dalai Lama. Am Ende stand „Cradle to Cradle“. Altes Wissen für die Industriegesellschaft verwertbar gemacht „Braungart hat altes Kreislaufwissen für eine moderne, hochtechnisierte Welt wieder anschlussfähig gemacht und mit ernsthafter Materialchemie verbunden. Das ist sein bleibender Verdienst“, würdigt ihn der österreichisch-iranische Ökonom Rahim Taghizadegan, ansonsten ein scharfer Kritiker seines Konzepts. Die Grundidee sei so alt wie sympathisch. Unternehmen biete sich aber die Gelegenheit, unter diesem Begriff Greenwashing zu betreiben. Autohersteller, die Dächer begrünten, aber trotzdem weiter Sprit schluckende SUVs verkauften, zählt er dazu, wie auch überteuerte Häuser in einem Modelldorf in China. Nicht alles, was theoretisch kreislauffähig ist, sei es auch in der Praxis. Und die Abkehr von Effizienz und Suffizienz habe eine Kehrseite. „Wer glaubt, man dürfe wieder unbeschwert wegwerfen, solange der Abfall ‚gut‘ sei, befördert genau die Wegwerfgesellschaft“, sagt Taghizadegan. Braungart dagegen sieht viele Vorhaben nur halbherzig umgesetzt, bestenfalls die halbe Strecke sei erreicht. „Knödel to Knödel statt Cradle to Cradle“, sagt er. Das Falsche wird durch Effizienzgewinne etwas weniger schlimm Im Nachhaltigkeitsdiskurs nimmt Braungart eine Ausnahmestellung ein: Er war früh dabei, ist international vernetzt, hat Lieblingsprojekte mit dem Haarfarbenhersteller Wella, dem Textilunternehmen Trigema und dem Entsorger Remondis gemacht. Und er sagt: „Nachhaltigkeit schadet der Wirtschaft sehr.“ Das Konzept beruhe auf Sparen, Schämen und Einschränkungen. Und es werde so verrechtlicht, dass neue Klagetatbestände entstünden: „Wir liefern den Mittelstand amerikanischen Anwaltsfirmen aus.“ Es bringe nichts, wenn das Falsche durch Effizienzgewinne etwas weniger schlimm gemacht werden solle. Weniger Reifenabrieb tilge nicht das Mikroplastik. Dass Menschen Schuhe herstellten, ohne zu fragen, was mit dem Abrieb passiere, sei schwer begreiflich. „Wir werden verblöden und es gar nicht merken“, prophezeit er. Unternehmen müssten dahin kommen, dass die Leistung, nicht das physische Produkt verkauft werde. „Man braucht die Triebwerksleistung, nicht das Triebwerk“, sagt er. Das Recht auf Reparatur hält er für Quatsch, besser wäre ein Recht auf Intaktheit. „Cradle to Cradle“ ist inzwischen auch ein Familienunternehmen. Seine Frau hat über das Konzept nach dem Ende ihrer politischen Laufbahn eine Doktorarbeit geschrieben. Seine Tochter Nora Sophie und ihr Lebenspartner führen eine Nichtregierungsorganisation, die das Konzept in Unternehmenskooperationen vorantreibt. „Kein Problem kann mit derselben Denke gelöst werden, wie es verursacht wurde“, sagt Michael Braungart.
