Der Machtwechsel in Budapest nach den Parlamentswahlen Mitte April hat in der Unternehmenslandschaft einen Stimmungsumschwung ausgelöst, der in Tempo und Breite bemerkenswert ist. Selten lässt sich in ökonomischen Umfragen so klar ein Effekt ablesen. Genau das zeigen die jüngsten Erhebungen der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK): In der regulären Frühjahrsbefragung im Rahmen der weltweiten DIHK-Umfrage – abgeschlossen zehn Tage vor der Wahl – dominierte Skepsis. In der direkt im Anschluss durchgeführten Blitzumfrage kippt das Bild: Mehr Unternehmen erwarten bessere Geschäfte, mehr sehen wieder Chancen, und mehr würden Ungarn abermals als Standort wählen. Dieser schnelle Vertrauensimpuls markiert einen politischen Wendepunkt, der ökonomisch allerdings erst noch mit Substanz zu füllen ist. Die Zahlen der DUIHK illustrieren das Ausmaß des Stimmungswandels. Vor der Wahl rechneten 24 Prozent der Unternehmen mit einer besseren eigenen Geschäftslage im Jahr 2026, 27 Prozent erwarteten eine Verschlechterung. Nach der Wahl drehen sich die Vorzeichen: 35 Prozent sehen bessere Geschäfte, nur noch 19 Prozent kalkulieren mit einem Rückgang. Auf der Makroebene fällt der Umschwung noch deutlicher aus. In der Frühjahrswelle sagten nur sieben Prozent eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage voraus, 48 Prozent erwarteten eine Verschlechterung. Unmittelbar nach der Wahl kehrt sich das Verhältnis um: 42 Prozent blicken konjunkturell optimistisch voraus, 17 Prozent bleiben pessimistisch. Auch die Investitionsneigung nimmt spürbar zu: Ein Viertel der Betriebe plant infolge des Wahlausgangs höhere Investitionen. Und die Standorttreue erreicht nahezu einen Höchststand: 87 Prozent würden Ungarn erneut als Investitionsstandort wählen – nur knapp unter dem historischen Rekord von 88 Prozent. Investoren suchen politische Klarheit Diese Daten sind bedeutend aus mehreren Gründen. Zum einen belegen sie die Sensitivität von Investitionsentscheidungen und Geschäftserwartungen gegenüber politischer Klarheit. Zum anderen verfestigen sie, dass Erwartungsbildung sektorenspezifisch verläuft. Besonders stark dominieren binnenmarktorientierte Branchen wie etwa Handel und Dienstleistungen. Die politische Dimension erhält besonderes Gewicht angesichts der engen wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Deutschland und Ungarn. DUIHK-Präsident Róbert Keszte sagte bei der Vorstellung der Ergebnisse, ein Viertel der ungarischen Exporte gehe nach Deutschland, deutsche Unternehmen beschäftigten im Land fast eine Viertelmillion Menschen und sorgten für mehr als zwölf Prozent der ungarischen Wertschöpfung. Ungarn ist für deutsche Unternehmen ein wichtiger Baustein in mittel- und osteuropäischen Wertschöpfungsketten, vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie, aber zunehmend auch in Elektronik, Logistik und IT-Dienstleistungen. Vor diesem Hintergrund ist der DUIHK-Hinweis bedeutsam, dass Ungarn im Vergleich mit anderen Ländern der Region derzeit nur im Mittelfeld liegt – aber in der Region schon einmal Spitzenreiter war. Die inhaltliche Schnittmenge zwischen den Erwartungen der Wirtschaft und den Ankündigungen der neuen Regierung ist auffällig groß. Zu den Punkten, die Unternehmen immer wieder als prioritär bezeichnen, gehören eine Reform des Bildungssystems mit Förderung der technischen Kompetenz sowie die Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) und deren stärkere Integration in internationale Wertschöpfungsketten. Außerdem fordern sie eine entschlossene Korruptionsbekämpfung und maximale Transparenz beim Einsatz öffentlicher Mittel sowie die Einführung des Euros: 75 Prozent der Befragten sprechen sich für die Einführung des Euros aus – der höchste Wert seit Beginn der DUIHK-Erhebungen. Politisch ausgelöster Optimismus trifft auf strukturelle Defizite Gleichzeitig weist die DUIHK auf offene Punkte hin, die rasch geklärt werden müssen, damit der Stimmungsaufschwung umgesetzt wird. Obenan steht die geplante Einschränkung der Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitskräfte aus Drittstaaten. Angesichts einer strukturell angespannten Fachkräftelage würde eine strengere Zuwanderungsregelung den Engpass verschärfen. Auch ist die Zukunft der Investitionsförderung zu klären. In der Industrie hängt nach Angaben der Kammer jede dritte Investition von staatlichen Anreizen ab. Eine Neujustierung der Förderarchitektur, die nicht rechtzeitig kommuniziert oder im internationalen Vergleich unattraktiver wird, riskiert, Projekte in Nachbarländer zu verschieben. Die Standortqualität im regionalen Vergleich hat sich in den Jahren 2012 bis 2020 verbessert, seit vier bis fünf Jahren ist aber ein negativer Trend zu beobachten, der sich 2026 fortgesetzt hat. Die Gesamtlage ist damit paradox und chancenreich zugleich: Ein politisch ausgelöster Optimismus trifft auf strukturelle Defizite, die handwerkliche Regierungsarbeit erfordern. Die neue TISZA-Regierung profitiert davon, dass sich viele ihrer angekündigten Schwerpunkte mit den Erwartungen der Unternehmen überschneiden. Doch die Liste der Aufgaben ist lang, die Zeitfenster sind begrenzt, und der regionale Wettbewerb schläft nicht. Hinzu kommt eine Dimension, die in den Kammerzahlen nur am Rand auftaucht, aber politökonomisch schwer wiegt: das Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit und Gleichbehandlung. Philipp Haußmann, Vizechef des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, formuliert das unverblümt: Es gebe Unternehmen, die „vermutlich nicht nach Ungarn zurückkehren werden“. Er erwartet, „dass die Gleichbehandlung wiederhergestellt wird“ und „offene Angriffe gegen deutsche Unternehmen in Ungarn aufhören“. Die Warnung, dass „der EU-Binnenmarkt gefährdet“ ist, wenn „das, was in Ungarn passiert ist, Schule macht“, und die Beobachtung von „Spill-Over-Effekten in der Slowakei und in Bulgarien“ unterstreichen, wie sensibel die deutsche Wirtschaft auf Signale in der Region reagiert.
