FAZ 22.09.2026
14:05 Uhr

Nach Wahlsieg: Die Berliner Linke hat ein Remmo-Problem


In Berlin siegt eine Partei, die bei organisierter Kriminalität an Vonovia denkt. Während die Linkspartei feiert, markiert der Pate von Neukölln sein Revier.

Nach Wahlsieg: Die Berliner Linke hat ein Remmo-Problem

Die Szene könnte als Auftakt für eine noch zu drehende Netflix-Serie „Babylon Berlin. 100 Jahre später“ taugen: Zu sehen ist eine Wahlparty, die junge, gutaussehende Spitzenkandidatin feiert ihren Sieg und den ihrer Partei, sie ruft der Menge zu, dass die Liebe über den Hass gewonnen habe. Um sie herum auf der Bühne und vor ihr im Publikum lauter andere junge Leute mit sympathischen, sensiblen Gesichtern, die sich umarmen. Dann fährt die Kamera auf einen nicht mehr jungen Mann, der sich mit einem Begleiter im Hintergrund aufhält: kantiges Gesicht, kurzer Bart. Alles an seinen Zügen verrät, dass er zu befehlen gewohnt ist und jederzeit zur Brutalität bereit. Er lächelt kurz, als sich die Spitzenkandidatin bei den Berlinerinnen und Berlinern für ihr Vertrauen bedankt. Die Bilder von der Spitzenkandidatin konnte das Fernsehpublikum am Sonntagabend live auf allen Kanälen verfolgen: wie sich die jubelnde Elif Eralp von der Linkspartei und das Publikum im Festsaal Kreuzberg gegenseitig anhimmelten. Mancher ältere Zuschauer im Lande hat vermutlich geschaut, ob er das eigene Kind in der Menge entdeckt. 43 Prozent der 16 bis 24 Jahre alten Wähler haben für die Linkspartei gestimmt. Es sind keineswegs nur solche darunter, die sogenannten benachteiligten Gruppen zuzurechnen wären. Es ist vielmehr auffällig, wie viele Kinder reicher oder zumindest wohlhabender Eltern die Linkspartei wählen, vor allem die Töchter. Man höre sich zudem unter jungen Berufstätigen um, darunter Anwälte in Großkanzleien: Auch hier ist die Anziehungskraft der Partei, die Enteignungen propagiert und mit dem Antisemitismus flirtet, sehr groß. Der Pate fühlt sich jetzt voll integriert Den Mann im Hintergrund haben die Fernsehkameras am Sonntag nicht eingefangen, seine Anwesenheit sprach sich trotzdem schnell herum. Es handelte sich um Issa Remmo, Chef eines bundesweit bekannten Berliner Clans, der seinen Lebensunterhalt vor allem mit Einnahmen aus bewaffneten Raubüberfällen und Schutzgelderpressung bestreiten soll, die zum Teil auch in Immobilien fließen. Auch fremdes Gold eignet sich der Clan gerne an, etwa durch den Raub einer Hundert-Kilo-Goldmünze aus dem Bodemuseum in Berlin und der Kronjuwelen Augusts des Starken aus dem Dresdner Grünen Gewölbe. Im Gespräch mit Journalisten gab Remmo zu Protokoll, die Linkspartei sei die erste deutsche Partei, von der er sich unterstützt fühle. Auch im Netz demonstrierten die Remmos ihre Verbindung mit der Partei: Firas Remmo, einer der Söhne des Clanchefs, veröffentlichte Teile eines Nachrichtenverlaufs mit dem Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak, der im Februar stattgefunden hatte, auf Instagram. Darin schrieb Koçak an Remmo junior, er möge „Grüße mit Respekt“ an seinen Vater ausrichten, und bat darum, eine seiner Reden, die er im Bundestag hielt, zu teilen. Die Linkspartei, von der sich Issa Remmo endlich erfolgreich integriert fühlt, sagt jetzt, sie habe ihn nicht eingeladen. Das stimmt vermutlich, aber das ist nicht der Punkt. Ein Issa Remmo wartet nicht darauf, dass er eingeladen wird. Er zeigt sich, wenn er das für richtig hält, und wenn er das