Die Ökonomin Veronika Grimm empfiehlt, dass Europa einen größeren Teil seines Gasbedarfs langfristig absichert und die Verträge flexibler gestaltet. Russische Pipeline-Importe seien vor allem durch Liquefied Natural Gas (LNG) aus den USA und Pipeline-Importe aus Norwegen ersetzt worden, sagte Grimm, die Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist, am Mittwoch. Europas Abhängigkeiten seien damit nicht verschwunden. „Durch die stärkere Nutzung von LNG ist Europa heute enger in den globalen Gasmarkt eingebunden und damit auch stärker internationalen Preisentwicklungen und geopolitischen Störungen ausgesetzt“, heißt es in dem Gutachten von Grimm und ihren Kollegen von der Technischen Universität Nürnberg. Europa brauche mehr Länder, aus denen es Gas beziehen kann. Während der Vorstellung des Gutachtens zweifelte Grimm daran, dass die Europäische Union wie geplant Erdgas durch umweltfreundlicheren Wasserstoff oder Biomethangas ersetzen kann. Grimm ist auch Beraterin von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Im Falle von Erdgas sollte Europa „stärker auf langfristige, aber zielortflexible Lieferverträge setzen“, heißt es in dem Gutachten. Solche Verträge sollten aber nicht in einer Krise abgeschlossen werden, weil es dann zu teuer werde. Die Idee dahinter: Mit langfristigen Verträgen sichert sich Europa gegen hohe Preise und Gasmangel ab. Wenn Europa dann wie geplant weniger fossiles LNG braucht, kann es den Überschuss weiterverkaufen oder „zur Herstellung klimafreundlicher Gase“ nutzen. Blauer Wasserstoff Als Beispiel dafür nennen die Gutachter blauen Wasserstoff. Dabei wird Wasserstoff aus fossilem Erdgas hergestellt und das dabei entstehende Kohlendioxid teilweise abgeschieden und im Erdboden gespeichert. Wenn der blaue Wasserstoff an einem Standort mit günstigen Produktionsbedingungen hergestellt wird, könnten Emissionen so stark gesenkt werden, ohne die Kosten zu erhöhen (siehe Grafik). Ein guter Standort sei etwa Norwegen, wo Erdgas vergleichsweise emissionsarm gefördert wird. Grüner Wasserstoff, der nur mithilfe von erneuerbaren Energien gewonnen wird, ist emissionsfrei, dafür aber etwas teurer in der Produktion. Laut dem Gutachten könnte blauer Wasserstoff „auf bestehenden Prozessen und Infrastrukturen aufbauen und zur Absicherung der Transformation beitragen, wenn andere Dekarbonisierungspfade langsamer vorankommen als erhofft“. So sei Biomethan nur begrenzt verfügbar und der Hochlauf von grünem Wasserstoff „mit erheblichen Kosten-, Infrastruktur- und Skalierungsherausforderungen verbunden“. Die Forscher folgern deswegen, dass die europäische Gaspolitik nicht auf „eine einzelne Prognose des zukünftigen Energiesystems“ ausgerichtet sein sollte, sondern stattdessen unterschiedliche Entwicklungspfade absichern sollte. Wie lang Gas noch benötigt werde, hänge vom effizienten Einsatz von Energie, der Elektrifizierung und dem Ausbau erneuerbarer Energien ab. „Eine Abkehr von Erdgas nur durch den Umstieg auf grünen Wasserstoff wird nicht finanzierbar sein“, sagte Grimm. Weil es der Wirtschaft schlecht ginge, sei es unsicher, wie schnell der Verbrauch von fossilen Energien sinken werde. In dem Gutachten steht auch, dass die Potentiale einer höheren Erdgasproduktion in Europa „ergebnisoffen geprüft“ werden sollten. Zudem sollten die europäischen Länder bei der Beschaffung und Speicherung von Gas stärker zusammenarbeiten, um Kosten zu sparen und nationale Alleingänge zu vermeiden. Flexible Beschaffung, Diversifizierung und Technologieoffenheit könnten laut dem Gutachten dazu beitragen, Risiken zu begrenzen und die Transformationskosten möglichst niedrig zu halten, ohne Europa langfristig auf einen hohen Erdgasverbrauch festzulegen. Das könne die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende erhöhen und damit ermöglichen, die europäischen Klimaziele zu erreichen.
