Am Ende steht sie wieder zwischen den Lorbeer-Büschen hinter dem tschechischen Pavillon, die pinke Sturmhaube auf den schwarzen Haaren, ihr Atem schnell und angestrengt. Es ist Mittwoch morgen, zweiter Preview-Tag der 61. Kunstbiennale in Venedig. Gerade hat Nadya Tolokonnikova – russische Exilkünstlerin, ehemalige Kreml-Gefangene und Mitgründerin von Pussy Riot – noch versucht, in den russischen Pavillon hier in den Giardini einzudringen. Aus Protest, weil die Biennale-Leitung um Direktor Pietrangelo Buttafuoco zugelassen hat, dass Russland nach vier Jahren selbstverordnetem Embargo wieder in ihren Pavillon, einen hellgrünen Imperialbau von 1914, zurückkehrt. Ein kulturpolitischer Tabubruch, das fanden viele bereits im Vorlauf der Kunstschau. Seien es die italienische Regierung, die deshalb zurückgetretene Biennale-Jury oder die EU, ein großer Geldgeber. Geholfen hat ihr Widerspruch wenig, Russland ist in Venedig, Pussy Riot aber auch. Fast beiläufig kommt der Raketenalarm Rückblick, fünf Tage vorher, Zoom-Call. Auch Nadya Tolokonnikova hat versucht, die Biennale-Leitung darüber aufzuklären, was es bedeutet, sich Russland auf kulturdiplomatischer Bühne anzunähern. Nicht mit Happenings, wie sonst, habe sie das getan, erzählt sie, sondern mit einer politischen Kampagne. „Ich bin gerade in Kyiv“, sagt sie, „mit allem, was hier jeden Tag an Leid passiert, wirkt Protest mit Kunst irgendwie lächerlich.“ Kurz danach, fast beiläufig, ertönt eine blecherne Stimme aus dem Off, dann der Raketenalarm, der solche Zoom-Gespräche in die Ukraine nicht zum ersten Mal unterbricht. Tolokonnikova gehört zu einer von wenigen russischen Oppositionellen, die überhaupt in die Ukraine einreisen dürfen. Sie wirbt für mehr militärische Unterstützung der ukrainischen Armee. Aus dieser Dringlichkeit heraus hat sie auch ihre Kampagne gestartet, reiste im April nach Straßburg, traf Abgeordnete der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und brachte 71 von ihnen dazu, mit ihr eine Erklärung zu unterschreiben, die fordert, den russischen Pavillon durch eine Ausstellung der Kunstwerke politischer Gefangener zu ersetzen. Die Ausstellung will das wahre Gesicht Russlands zeigen Ganz kunstlos verlief auch die Kampagne vor Ort in Straßburg nicht. In der Galerie Ritsch-Fisch kuratierte Tolokonnikova beispielhaft die Ausstellung, die sie anstelle des russischen Pavillons in Venedig zeigen würde. Darin versammelte sie Kunstwerke und Artefakte politischer Gefangener wie Lyudmila Razumova, die sich zurzeit immer noch wegen Anti-Kriegs-Graffitis in russischer Lagerhaft befindet, oder von Alexander Dotsenko, einem Juwelier aus St. Petersburg, der im Februar in einer russischen Strafkolonie verstorben war. Was Tolokonnikova mit dieser Ausstellung bezwecken will, ist klar: das wahre Gesicht Russlands zeigen. Zurück in Venedig. Jetzt, wenige Minuten bevor der Pussy-Riot-Protest beginnen wird, steht Tolokonnikova schräg gegenüber des russischen Pavillons, der nicht ihrer ist, der sie als pro-ukrainische Exilrussin nicht repräsentiert. Seit gestern hat der Pavillon für die Pressevorbesichtigung geöffnet, sein Inhalt ist makaber und zynisch. Im Erdgeschoss raven rotbäckige russische Hipster zu dröhnendem Hard Techno – ein Totentanz; der restliche Pavillon ist mit Blumenbouquets und Wurzelholz zugestellt, dazwischen vormoderne Masken, Ethnokitsch, der an die Vorstellung einer Russkiy Mir, einer „russischen Welt“, der von Alexander Dugin entlehnten Kulturideologie des Kremls, erinnert. In den Pavillon hineingegangen sei sie nicht, sagt Tolokonnikova, den Blick in eine der vielen Handy- und TV-Kameras gerichtet, die sie vor einer Wand des tschechischen Pavillons umzingeln. „Das hätte ich nicht gepackt“, sagt sie, „aber ich bin vor der Tür gestanden, mit einem T-Shirt der Ukrainischen Verteidigungsarmee.