tut, dann will er damit etwas sagen. Im Zweifel, dass er hier der Boss ist. Er war schließlich auch nicht nach Deutschland eingeladen worden, und doch hat er hier sehr erfolgreich eine kriminelle Organisation aufgebaut. Der deutsche Staat und seine Justiz haben sich zwar bemüht, ihm das Handwerk zu legen, sie haben zwischenzeitlich sogar kleinere Erfolge verzeichnet. Am Ende aber hat es nicht gereicht, auch nicht dazu, ihn des Landes zu verweisen. Stattdessen patrouilliert er jetzt in Kreuzberg und Neukölln. Justiz in Angst vor der Organisierten Kriminalität Dazu passt, dass inzwischen die Berliner Justiz Angst vor der Organisierten Kriminalität haben muss. Laut „Bild“-Zeitung haben Informanten aus der türkischen Mafia berichtet, dass es Todeslisten mit Namen deutscher Staatsanwälte und Richter gebe. Schon vor einigen Jahren mussten Richterinnen nach Drohungen aus dem Drogenmilieu unter Schutz gestellt werden. Türkischstämmige Geschäftsleute werden durch kriminelle Banden erpresst, es kommt immer häufiger zu Schießereien. Die Täter werden teils extra aus der Türkei eingeflogen. Das Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft haben Sondereinheiten und spezielle Ermittlungsgruppen eingerichtet. Ihre politischen Vorgesetzten könnten bald von der Linkspartei gestellt werden. Doch die Linke redet nicht so gern von Clans und von Mafia, das hält sie für rassistisch. Sie plant stattdessen, die Polizei in ihren Mitteln zu beschränken: Statt die Beamten besser auszurüsten, soll das Geld in Straßensozialarbeit, Jugendhilfe sowie Not- und Krisendienste umgeleitet werden. Die Waffenverbotszonen und das Konzept der kriminalitätsbelasteten Orte sollen entfallen, die dort möglichen anlasslosen Kontrollen und die Videoüberwachung führen nach Ansicht der Linken zu Diskriminierung und Racial Profiling. Und im Versammlungsrecht sollen das Vermummungs- und das Schutzwaffenverbot entfallen. Zu lesen ist allerdings auch, dass die Linkspartei den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität weiter führen möchte. Allerdings stellt sich die Frage, was die Partei unter Organisierter Kriminalität versteht. Offenkundig eher den Wohnungskonzern Vonovia als den Remmo-Clan, der jetzt den Lohn dafür erwartet, die Stimmen der Sonnenallee der Linkspartei zugeführt zu haben. Derweil kann sich die AfD über die unerwartete Hilfe freuen, die Remmos Macht- und Freundschaftszeichen an die Linkspartei für sie bedeuten. SPD und Grüne wiederum werden sie zu ignorieren versuchen auf ihrem Weg in die Koalition mit der Linkspartei, mutmaßlich erfolgreich. Die Linkspartei tut das Ihre dazu: Sie teilte am Dienstag Nachmittag mit, Koçak werde zunächst nicht mehr an Sitzungen des Bundestags-Innenausschusses teilnehmen. Der Abgeordnete werde bis zur Herstellung „vollumfänglicher Transparenz“ auch nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten. Auf seinem Erfolgsalbum „Stadtaffe“ singt Peter Fox über einen Tagesanbruch in Berlin nach durchfeierter Nacht: „Feierabend für die Straßengangs, ’n Hooligan liegt ’ner Frau in den Armen und flennt. Diese Stadt ist eben doch gar nicht so hart, wie du denkst.“ Das war der Sound der Beschwichtigung im Mittelschicht-Hiphop von 2008. Die Melodie ist immer noch sehr beliebt. Doch die Hooligans flennen nicht mehr, und die Gangs kennen keinen Feierabend. Sie rüsten sich für ihre anstehenden Schlachten. Der Song trägt übrigens den Titel „Schwarz zu blau“.