“ Gegen Vorwürfe italienischer Agitationsjournalisten, sie wolle russische Kunst zensieren, wehrt sie sich mit müdem Lächeln und sagt in deren Kamera: „Ich bin nicht hier, um zu zensieren, ich bin hier, um eine Alternative zu zeigen, die Kunst von denen, die Russland zensiert.“ Und dann ist es so weit: Tolokonnikova und ihre Mitstreiter, junge und ältere Performerinnen, Abenteuer suchende Künstler, empörte Aktivisten, sogar ein paar Galeristinnen, ziehen von einem Medientross verfolgt hinter den tschechischen Pavillon. Mittlerweile regnet es zwischen den Lorbeer-Büschen wie in den Tropen. Die pinken Sturmhauben werden ausgegeben und auch Bengalos, die Freunde von Pussy Riot durch ein Loch im Zaun aufs Gelände geschleust haben. „Immerhin brauchen wir hier in Venedig keine echten Bomben“, sagt einer von ihnen. Nach zehnminütiger Einweisung ins Alphabet des Protesthappenings und gegenseitigem Anfeuern geht der Protest los. Die Pussy-Riot-Aktivisten rennen in Richtung des russischen Pavillons. Hinter der verschlossenen Glastür steht ein Mann und filmt Davor angekommen, sammeln sich binnen weniger Sekunden gut dreihundert Biennale-Besucher, um das Protestspektakel zu beschauen. Einige stimmen in die Sprech-und-Schrei-Chöre ein: „Blood is Russia’s Art“ oder „Art on Show, Graves below“. Dazu läuft ukrainischer Rap oder schriller Techno-Punk, dessen verzerrte Lyrics Nadya Tolokonnikova ins Mikro brüllt, ohne dass ihr nach fünfzehn Minuten Action die Stimme versagt. Ihr Protestchorus wirkt eingeübt, nicht aber, weil er nur performativ ist, sondern weil die Gründe zu protestieren nicht weniger werden. Dann, inmitten des pinken Bengalo-Nebels tut sich plötzlich eine Lücke in der Wand aus Carabinieri auf, die den Eingang zum russischen Pavillon bewachen. Tolokonnikova und zwei andere Aktivisten nutzen die Chance, dringen zum Eingang vor, schmeißen sich zu Boden und bilden eine Sitzblockade. Die Polizei lässt sie eingehakt am Boden sitzen, um sie herum tanzt und schreit die Menge. Hinter der verschlossenen Glastüre des Pavillons: Gelächter und ein älterer Mann in beigem Leinenanzug, auf dem Kopf trägt er eine der ausgestellten Ethno-Masken. Auch er lacht und filmt Tolokonnikova mit dem Handy. Noch ein paar Minuten geht es so weiter, dann löst sich der Protest nach kurzem Kommando auf. Hinter dem tschechischen Pavillon umarmen sich die vom Regen durchnässten Aktivisten nochmals, Tolokonnikova nimmt ihre junge Tochter an die Hand. Sie schaut auf die Besucher, die schon wieder zum nächsten Event, der Eröffnung des österreichischen Pavillons, strömen. „Ehrlich“, sagt sie, „eigentlich hat mich die Biennale vor heute nie wirklich interessiert – ich bin Punk-Künstlerin, ich geb einen Scheiß drauf.“ Ob Parlamentskampagnen auch Punk sind? Für Nadya Tolokonnikova ist alles Punk, was der Ukraine Freiheit und Putin ein Ende beschert.
